Süddeutsche Zeitung

Karl Valentin:Bayern traut sich nicht an Karl Valentin ran

Der Nachlassverwalter des Komikers bekommt ständig Anfragen, ob aus Finnland, Italien oder Mexiko. In seiner Heimat ist Valentin dagegen zum Denkmal erstarrt.

Von Gerhard Fischer

Hat sich Gunter Fette diesen prachtvollen Satz vorher zurechtgelegt? Vermutlich ist er unbeabsichtigt entstanden, also im Vorgang des Sprechens erwachsen. "Karl Valentin war nach seinem Tod tot", sagt Fette. Das hätte auch Valentin so sagen können. Was Gunter Fette wirklich meint: Als der Humorist im Februar 1948 starb, war er als Künstler vergessen; und das für lange Zeit.

Heute ist Fette, 75, als Valentins Nachlassverwalter gut beschäftigt. "Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht Anfragen zu Valentin kriege", sagt er. Es geht um die Verwendung von Texten und Fotos aus Valentins Leben und Werk.

Gunter Fettes Büro liegt am Bavariaring. Schon im Foyer trifft man auf Karl Valentin, das heißt: auf ein Plakat einer Valentin-Aufführung in Durban in Südafrika. Dann kommt eines aus Rio de Janeiro. "Die haben dort - und auch in Sao Paulo - Ende der Achtzigerjahre Valentin gespielt, etwa 100 Vorstellungen am Stück", sagt Fette. Er geht weiter. "Ach, hier, das ist mein Lieblingsbild von ihm", sagt er, kurz bevor er sein Büro betritt. Die Zeichnung zeigt einen spindeldürren, vornüber gebeugten Valentin, den das Gewicht einer Weltkugel, die an seinem Hals hängt, nach unten zieht. "Besser könnte man sein Leiden unter den Beschwernissen des Lebens nicht darstellen."

Natürlich trifft man auch in Fettes Büro ständig auf den Komiker, zum Beispiel auf eine riesenhafte Valentin-Marionette. Wenn man aus dem Fenster blickt, schaut man direkt auf ... nicht auf Valentin, sondern auf die Bavaria. "Sie winkt mir jeden Morgen zu", sagt Gunter Fette. Dann redet er über sein Sofa. Es ist ein braunes Ledersofa, schön wuchtig. Berühmte Leute waren dort gesessen. Der Filmanwalt Fette hat sie alle vor Gericht vertreten, etwa Luis Trenker.

"Der Trenker saß mal hier, als er schon über 90 war", erzählt er. "Damals hatte die Bild geschrieben, er könnte der Vater des Kindes seiner schwangeren, jungen Haushälterin Martina sein." War er es? "Natürlich nicht - und Luis Trenker tobte", sagt Fette. "Er saß mit der hochschwangeren Martina bei mir auf dem Sofa und hat wie wahnsinnig auf die Sauhund und Lügner von der Presse geschimpft."

Fette lächelt. "Aber von einem Moment auf den anderen hat sich sein Gesichtsausdruck verändert. Er strahlte." Fette macht Trenker nach. "Und dann streichelte Trenker der neben ihm sitzenden Martina über den Bauch und sagte: ,Aber wann es a Bua wird, dann nennen wir ihn Luis, gell Martina'." Fette lacht. Nicht laut. Er bricht sein leises Lachen auch sehr schnell ab, es geht über in ein Grinsen.

Gunter Fette hat sich gewissenhaft auf das Gespräch vorbereitet. Er hat Artikel kopiert, die über ihn geschrieben wurden, er hat seine Aussagen über Prominente dokumentiert und kopiert, und er übergibt seinem Gast eine handgeschriebene Liste seiner Mandanten und Ex-Mandanten; ein paar Charaktere kommentiert er auch.

Ganz oben auf der Liste stehen Maria Schell ("kein Seelchen, sondern eine ganz große Seele"), Lilo Pulver ("hielt oft mehr, als sie vorher versprach"), Maximilian Schell ("er sagte, er sei kein Schauspieler, sondern Philosoph"), Curd Jürgens, Mario Adorf, Luis Trenker, Johannes Heesters und Pierre Brice. Viele sind schon gestorben, und so wurde Fette vom Anwalt zum Nachlassverwalter. Geblieben sind die Geschichten.

Etwa die mit Bernhard Wicki, dem berühmten Regisseur. Wicki war verheiratet, hatte aber ein Verhältnis mit der Schauspielerin Elisabeth Endriss. Fette erzählt, wie Bernhard Wicki eines Tages unangemeldet in seiner Kanzlei aufgetaucht sei, "mit einem lila Jogginganzug", und wie er mit einem wütenden "die blöde Kuh!" die Abendzeitung auf den Tisch knallte. Endriss hatte dem Blatt gesagt, dass sie ein Verhältnis mit Wicki habe. Fette riet ihm, seine Frau zu informieren, bevor sie es von Dritten erfahren würde. "Als er sie am Telefon hatte, sagte er: ,Ich bin gerade beim Fette - und der muss dir was sagen.' Dann gab er mir den Hörer."

Fette schweigt kurz. Er denkt nach. Hat er zu viel verraten? Er beschließt, dass er nicht zu viel verraten hat. "Bernhard Wicki hat das ja in seinem Buch auch geschrieben", sagt er.

Fettes Familie muss aus der DDR fliehen

Gunter Fette wurde 1941 in Westpreußen geboren. Nach dem Krieg flohen die Mutter und die beiden Söhne - der Vater war in Stalingrad gefallen - vor den Russen und kamen in einem Haus der Oma in Thüringen unter. "In der Scheune der Großmutter habe ich als Kind schon Theater gespielt", erzählt Fette. "Am liebsten war ich der König, und mein Bruder hat mir später erzählt, dass ich die Krone selbst im Bett noch aufgehabt habe." Und er hat Eintritt verlangt: zehn Pfennig.

Der Bruder, acht Jahre älter als Gunter Fette, ging 1951 zum Studium nach West-Berlin, doch die Mutter und der jüngere Sohn blieben - der Oma zuliebe. Sie betrieben eine Landwirtschaft; aber sie wurden als "Kapitalisten" geschmäht, weil der Großvater früher eine große Seifenfabrik hatte. "Wegen meiner sozialen Herkunft und meiner politischen Einstellung hätte ich in der DDR keine Chance gehabt", sagt Fette, "ich hätte nicht studieren können."

1958 starb die Oma, und Mutter und Sohn planten ihre Flucht. "Wir haben sehr viel riskiert", sagt Gunter Fette. Wären sie erwischt worden, sie hätten wohl zwei Jahre ins Gefängnis gemusst. "Ich habe dann mit 20 Jahren Diabetes bekommen", erzählt er, "möglicherweise lag das an dieser großen Belastung durch die Flucht."

"Ich kann auf Knopfdruck erzählen"

Fette redet und redet. Er hat viele Geschichten im Kopf - Anekdoten von Prominenten und die eigene Geschichte. "Ich kann auf Knopfdruck erzählen, wenn ich auf Erlebnisse meines Lebens angesprochen werde - so lebendig ist die Erinnerung", sagt er. Fette erzählt schnell, ohne Pause, und manchmal auch, ohne auf die Frage des Gesprächspartners zu achten.

Er ging dann in Nordrhein-Westfalen auf ein Internat, machte das Abi und studierte Jura. 1970 trat er in die Münchner Kanzlei von Gustav Brugger ein, einem bekannten Anwalt, der Schauspieler und Regisseure vertrat. Fette lächelt, als er sagt: "An meinem ersten Tag stellte Brugger einen großen Pappkarton auf den Tisch und sagte: Da ist der Valentin-Nachlass drin, den sollen wir jetzt verwalten - das machen Sie!"

Der Künstler Valentin wurde 1970 gerade wiederentdeckt. Seine Tochter Bertl Böheim bekam Anfragen, ob man Texte übernehmen dürfe - es ging um Werbesprüche, Marketing-Artikel, Schallplatten oder Buch-Cover, eben um diese ganzen Sachen mit dem Urheberrecht. Bertl Böheim sei damit überfordert gewesen, sagt Fette. Wäre Karl Valentin damals selbst zum Anwalt gegangen, hätte er vielleicht gesagt: "Sie san net auf uns angewiesen, aber mir auf Eahna, des müassens Eahna merka!"

Böheim habe viel von Valentin gehabt, sagt Gunter Fette, "wie sie geredet und geschaut hat - sie hat mich auch veralbert und verunsichert, und sich dann darüber amüsiert, wenn ich wieder einmal darauf hereingefallen war." Bertl Böheim sei auch mal bei Fettes zu Hause gewesen und habe einen Weihnachtskaktus mitgebracht, der im Winter blühte. "Meine Töchter haben dann, wenn der Kaktus aufging, immer gesagt: Papi, guck mal, die Frau Böheim blüht wieder!" Bertl Böheim starb 1985.

Fette arbeitete daraufhin mit Valentins Enkelin Anneliese Kühn zusammen, und als diese 2014 ebenfalls starb, wurde Fette die Testamentsvollstreckung übertragen. Er bestimmt nun alleine über die Urheberrechte. Einige enden bereits 2018, also 70 Jahre nach dem Tod von Valentin. Die Rechte für 25 Hauptwerke - etwa den Firmling - laufen 2030 aus, 70 Jahre nach dem Tod von Liesl Karlstadt.

Anfragen kämen nahezu täglich, sagt er. "Zum Beispiel von der Freiwilligen Feuerwehr Hinterpfuideifi, die Valentins Firmling aufführen wollen und auf einer Postkarte schreiben: Bitten, uns den Firmling per Nachnahme zu schicken." Gemeint war der Text. Fette lacht. "Da erteilen wir natürlich die Genehmigung."

Auch aus dem Ausland kommen Anfragen, meistens geht es um Bühnenaufführungen. "Das schwedische Staatstheater wollte schon 1970 Valentin spielen - ich weiß zwar nicht, was Semmelnknödeln auf Schwedisch heißt, aber offenbar geht das." Er nennt auch noch Theater in Spanien, Portugal, Finnland und Mexiko - und vor allem Italien und Frankreich. "Die kennen oft die Figur von Valentin gar nicht, finden aber die Texte spannend und aktuell."

Bloß in Bayern traue man sich nicht an ihn ran. "Wegen der Verfilmungen seiner Sketche glaubt man, ihn nicht nachspielen zu können", sagt Fette. Er schüttelt den Kopf. Er ist enttäuscht, dass Valentin in den vergangenen Jahrzehnten an den großen Münchner Theatern, etwa an den Kammerspielen oder am Residenztheater, nicht gespielt worden ist. "Offenbar hat man den ganz eigenen Wert der Texte - unabhängig von der Darstellung durch Valentin oder Liesl Karlstadt - in Bayern nicht begriffen."

Nach dem Tod seiner ersten Frau hat Gunter Fette eine neue Lebenspartnerin kennengelernt - eine Französin, die im diplomatischen Dienst gearbeitet hat und alle paar Jahre woanders leben durfte, mal in Paris, mal in Wien, mal in Nantes. "Ich bin gern in der Fremde", sagt Fette, "mein Zuhause ist die Fremde - so könnte ich es etwas überspitzt sagen". Das hat vielleicht damit zu tun, dass er schon als Kind und Jugendlicher keinen Ort hatte, den er als Heimat bezeichnen konnte.

Auch ein Papagei kann ein Rindvieh sein

Seine Kanzlei blieb immer in München, er konnte die Arbeit - "dank Internet und anderer Kommunikationsmöglichkeiten" - auch woanders erledigen. Allerdings musste er oft pendeln. "Ich habe manches Jahr 100 000 Kilometer im Flugzeug verbracht", sagt er.

Am Ende holt Fette dann ein paar Valentin-Bücher und Valentin-CDs herbei, die er herausgebracht hat. Es geht um Karl Valentin und die Gesundheit, die Frauen, die Musik, sprachliche Wirrungen und seine Weltbetrachtung. Natürlich blättert man gleich darin, nachdem man Fettes Büro verlassen hat, und findet überall schöne Sätze, zum Beispiel: "In dem Moment, wo ein Papagei dumm daherredet, ist eben der Papagei auch ein Rindvieh!" Oder: "Arme Frau (ohne Uhr) bittet edle Menschen um Angabe der Zeit - Postkarte genügt."

Ein paar Tage nach dem Treffen kommt ein Anruf von Gunter Fette. Er habe noch ein paar Geschichten, die er beim Treffen nicht erzählt habe. So habe er etwa Briefe im Nachlass von Curd Jürgens gefunden, und in denen habe gestanden, dass Jürgens 1957 eine "kurze, aber intensive Liebesbeziehung" mit der jungen Romy Schneider gehabt habe. "In den Briefen hat Schneider gefleht, dass Jürgens, der damals 41 war, zu keiner anderen Frau mehr gehen dürfe", erzählt Fette, "und er dürfe nicht mehr so viel rauchen und trinken". Jürgens habe daraufhin Schluss gemacht.

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Quelle:
SZ vom 23.02.2017/bhi
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