Zeitgeschichte Mi 40 Reichsmark nach Italien

Thea Obarzanek dagegen war spät dran. Ihr Vater Samuel war Schneider. Die vierköpfige Familie wollte erst in die USA auswandern, dann nach Australien oder nach Shanghai, doch nirgends waren sie willkommen. Also setzten sich die Obarzaneks im Juni 1939 mit 40 Reichsmark und vier Koffern in einen überfüllten Zug nach Mailand.

Dort lebten sie in einem Zimmer mit Kochgelegenheit und schlugen sich mit Schwarzarbeit durch. In Sicherheit waren sie nicht. Als das Leben in Mailand für Juden zu gefährlich wurde, schickte sie ihre Vermieterin in ein abgelegenes Bergdorf, wo der Pfarrer Helfer organisierte. Doch ein anderer Flüchtling war unvorsichtig, die Familie wurde entdeckt, von italienischen Polizisten verhaftet und deportiert.

Ähnlich erging es am Ende Simon Landmann. Dabei ließ sich seine Flucht anfangs noch gut an. Landmann verließ München mit seiner Familie im April 1940. Im Mai bestieg er in Triest ein Schiff, das ihn zusammen mit anderen Flüchtlingen nach Libyen brachte, das damals von Italien besetzt war. Von dort sollte es weitergehen nach Palästina oder Australien.

Doch Landmanns Reisegruppe hing in Bengasi fest. Dort wurden sie von den einheimischen Juden herzlich aufgenommen; mehrere Gastgeber boten gar an, ihre minderjährigen Kinder mit denen der Flüchtlinge zu verloben.

Das Schiff aber, das die Flüchtlinge in Bengasi aufnehmen und fortbringen sollte, kam nie. Dafür rückte die afrikanische Front näher. Und schließlich brachten die italienischen Behörden die Flüchtlinge zurück nach Europa. Simon Landmann landete im Internierungslager Ferramonti di Tarsia in Kalabrien.

So sieht das ehemalige Lager inzwischen aus.

(Foto: Imago)

Die Italiener nannten dieses Lager ein "campo di concentramento"; mit seinen deutschen Namensvettern aber war Ferramonti nicht zu vergleichen. Es hatte eine Synagoge, eine Schule und eine Bibliothek, sogar einen Kindergarten und ein Theater. Trotzdem gab es Schmutz und Hunger, es grassierten Krankheiten, und die Internierten litten unter dem allgegenwärtigen Ungeziefer und unter Langeweile. Im September 1943 wurde das Lager von der britischen Armee befreit.

Für Landmann war der Schrecken indes noch nicht vorüber. Nach dem Waffenstillstand zwischen Italien und den Alliierten 1943 besetzten deutsche Verbände den Norden des Landes - und sie trieben umgehend die einheimischen und hierher geflohenen Juden zusammen. Landmann und seine Familie wurden in der Nähe von Grosseto in der Toskana ein weiteres Mal verhaftet und inhaftiert. Am 30. Januar 1944 verließ der erste Transport Italien in Richtung Auschwitz. Mit diesem Zug fuhr auch Simon Landmann in den Tod.

Thea Obarzanek hingegen hat überlebt. Mit ihrer Mutter war sie am Ende im Konzentrationslager Groß-Rosen eingesperrt gewesen. Nach dem Krieg emigrierten die beiden zunächst in das junge Israel, später gingen sie in die USA. Als Erstes aber kehrten sie in jenes norditalienische Bergdorf zurück, in dem die Familie zuletzt zusammengelebt hatte. Sie hofften, dass auch ihr Vater Samuel und ihr Bruder Emanuel überlebt hatten und dorthin zurückkehren würden. Sie warteten vergeblich.

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