Theaterwanderung in Österreich Wie fühlt sich Flucht an?

Gefährlicher Weg zur rettenden Grenze: Schauspieler stellen die gefährliche Flucht Richtung Schweiz nach.

(Foto: Stefan Kothner/Montafon Tourismus GmbH)

Im Montafon spüren Wanderer in idyllischer Almlandschaft dem Schicksal verfolgter Juden nach. Der Kontrast könnte kaum größer sein.

Von Hans Gasser

Was war das? Während morgens um halb zehn in der Lobby des Hotels Madrisa geschäftiges Treiben herrscht, Gäste Koffer hinter sich herziehen und Rechnungen begleichen, tönt es plötzlich vielstimmig durch den Raum: "Nein, verehrter Saurier, nein!"

Nebenan, in der hölzernen Stube des 1905 erbauten Hotels, drängen sich Menschen in Wanderkluft um einen Mann im samtenen Morgenmantel. In spöttischem Ton spricht der Schauspieler Andreas Kosek in die Runde: "Manchmal schufen Riesenechsen / von besonderer Statur / schlau und roh, zu fünfen, sechsen / eine Urwalddiktatur. / Wer nicht kuschte, ward zerrissen / auf der Flucht im Urgestein / Dieser Brauch hat schwinden müssen?" "Nein, verehrter Saurier, nein!", rufen ihm drei andere Schauspieler zu.

Es ist der Auftakt zur Montafoner Theaterwanderung "Auf der Flucht". Dabei wird an neun verschiedenen Schauplätzen die Flucht von Juden während der Nazi-Diktatur thematisiert; viele versuchten, über die auf den Bergkämmen oberhalb von Gargellen verlaufende Grenze in die Schweiz zu kommen.

500 Höhenmeter müssen bei der Wanderung von Publikum und Schauspielern überwunden werden, es geht von der Kirche vor dem Hotel Madrisa an schönen alten Walser Holzhäusern, Blumenwiesen und Bächen vorbei bis hinauf auf die Obere Alpe Röbi, 1900 Meter über dem Meer. Gespielt wird im Wald, auf Almen, in Almhütten und sogar in einem Viehstall. Die fünf Ensemblemitglieder des Teatro Caprile spielen Texte von österreichischen Schriftstellern wie Franz Werfel, Theodor Kramer oder Jura Soyfer. Von letzterem stammt das in der Eingangsszene vorgetragene Gedicht "Saurier erwache!". Es geht darin um eine Riesenechse, die 1940 aufwacht und nach der Befragung der Menschen feststellt, dass sich seit dem Tertiär an den brutalen Gepflogenheiten eigentlich nicht viel geändert hat und Saurier also als modern gelten können.

Neben literarischen Texten und Figuren hat Regisseur Kosek auch historische Personen eingebunden, etwa zwei jüdische Frauen, die von österreichischen Grenzern auf der Alm verhaftet wurden und sich im Gefängnis Sankt Gallenkirch erhängt haben, weil sie wussten, dass man sie ins KZ bringen würde. Auch der Schriftsteller Jura Soyfer wurde hier im Rätikongebirge bei der Flucht auf Skiern aufgegriffen, zuerst ins KZ Dachau und dann nach Buchenwald gebracht, wo er an Typhus starb.

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Es ist kein leichter Stoff, den die Schauspieler in der idyllischen Almlandschaft zum Besten geben, auf einer der Fluchtrouten in Richtung Sarotlajoch. Umso gewagter ist es, dies in einem touristischen Kontext zu tun, der eigentlich die friedliche Almlandschaft in den Vordergrund rücken will. Für Friedrich Juen gehört das aber ganz selbstverständlich zum Erbe seines Heimatortes Gargellen. Der Fünfzigjährige, braun gebrannt, mit dunklem Schnauzbart und kräftiger Statur, führt die 45 Theatergäste auf dem schmalen Steig von Szene zu Szene. "So eine Flucht ist kein Honigschlecken", scherzt er, wenn die Gäste in der Sommerhitze schwitzen und schnaufen. Juen arbeitet für die Bergbahnen, seine Passion gilt aber der Geschichte des Montafons. Er ist so etwas wie der Dorfhistoriker von Gargellen und hat den Theaterleuten geholfen, die richtigen Plätze zu finden. "Ich kenn' hier halt jeden Stein." Anfangs hätten manche im Dorf gesagt: "Lasst doch die Kriegszeit in Ruhe." Aber mit dem Erfolg des Stücks habe sich die Überzeugung durchgesetzt, "dass es besser ist, offen mit diesem Teil der eigenen Geschichte umzugehen".

Juen erzählt zwischen den Szenen historische Fakten. Das mit den zwei jüdischen Frauen etwa, deren Akten vernichtet wurden, weshalb man ihre Namen nicht mehr kennt; oder er liest aus den Dokumenten vor, dass bei der nachträglichen Abstimmung zum Anschluss Österreichs "alle 62 stimmberechtigten Gargeller für Hitler gestimmt haben". Man sei stolz darauf gewesen. Und ein junger deutscher Deserteur sei erst von einem Bergführer verraten und dann oben beim Gandasee von einheimischen Polizisten hinterrücks erschossen und spätabends am Dorffriedhof verscharrt worden. "Beerdigung will ich das nicht nennen", so Juen. Ihn qualifiziert für sein Amt als "Auf der Flucht"-Wanderführer aber noch etwas anderes: Sein Großonkel Meinrad Juen, Metzger, Senner und Schmuggler aus Sankt Gallenkirch, hat nachweislich 42 Juden durchs Gebirge über die Schweizer Grenze geführt, unterstützt von Friedrichs Großvater Wilhelm Juen. Meinrad, so erzählte es ihm der Opa, habe immer Ziegenglöckchen in der Tasche gehabt. "Trat ein Flüchtender ein paar Steine los, die runterpolterten, läutete er damit, um die Zöllner denken zu lassen, es sei eine Ziege gewesen." Man sei immer nachts oder bei schlechtem Wetter gegangen. "So gesehen ist der Himmel heute viel zu blau für die Aufführung", sagt Juen. Bei Nebel sei die Stimmung noch viel eindrücklicher.