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Interview zum 5. Münchner Klimaherbst:"Die Wettermaschine schaltet einen Gang höher"

2011 wird wohl das teuerste Naturkatastrophenjahr. Bislang. Hitzeperioden, Stürme und Starkregen könnten bald Normalität sein. Die Meteorologie-Professoren Gerhard Berz und Peter Höppe über stürmische Zeiten für die Region und was sie an Klimakonferenzen kritisieren.

Michael Ruhland

Sie halten die Naturkatastrophen weltweit im Blick und schätzen ab, wie viel Anteil der Klimawandel bereits an Stürmen, Überschwemmungen und Dürren hat. Die beiden Meteorologie-Professoren Gerhard Berz und Peter Höppe prophezeien, dass es auch hier in der Region heißer und stürmischer wird. Berz, 69, leitete 30 Jahre lang die Georisikoforschung bei der Munich Re, Höppe löste den Klimaschutzpionier im Jahr 2004 ab.

Gewitter ueber Regensburg

Wetterextreme im Großraum München werden zunehmen.

(Foto: dapd)

Herr Höppe, steuern wir in diesem Jahr schon wieder auf einen neuen Rekord an Schäden durch Naturkatastrophen zu?

Ja, 2011 wird gemessen an den volkswirtschaftlichen Schäden das teuerste Naturkatastrophenjahr in der Geschichte werden - vor allem durch das Erdbeben in Japan. Es dürfte die bislang teuerste Naturkatastrophe sein, weit vor dem Hurrikan Katrina im Jahr 2005. Damals gab es 125 Milliarden US-Dollar Gesamtschaden, das Erdbeben in Japan und der dadurch ausgelöste Tsunami werden auf über 200 Milliarden Dollar geschätzt.

Ist der Klimawandel inzwischen schuld am Gros der Naturkatastrophen?

Höppe:Nein, aber wir sind uns sicher, dass der Klimawandel die Anzahl und Intensität der wetterbedingten Katastrophen erhöht, freilich nicht der geophysikalischen Ereignisse wie der Erdbeben.

Berz:Tatsache ist, dass wir über die vergangenen drei Jahrzehnte einen immer größeren Anteil von Wetterschäden verzeichnen.

Höppe:Die Statistik belegt dies eindeutig. Es gibt eine Schere, die immer weiter aufgeht. Die Wetterereignisse steigen stark an, etwa um den Faktor 3 in den letzten 30 Jahren.

Beunruhigt Sie das?

Höppe: Ja. Es gibt inzwischen auch immer mehr wissenschaftliche Studien, die zeigen, dass aufgrund des Klimawandels Wetterextreme zunehmen. Stürme werden intensiver, es gibt mehr Starkregen. Rein physikalisch ist das auch plausibel: Die Atmosphäre und die Meeresoberflächen erwärmen sich zunehmend, was auch nachgewiesen ist. Dadurch verdunstet mehr Wasser, der Wasserdampf setzt seine Energie wieder frei, wenn er kondensiert. Das ist der Treibstoff für die großen Stürme, vor allem die tropischen. Die Wettermaschine schaltet gewissermaßen einen Gang höher.

Berz: Wenn man sich die Häufigkeitskurve der Temperaturen anschaut, so hat sich deren Verteilung nach oben verschoben. Hitzeperioden werden in Zukunft wahrscheinlicher. Ein Hitzesommer wie im Jahr 2003 hat in der Wahrscheinlichkeit um den Faktor 20 zugenommen.

Wir erleben solch einen Jahrhundertsommer hier im Großraum München statisch gesehen bald alle fünf Jahre?

Berz: Die Modellrechnungen zeigen, dass solch ein Sommer mit extrem hohen Temperaturen noch in diesem Jahrhundert zu einem fast schon normalen Sommer wird. Und dass noch heißere Sommer auftreten können.

Herr Berz, als Sie vor 40 Jahren anfingen, sich mit dem Klimawandel zu befassen: Fühlten Sie sich wie ein Prophet oder eher wie ein Spielverderber?

Berz: Damals glaubte ich selbst noch nicht an den Klimawandel. In den sechziger Jahren sprach man an der Universität noch von einer neuen Eiszeit. Es gab ja in der Erdgeschichte immer wieder Hinweise auf schlagartige Rückfälle in eiszeitliche Verhältnisse. Tatsächlich ist es so, dass wir in den letzten paar tausend Jahren weltweit einen langsamen Rückgang der Temperaturen hatten.

Der ist aber mittlerweile in einen steilen Anstieg umgeschwenkt.

Berz: Richtig, das ist die sogenannte Hockeyschlägerkurve, von der die Fachkreise sprechen: eine lange lineare Abnahme, etwa zwei Zehntel Grad in tausend Jahren, und jetzt plötzlich ein Anstieg um fast ein Grad in hundert Jahren. Eine enorme Trendumkehr also.

Ab wann wurde Ihnen bewusst, dass die Realität völlig anders aussieht, als Ihre Uni-Professoren Sie lehrten?

Berz: Für mich war es eine Überraschung, als die Kaufleute bei der Münchener Rückversicherung auf eine Häufung von Stürmen in Deutschland hinwiesen. Nach der Hamburger Sturmflut 1962 gab es eine regelrechte Serie. Man sehe doch, sagten die Kollegen, die Stürme würden immer häufiger. Das war sicher auch der Grund dafür, dass die Münchener Rück Meteorologen einstellte.

Trotz wissenschaftlicher Erkenntnis und fundierter Datengrundlage: Warum tut sich die Politik so schwer mit Maßnahmen und Regelungen?

Höppe: Es liegt daran, dass der Klimawandel das erste große globale Problem ist. Zum ersten Mal verändert der Mensch global etwas, was in der Summe erhebliche negative Auswirkungen hat. Klimaschutz kann man nur sinnvoll über globale Vereinbarungen organisieren. Leider gibt es aber unterschiedliche nationale Interessen. Auf Länderebene funktioniert Klimaschutz ja teilweise schon ganz gut. Ich denke, dass in Deutschland bisher eine gute Klimaschutzpolitik gemacht wurde. Seit 1990 haben die Treibhausgasemissionen um mehr als 20 Prozent abgenommen - mehr als in Kyoto versprochen wurde . . .

. . . das hatte aber auch mit der Wiedervereinigung und der Stilllegung ganzer Industriezweige zu tun.

Es gab aber weltweit kein anderes Land, das so hohe Versprechungen machte - natürlich auch, weil man diese erwarteten Effekte bereits einkalkuliert hatte.

Weltweit tritt der Klimaschutz aber auf der Stelle.

Höppe: Es gibt immer noch die Angst, dass Klimaschutz für die Volkswirtschaften von Nachteil sein könnte. Diese Angst ist unberechtigt. Viele seriöse Studien zeigen genau das Gegenteil: Innovationen und Investitionen in erneuerbare Energien verhelfen zu mehr Wachstum, und sie schaffen Arbeitsplätze.

Sie setzen auf technische Innovation und darauf, dass die Wirtschaft vorangeht, weil sie der Politik den großen Durchbruch nicht zutrauen?

Höppe: Die Wahrscheinlichkeit, global den großen politischen Durchbruch zu schaffen, ist gering. Mit großer Wahrscheinlichkeit spielt uns aber der Markt in die Hände. Wir sehen jetzt schon, wie stark sich Photovoltaikanlagen verbilligt haben in den letzten Jahren. Bei Windkraftanlagen kommen wir in guten Lagen den Kosten der Produktion aus fossilen Energieträgern schon sehr nahe.

Berz: Das beste Beispiel sind die USA. Wie viel dort jetzt in Solar- und Windenergie investiert wird, ist kolossal. Meine größte Hoffnung ruht auf den Kommunen und der Bevölkerung. Gemeinden schließen sich auch in der Region München zusammen und setzen sich sehr ehrgeizige Ziele. Es gibt Bürgersolaranlagen - all dies kann mehr bringen als große Einzelprojekte.

Sie halten nicht viel von den Absichtserklärungen der Klimakonferenzen?

Berz: Was mich stört, ist, wenn stolze Zahlen verkündet werden, wie etwa: Bis 2050 verringern wir die Treibhausgasemissionen um 80 Prozent. Nur muss dafür in vierzig Jahren niemand mehr geradestehen. Mir fehlten immer schon verbindliche Aussagen: Nächstes Jahr reduzieren wir um ein Prozent, im darauf folgenden um 1,5 Prozent. Darauf könnte man einen Politiker festnageln.

Die Vorreiterrolle der Munich Re beim Klimaschutz ist ja aus der Not geboren. Steigen die Schadensfälle, könnten die Versicherungsprämien unbezahlbar werden - das wäre der Versicherungs-GAU?

Höppe: Wir gehen nicht davon aus, dass Versicherungen gegen Naturkatastrophen aufgrund des Klimawandels unbezahlbar werden. Die Prämien werden steigen, entscheidend für Munich Re ist, dass wir die Risiken richtig erfassen.

Die Stadtwerke München investieren Milliarden in Ökostromprojekte. Ist das der Weg, der in die Zukunft weist?

Höppe: Eindeutig ja. Das ist unterstützenswert und ich freue mich, dass inzwischen viele Versorger diesen Weg gehen.

Berz: Ich finde auch Projekte wie das Praterkraftwerk, in dem sich der Verein Green City Energy engagiert hat, äußerst wichtig. Auf der untersten Bürgerebene und der Ebene der Nichtregierungsorganisationen kann sehr viel geleistet werden, vorzugsweise mit lokalen Stadtwerken oder anderen Organisationen.

Sie haben einen achtjährigen Enkel. Was sagen Sie dem zum Klimawandel?

Berz: Ich versuche ihm klarzumachen, dass es um seine Zukunft geht; dass man jetzt handeln muss, um die Erde bewohnbar zu halten. Ich sage ihm aber auch, dass die Welt am Ende dieses Jahrhunderts völlig anders ausschauen wird, als sie das heute tut. Die Alpen werden zum Beispiel kaum noch Gletscher haben.

© SZ vom 30.09.2011/mil

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