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München:"Du musst besser sein als die Männer"

60 Jahre Kommunalpolitik: einstige SPD-Stadträtin Inge Hügenell.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Die leidenschaftliche Sozialpolitikerin Inge Hügenell ist mit 93 Jahren gestorben.

Von Kassian Stroh

Dass es eine verheiratete Frau, eine Mutter dreier Kinder, in die Politik zieht, das hat in den Siebzigerjahren wohl nicht jedem gefallen. Sie solle sich doch lieber um ihren verwahrlosten Nachwuchs kümmern, das sei ihr damals gesagt worden, hat Inge Hügenell einmal erzählt. Gehört hat sie nicht darauf: 1972 kandidierte die Sozialdemokratin für den Münchner Stadtrat - mit Erfolg. Sie blieb sein Mitglied 24 Jahre lang. Davor und danach gehörte sie zudem mehr als ein Vierteljahrhundert dem Bezirksausschuss von Obergiesing-Fasangarten an. 60 Jahre Kommunalpolitik - darauf können nicht viele Menschen zurückblicken. Am Samstagmittag ist Hügenell im Alter von 93 Jahren nach längerer Krankheit gestorben, wie ihre Familie mitteilt.

Mit Politik kam sie, wie sie erzählte, schon früh in Kontakt: Der Vater war ein überzeugter Sozialdemokrat. Sie selbst weigerte sich ebenfalls, der NSDAP oder anderen Nazi-Organisationen beizutreten. So durfte sie nicht aufs Gymnasium, das ersehnte Medizinstudium blieb Wunschtraum. Stattdessen machte Hügenell eine kaufmännische Ausbildung bei Siemens. Nach dem Krieg wurde sie Gewerkschafterin und - so bald sie durfte - SPD-Mitglied. Ihr Antrieb war, nach der Nazi-Diktatur in Deutschland eine Demokratie aufzubauen. Bald begann sie auch für den Gewerkschaftsbund zu arbeiten. 1960 zog sie erstmals in den Bezirksausschuss 17 ein, dem sie bis 1972 angehörte - und dann später wieder in den Jahren 2002 bis 2016, bis sie ihr Mandat niederlegte, als damals älteste Stadtteilpolitikerin Münchens. Dort wie auch im Stadtrat habe sie sich "leidenschaftlich für die Menschen eingesetzt", mit diesen Worten würdigt Münchens SPD-Chefin Claudia Tausend die Verstorbene. Hügenells Feld war dabei vor allem die Sozialpolitik, der Einsatz für Frauen, Kinder, alte und behinderte Menschen. "Eine sozial gerechte Gesellschaft war ihr lebenslanges Herzensanliegen", sagt Tausend. Engagiert und oft auch streitbar sei sie gewesen. "Das Soziale lag mir", hat Hügenell selbst einmal gesagt. "Das habe ich wahrscheinlich von zu Hause mitgekriegt - dass man sich für Schwächere einsetzt."

Und eben für Frauen. Hügenell kämpfte gegen das Verbot abzutreiben und für ein Frauenhaus in München. Und sie machte nach eigenem Bekunden in all den Jahren als Politikerin immer wieder die Erfahrung, dass sie von den Kollegen im Stadtrat und den Beamten in der Verwaltung nicht ernst genommen wurde. "Meine Kolleginnen und ich lernten schnell: Du musst besser sein als die Männer." Hügenell muss gut gewesen sein: Ihr Engagement wurde unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz und der Medaille München leuchtet in Gold ausgezeichnet.

© SZ vom 22.06.2020
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