Homophobie im Glockenbachviertel:"Wieso zum Teufel haben Menschen denn Angst vor uns?"

Woran das liegt? Die Schwestern glauben, es habe etwas mit der sich wandelnden politischen Kultur zu tun. Mit der AfD und dem Erstarken der Rechten. Vielleicht liegt es auch daran, dass das neue Partyvolk im Glockenbachviertel Schwule bisher nur aus der Lindenstraße kannte. Und manch einer lehnt eben ab, was er nicht kennt.

Es ist schwierig, diese so schmerzlich gefühlte Entwicklung statistisch zu untermauern. Im vergangenen Jahr erfasste die Polizei in München nur fünf politisch motivierte Straftaten mit den Kriterien "Hasskriminalität" und "sexuelle Orientierung". 2015 waren es neun und im Jahr davor 28. Glaubt man der Statistik, wird das Problem kleiner und nicht größer. Die Menschen im Glockenbachviertel aber erzählen eine andere Geschichte.

Die Diskrepanz erklärt sich wohl auch dadurch, dass kaum jemand eine Beleidigung anzeigt. Zudem schämen sich Opfer von Gewalt häufig, geben sich eine Mitschuld. Andere resignieren, wehren sich nicht mehr. Deswegen ist es so entscheidend, dass Gregor P. den Mund aufmacht.

Auch er ist bei der Demo, verschwindet in der Menge. Ihm ist mulmig zumute, die viele Aufmerksamkeit irritiert ihn. "Schau mal, da ist mein Foto", sagt er und deutet auf ein Plakat mit seinem entstellten Gesicht. "Dieses Bild werde ich wohl nie wieder los." Dann sagt er noch einen anderen Satz, bei dem man nicht genau weiß, was er meint. "Es wird alles heilen."

Sein verletztes Auge? Die vielen seelischen Wunden? Das Viertel?

"Wir dachten, wir sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen", sagt Schwester Theresia. "Dass wir keine Schutzräume mehr brauchen." Aber so ist es nicht. Diskriminierung ist tägliche Realität, auch von staatlicher Seite. Homosexuelle dürfen nicht heiraten, sie können sich in Deutschland nur verpartnern. Sie dürfen keine fremden Kinder adoptieren und kein Blut spenden. "Und dann stellt sich die Merkel hin und faselt etwas von ihrem Bauchgefühl", ärgert sich Theresia. "Wieso zum Teufel haben Menschen denn Angst vor uns?"

Jeden Tag diese hässlichen Worte

Es hat sich verändert, das Glockenbachviertel. Schwule trauen sich nicht mehr, händchenhaltend über die Gassen zu flanieren. Wo früher Dragqueens aufrecht und stolz mit dem Radl durch die Gegend strampelten, huschen sie jetzt lieber in ein Taxi. Die Angst ist zurück. Auch wenn nur Beleidigungen drohen. Jeden Tag diese hässlichen Worte. "Das ist so wahnsinnig traurig", sagt Schwester Theresia. "Lasst uns doch lieben, wen wir lieben. Und leben, wie wir sind."

Vielleicht ist der Schlag ins Gesicht von Gregor P. auch eine Chance. Dafür, dass die mitunter zänkische Szene wieder zusammenrückt. Sich gegenseitig schützt und stärkt. Sich zeigt, stolz und bunt. So wie die Schwestern Margot und Theresia. Die weiße Schminke in ihren Gesichtern symbolisiere den Tod, sagen sie. Doch darüber haben sie kräftige Farben gepinselt. Farben für das Leben.

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