Heimatsuche:"Uns fehlt hier nichts"

Heimatsuche: Gulam Sarvar fühlt sich in der kleiner Ortschaft am Inn sehr wohl.

Gulam Sarvar fühlt sich in der kleiner Ortschaft am Inn sehr wohl.

(Foto: Katharina Blum)
  • Die Familie Sarvar ist im Frühjahr 2016 von Afghanistan nach Deutschland geflüchtet.
  • Inzwischen sind die Eltern und ihre Zwillinge in Oberbayern heimisch geworden.
  • Die SZ begleitet das Leben der Familie in der neuen Heimat in einer Langzeit-Reportage.

Langzeitreportage von Katharina Blum und Nina Bovensiepen

Nichts wie weg. Das ist Hassina Maghfura sofort klar, als sie die Zettel an ihrem Haus entdeckt. Sie faltet das Papier auf und liest: "Afghanistan gehört den Taliban." Also doch, sie haben sie gefunden, wieder einmal. Es sind die typischen Zettel, mit denen die Extremisten ihre Angriffe ankündigen. Sie telefoniert mit ihrem Bruder Gulam Sarvar in Deutschland, beide wissen: Sie muss fliehen, ein neues Zuhause für sich, ihren Mann und die sieben Kinder finden. Es ist das dritte in zwei Jahren. "Es wird immer schlimmer in Afghanistan", sagt Sarvar. "Niemand ist dort sicher."

Zwei seiner Schwestern leben noch dort. Der Rest der Familie ist tot. Tot der Vater, tot die Mutter, tot ein Bruder, tot eine Schwester. Eine ältere Schwester hat der Krieg zur Invalidin gemacht. Die, die ihm noch geblieben sind, hätte Gulam Sarvar gerne bei sich. Doch er weiß, dass momentan nicht nur der Familiennachzug in seiner neuen Heimat heftig umstritten ist, jeden Tag verfolgt er die Nachrichten und die Stimmung im Land. "Es muss nicht Deutschland sein, sie sollen nur in Sicherheit sein."

Besonders heute wäre es schön, wenn die gesamte Familie bei ihm sein könnte, in Flintsbach am Inn, wo er mit seiner Frau und den beiden Zwillingen ein neues Zuhause gefunden hat. An diesem Freitag ist Gulam Sarvars 52. Geburtstag, zumindest steht das in seinen Papieren. In Afghanistan schreibt niemand so ein Datum auf, da hätten sie andere Sorgen. "Aber einen Tag muss man ja zum Feiertag machen."

Viel Zeit zum Feiern bleibt wochentags aber ohnehin nicht, seine kleine Familie ist mehr und mehr angekommen in ihrem neuen Leben in dem 3000-Einwohner-Ort zwischen Rosenheim und Kufstein an der Inntal-Autobahn. Ein Alltag hat sich etabliert, wie ihn viele Eltern kennen: Bei dem sich beide abstimmen müssen, wer wann wo ist und welche Aufgabe übernimmt, damit man allen gerecht werden kann.

Mit dem Fahrrad bringt Gulam Sarvar jeden Morgen die Zwillinge zum Kindergarten Märchenhaus, während sich seine Frau Fazila Asif mit dem Zug auf den Weg nach Rosenheim macht. Nach der Berufsschule holt sie Maivand und Maihan ab, kocht das Mittagessen, nachmittags toben sie gemeinsam auf dem Spielplatz, während ihr Mann in seinem Deutschkurs lernt. Einmal in der Woche gehen die Eltern zum Sport, sie tanzt, er spielt mit den Nachbarn im Sportverein Fußball und Volleyball.

Wenige Frauen besuchen die Deutschkurse

Nur wenn sich alle nach dem Training noch im Wirtshaus zusammensetzen, verabschiedet sich Sarvar - seine Hausaufgaben warten. Und die sind momentan nicht so leicht zu lösen. Gerade lernt er für das Sprachniveau B2, die Prüfung für A1 und A2 hat er schon erfolgreich bestanden. Die Stufe B1 musste er überspringen, weil es keinen Nachmittagskurs für dieses Niveau gab. Vormittags soll seine Frau unbedingt zur Schule gehen können. "Ich will, dass sie auch Erfolg hat."

Es ist eher ungewöhnlich, dass es Gulam Sarvar so wichtig ist, dass auch seine Frau Deutsch lernt. Ein Montagvormittag in der Berufsschule in Rosenheim, Fazila Asif sitzt neben ihrer Freundin Tamana in der ersten Reihe. Die 29-Jährige besucht eine der Vorklassen zum Berufsintegrationsjahr. So heißt das Angebot, das junge Flüchtlinge auf den Beruf vorbereiten soll. In den anderen Reihen: nur Männer. "Die Frauenquote ist schon besser geworden. Sie lag jahrelang bei null Prozent", sagt Sandra Pawle vom Verein "Pro Arbeit Rosenheim". Die Sozialpädagogen begleiten die Flüchtlinge zusätzlich im Alltag. Inzwischen sind sie in der Klasse zu viert, zwei Frauen fehlen heute, alle sind sie junge Mütter, das sei eine "große Herausforderung", Familie und Schule zu vereinbaren.

In den Vorklassen geht es vorrangig darum, die deutsche Sprache zu lernen. Woody Cercel und Eva Fischer unterrichten im Teamteaching-Modell neben Deutsch auch Mathematik, Ethik, Kommunikation, Berufs- und Sozialkunde sowie Sport. In der vierten Stunde ist die Klasse beim "Ei" angelangt, eine Übung zur Lautdifferenzierung. Wo befindet sich das Ei/ei? Eimer, Wein, Eis, Streichholz, Bein, Stein, Zeitung, Seife, Leiter rattert es aus dem Lautsprecher. "Wir machen das wie immer. Einmal zuhören, dann alle im Chor", sagt Klassenlehrer Cercel. Dann kreuzen die Schüler an: am Wortanfang, in der Wortmitte, am Wortende. Danach erfahren die Schüler, welche Informationen auf eine Visitenkarte gehören und dass man das @, den Klammeraffen, "ätt" ausspricht.

Das Asylverfahren ist noch immer nicht abgeschlossen

Das Lehrerteam Cercel und Fischer erklärt nicht nur die deutsche Sprache, es erklärt, soweit wie eben möglich, auch die neue Heimat Deutschland - und dazu gehört zum Beispiel auch, dass es in der Schule einen Tafeldienst gibt. An den Wänden hängen die Regeln: kein Handy, jeden Tag in die Schule kommen, Fragen? Melden!, Hausaufgaben machen, Respekt. Was die Fortschritte in der deutschen Sprache betrifft, ist Fazila Asifs Mann schon weiter. Der 52-Jährige lernt gerade für seine Abschlussprüfung für das B2-Zertifikat. Im Schreiben, Sprechen und Lesen sei er besser, das Hören falle ihm nicht so leicht. Die reden oft so schnell, und dann auch noch mit Akzent. Diesen haben seine Kinder auch schon übernommen "Die sagen nach dem Kindergarten immer pfiat di, das muss so etwas wie Tschüss sein."

Seit die Sarvars im Juni 2016 nach einer langen Reise in München angekommen sind - am 11. November 2015 begann die Flucht - begleitet die SZ das Leben der Familie. Gulam Sarvar sprach anfangs neben den beiden afghanischen Landessprachen bereits fließend Englisch und Russisch, aber nur einzelne deutsche Wörter. Inzwischen finden die Gespräche nur noch auf Deutsch statt, darauf besteht er. Und wie immer wird natürlich auch bei diesem Besuch über das Asylverfahren gesprochen, weil trotz so vielem, was Hoffnung macht, immer noch viel Unsicherheit über dem Leben der Familie liegt.

Der Antrag auf Asyl für die Eltern und die Zwillinge Maivand und Maihan war im vorigen Herbst abgelehnt worden, dafür aber der sogenannte subsidiäre Schutz gewährt. Subsidiären Schutz bekommen Menschen, denen in ihrem Herkunftsland "ernsthafter Schaden" droht, wie es im Asylgesetz, Paragraf vier, heißt. Wer in seiner Heimat die Todesstrafe, Folter, eine unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Bestrafung fürchtet, oder kurz: Wer um sein Leben bangt, der muss nicht zurück. Der kann bleiben, zumindest für ein Jahr. Dann entscheidet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) neu, ob die Aufenthaltsberechtigung verlängert wird. In den Ausweisen der Familie steht der Dezember 2018 als Stichtag.

Zu Einzelfällen im Asylverfahren gibt das Bundesamt keine Prognosen ab, heißt es auf Nachfrage, aber den Hinweis auf eine Statistik: Im Berichtsjahr 2017 wurden insgesamt 2527 Entscheidungen über Widerrufsprüfverfahren getroffen - in 34 Fällen wurde der subsidiäre Schutz zurückgenommen. "Da grundlegende Änderungen in der kurzen Zeitspanne von ein bis drei Jahren sehr selten sind, kommt es nur selten zu einem Widerruf", erklärt eine Sprecherin.

Für die Familie hat sich in dieser vermeintlich kurzen Zeitspanne schon jetzt viel getan. Sie haben eine eigene Wohnung, haben Freunde und Anschluss gefunden im Ort. Vor ein paar Wochen, am 15. April, sind die Zwillinge vier Jahre alt geworden. Mit ihren neuen Freunden haben sie gefeiert. Das Wohnzimmer der Zwei-Zimmer-Wohnung war mit Luftballons dekoriert, es gab eine Torte mit Schokostreuseln und zwei Kerzen, die die Form einer Vier hatten, die Mädchen trugen Prinzessinenkleider und kleine Krönchen auf dem Kopf. Sie haben gesungen, getanzt und viel gelacht.

Ein Neffe ist aus Afghanistan geflüchtet

An den Wochenenden verbringen sie viel Zeit am Inn, an der braunen Holztür im Wohnzimmer hängt eine Karte mit Ausflugszielen in der Region. "Ich habe schon in größeren Städten gelebt, so viele Leute, das ist nichts für mich", sagt Sarvar. "Uns fehlt hier nichts - und die Luft ist auch sehr gut."

Seit einigen Wochen sind sie öfters auch zu fünft unterwegs. Einem Sohn der Schwester ist die Flucht gelungen. Der Neffe soll einen Aufenthalt in Italien genutzt haben, um seinen Militärdienst zu quittieren und um Asyl zu bitten. Einen Monat lang hätte er dort täglich Spaghetti gegessen, wird gesagt. Als er das erste Mal in Flintsbach zu Besuch war, hat Fazila Asif, wie sie es immer macht, ein üppiges afghanisches Mahl mit Lamm aufgetischt. Im Moment ist der 30-Jährige in der Nähe von Ingolstadt untergebracht. Gulam Sarvar hofft, dass der Neffe zu ihnen ziehen kann.

An diesem Abend wird er wie jeden Tag mit seiner Schwester telefonieren. Sie wird ihm zum Geburtstag gratulieren, ob nun zum 51., 52. oder 53. - nebensächlich. Und dann werden sie sich verabschieden. "Wir sagen nie Tschüss oder so", sagt Sarvar. Man wisse nie, ob es nicht das letzte Gespräch gewesen sein könnte. Sie sagen immer: Gott beschütze dich.

Heimatsuche

Maivand und Maihan sind Zwillinge. Ihr Name bedeutet in den beiden afghanischen Sprachen Paschtu und Dari jeweils das Gleiche: Heimat. Und diese Heimat ist der Grund, warum Gulam Sarvar im November 2015 beschloss, mit seiner Frau und den Kindern nach Deutschland zu flüchten. Afghanistan leidet seit Jahrzehnten unter Kriegen und Terror, unter dem Kampf mit den und gegen die Taliban. Sarvar hat dabei Eltern und Geschwister verloren. Nach einer langen Reise ist die Familie im Juni 2016 in München angekommen. Als erstes kam sie in der Bayernkaserne unter, seitdem begleitet die Süddeutsche Zeitung das Leben der Familie in einer Langzeitreportage. Im Abstand von einigen Wochen berichten wir auf der Leute-Seite des Lokalteils darüber, wie es für die Eltern und die Zwillinge weitergeht. Die ersten sechs Folgen gibt es unter sz.de/sarvar.

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