Flüchtlinge in München:"Wenn ich an Afghanistan denke, denke ich nur an Gräber"

Gulam Sarvar ist mit seiner Frau und ihren Zwillingen nach Deutschland geflüchtet. Nun begleitet die SZ das Leben der Familie in der neuen Heimat.

Von Katharina Blum, Nina Bovensiepen (Text), Johannes Simon (Fotos)

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Bruck: Flüchtlingsfamilie Gulam SARVAR / Afghanistan / Langzeitstudie

Quelle: Johannes Simon

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Andere Kinder würden jetzt losstürmen. Raus aus der Karre, rauf auf den Spielplatz an diesem schönen Münchner Sommertag. Die Schaukel erklimmen, den Sandkasten stürmen. Nicht so Maivand und Maihan. Schüchtern schauen sie zu ihrer Mutter Fazila Asif auf, als sie aus dem Doppelbuggy rausgeklettert sind. Blicke, die unsicher nach einer Antwort suchen. Die Frage in den Augen, ob es denn auch in Ordnung ist, wenn sie nun die kleine Spielplatzwelt erobern gehen? Das geschieht dann sehr zögerlich und vorsichtig in dem Park unweit der Bayernkaserne im Norden der Stadt.

Maivand und Maihan sind fast zweieinhalb Jahre alt, die Namen der Zwillinge bedeuten in den zwei afghanischen Sprachen Paschtu und Dari jeweils das Gleiche: Heimat. Diese Heimat ist der Grund, warum Maivand und Maihan jetzt auf diesem Spielplatz sind und nicht mehr in Afghanistan. Im Alter von 49Jahren und in zweiter Ehe verheiratet, beschloss ihr Vater Gulam Sarvar im November 2015, die Heimat der Familie zu verlassen. Die Heimat in einem Land, das seit Jahrzehnten unter Kriegen und Terror leidet, unter dem Kampf mit und gegen die Taliban, in dem zahlreiche unschuldige Zivilisten zu Tode gekommen sind.

Von Gulam Sarvar leben dort noch zwei Schwestern. Der Rest der Familie, so erzählt er es auf Englisch an diesem sonnigen Tag am Rande des Spielplatzes, ist tot. Tot der Vater, tot die Mutter, tot ein Bruder, tot eine Schwester. "Wenn ich an Afghanistan denke, denke ich nur an Gräber", sagt er. Unvorstellbarer Schrecken, der aber nicht der Grund gewesen sei, dass er entschieden hat, dass die Familie flieht. "Der Grund sind Maivand und Maihan", sagt der Vater. Auch wenn sie nicht wissen, wie ihr Leben sich hier entwickeln wird, ist er überzeugt, dass es für seine zwei Söhne nirgendwo schlechter sein kann als daheim. "Jedes Leben ist besser als das in Afghanistan." Dort habe er zuletzt gefürchtet, nicht zu überleben.

Bruck: Flüchtlingsfamilie Gulam SARVAR / Afghanistan / Langzeitstudie

Quelle: Johannes Simon

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Nach einer langen Reise und ersten Wochen in der Bayernkaserne ist die Familie inzwischen in einem Zimmer in der Erstaufnahme in Fürstenfeldbruck angekommen. Ein Raum mit drei Doppelstockbetten und drei Spindschränken. Im Zimmer befinden sich außer einem Koffer, einer Reisetasche und zwei großen Rucksäcken vor allem Spielzeuge: zwei Roller, zwei Dreiräder, zwei Hüpfbälle, zwei Teddybären. Alles aus dem Fundus der Spielzeugausgabe der Unterkunft, immer zweimal, einmal für Maivand, einmal für Maihan.

Anzuschauen ist der Wohnraum der Familie auf dem Fliegerhorst nur mit einer Sondergenehmigung der Regierung von Oberbayern. Niemand darf Flüchtlingsunterkünfte einfach betreten. Am Eingang werden streng Ausweise kontrolliert, auch als Reporter wird man selbst auf Wegen von wenigen Metern von Sicherheitspersonal begleitet. "Zu Ihrer eigenen Sicherheit", sagt einer der Männer. Eine Frau von der Regierung von Oberbayern ist auch noch dabei, erklärt Fakten, passt auf, dass auf dem Gelände der Erstaufnahme nicht außerhalb des Raumes der Familie fotografiert wird. Alles sehr strikt geregelt, eine Stunde darf der Besuch dauern.

Bruck: Flüchtlingsfamilie Gulam SARVAR / Afghanistan / Langzeitstudie

Quelle: Johannes Simon

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Hier wie in der ersten Station der Familie von Gulam Sarvar, der Bayernkaserne, lässt sich sehr eindrücklich erleben, in welch eigene Welten die vielen Flüchtlinge gespült werden, wenn sie hier gelandet sind. Dicht gedrängt leben sie oft. Es ist nicht selbstverständlich, dass Familien ein eigenes Zimmer haben. In Fürstenfeldbruck können 1100 Flüchtlinge unterkommen, 1000 sind im Moment da. Gegessen wird in großen Gemeinschaftsräumen, dreimal am Tag, getaktet wie ein Stundenplan: 7 bis 9.30 Uhr Frühstück, 12 bis 14 Uhr Mittagessen mit zwei warmen Gerichten, eines davon vegetarisch, 18 bis 20 Uhr Abendbrot.

Wenn die Flüchtlinge die Unterkunft verlassen, müssen sie an der streng kontrollierten Schranke ihre Hausausweise abgeben, die gibt es erst bei Rückkehr zurück. Die Unterkunft etwas außerhalb von Fürstenfeldbruck ist schön im Grünen gelegen: Maisfelder, Feldwege, einzelne Bäume, geradezu idyllisch könnte das wirken im Sommer. Und doch herrscht hier eine gefängnisartige Atmosphäre. Immer sind die Menschen von Security umgeben, es gibt so viele Vorschriften, Vorsichtsmaßnahmen, Einschränkungen des Individuums.

Hinzu kommt: Jenseits der festen Essenszeiten können die Flüchtlinge zwar selbst ihren Tag strukturieren. Doch das fällt schwer - ohne Arbeit, mit sehr wenig Geld, mit keinen oder rudimentären Deutschkenntnissen, mit einer oft traumatischen Vergangenheit. Was macht man da? Und was macht das mit einem?

Bruck: Flüchtlingsfamilie Gulam SARVAR / Afghanistan / Langzeitstudie

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Sarvar, der englisch und russisch spricht, übersetzt für andere Geflohene, er macht sich nützlich, hilft zum Beispiel dabei, gespendete Fahrräder zu reparieren. Maivand und Maihan können wenigstens an drei Vormittagen das sein, was sie allzu lange nicht waren: Kinder. Dann besuchen die Zwillinge den Kindergarten, wo gebastelt und Memory gespielt und zugleich ein bisschen Deutsch gelernt wird. Vor allem sollen die Kleinsten "ein bisschen ins Kindsein, ins Normalsein kommen können", wie sie bei der Caritas sagen. In zwei Räumen kümmern sich immer zwei ehrenamtliche Helfer um etwa 40 Kinder, nach den Ferien soll das Angebot auf fünf Tage ausgeweitet werden.

Doch ins Normalsein kommen - wie kann das gelingen? Gulam Sarvar ist ein sehr genauer Beobachter dieser neuen Heimat, in der er mit seiner Familie Fuß fassen möchte. Ihm ist aufgefallen, dass es für seine Begriffe zu viel Security, aber zu wenig psychologisch geschultes Personal in der Unterkunft gibt. "Ich habe meine Familie verloren, in Kriegsgebieten gelebt", sagt er - ohne zu klagen, aber wissend, dass es kaum möglich ist, so ein Trauma alleine zu verarbeiten. Außerdem möchten sie Hilfe bei dem Start in das neue Leben, in die Gesellschaft. "Wir sind doch jetzt ein Teil davon." Aber sie kennen viele Sitten und Gebräuche nicht. Die müssen ihnen gezeigt werden. Außerdem brauchen sie Menschen, die ihnen sagen, wie sie mit Vorbehalten oder ablehnenden Reaktionen umgehen. Denn natürlich begegnen sie solchen. Man muss sich in den Gegenden um die Flüchtlingsunterkünfte nur einmal umschauen. Etwa in dem Park und auf dem Spielplatz in der Nähe der Bayernkaserne, wo es natürlich Menschen gibt, die genervt davon sind, dass sie "ihre" Erholungsräume in der engen Stadt nun auch noch mit lauter Flüchtlingen teilen müssen.

Bruck: Flüchtlingsfamilie Gulam SARVAR / Afghanistan / Langzeitstudie

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Sie hätten noch nichts Negatives erlebt, sagt Gulam Sarvar zwar immer wieder. Doch als man beim ersten Treffen mit der Familie einen Spaziergang macht, kommt einem ein großer, alter Mann entgegen, mit einem Gehstock, der in Richtung der Familie ausschlägt, als er an den Menschen aus Afghanistan vorbeigeht. Keine riesige Sache. Aber was macht es mit Maivand und Maihan, wenn sie solche Erlebnisse haben? Gulam Sarvar sagt dazu auf seine sehr ruhige, gefasste Art: "Die Menschen können ja nicht in unsere Köpfe hineinschauen, sondern immer nur davor." Er hat sehr viel Verständnis. Aber auch er kann nicht verhindern, wenn dies kleine Kinder einschüchtert, wenn es vermutlich auch bei vielen erwachsenen Geflohenen Spuren in der Seele hinterlässt - so gering es im Vergleich zu dem Erlebten in der Heimat erscheinen mag. "Hier ist doch das Paradies im Vergleich zu Afghanistan", sagt Sarvar dann wieder.

Doch gibt es im Paradies auch Begegnungen, die ihn und seine Familie verunsichern. In dem Ort Emmering, der fußläufig zum Fürstenfeldbrucker Fliegerhorst liegt, würden die Menschen immer so nett und freundlich lächeln, erzählt der 50-Jährige. Als am Wochenende dort betrunkene Jugendliche gefeiert haben, ist die Familie dann aber doch lieber umgekehrt.

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Quelle: Johannes Simon

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Gulam Sarvar kennt das Gefühl schon sehr lange, nicht zu wissen, wem man trauen kann und wem nicht. In Afghanistan wusste er oft nicht, wer seiner Familie schaden wollte, wer ein Freund war und wer nicht. Wie sollte man auch einen Taliban-Kämpfer ausmachen, wenn der doch die gleiche Sprache spricht, die gleiche Kleidung trägt? In der Provinz Parwan im Osten des Landes ist Sarvar aufgewachsen und zur Schule gegangen. 1987 verließ er Afghanistan zum ersten Mal, um in der früheren Sowjetunion militärisches Recht zu studieren. Dort lernte er seine erste Frau kennen, mit der er drei Kinder hat. Ein Sohn, zwei Töchter, Samim, Kamila und Karima, mittlerweile 23, 19 und 17 Jahre alt. Dort, im heutigen Russland, erhielt er die ersten schrecklichen Nachrichten aus der Heimat. In seinem ersten Studienjahr verlor er den Vater. Ein Jahr darauf den älteren Bruder. Schließlich die Mutter und die jüngere Schwester. Eine ältere Schwester hat der Krieg zur Invalidin gemacht.

Trotzdem ging er 2013 nach der Scheidung von seiner Frau zurück in die Heimat. Auch in Russland habe er sich nicht sicher gefühlt, sagt Sarvar. Er erzählt von Skinheads, die Ausländer ermorden und die Videos ihrer Gräueltaten ins Internet stellen und sich damit brüsten. Dort wollte er nicht länger bleiben.

Für den Neuanfang in Afghanistan hatte ihm der Schwager einen Job bei einer Sicherheitsfirma besorgt, und seine Schwester suchte eine neue Ehefrau für ihn aus. Bei der Hochzeit sah Gulam Sarvar seine Frau Fazila zum ersten Mal. Ein bisschen wie ein Glücksspiel sei das gewesen, aber so sei es nun mal üblich. Seine Frau spricht kein Englisch. Wenn der Ehemann die Geschichte ihrer Flucht erzählt, kümmert sie sich um die beiden Jungs.

Als in den Monaten davor das erste Mal das Telefon klingelte und er bedroht wurde, habe er dies noch für einen schlechten Scherz gehalten, so schildert es Sarvar. Doch dann entdeckte er typische Zettel an seinem Haus, mit denen die Extremisten ihre Angriffe ankündigten. "Da wusste ich, dass das kein Witz ist." Also verkaufte er das Haus des Vaters, um genug Geld für die Schleuser zu haben. Als das beisammen war, hätten diese bloß noch gefragt: "Welche Dokumente hast du?"

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Am 11. November 2015 begann die Flucht, die anders als bei vielen anderen nicht über die Balkanroute verlief - mithilfe eines russischen Visums. Gemeinsam flogen sie von Kabul nach Moskau, dort trennten sich die Wege. So hätten sie die besten Chancen, sei ihnen gesagt worden, erzählt Sarvar. Der Vater hatte Tickets für sich und die beiden Jungs in die Dominikanische Republik gebucht, von Russland aus ein Visa-freies Land. Und ein Ziel mit Zwischenstopps. Beim Umstieg in München habe er mit Maihan und Maivand die Transitzone verlassen. Der Vater erklärte der Polizei: "Wir wollen hier bleiben. Wir brauchen Asyl." Sie wurden an die Maria-Probst-Straße gebracht, in das Ankunftszentrum für Flüchtlinge. Sarvar erinnert sich an eine sechs Stunden dauernde Befragung, nach zwei bis drei Stunden sei die Sorge ein wenig gewichen, des Landes verwiesen zu werden. Da sagte man ihm: Es sei wohl genug, um in Deutschland bleiben zu können.

Die Reise seiner Frau habe von Moskau zunächst per Flugzeug nach Murmansk geführt, dann ging es mit dem Auto weiter bis kurz vor die Grenze nach Norwegen. Für die letzten 200 Meter nutzte sie ein Fahrrad, das machen in jenen Wochen viele, weil ein Grenzübertritt zu Fuß zwischen Russland und dem skandinavischen Land nicht gestattet ist. Von dort aus sollte sie nach Deutschland kommen. Dieser Plan ging aber nicht auf, weil zu dieser Zeit kaum eine Chance bestanden habe, die Mutter nachzuholen. Deshalb machte sich Sarvar mit seinen beiden Kindern auf nach Norwegen. Dort blieb die Familie fast ein halbes Jahr, bis ihnen die Abschiebung gedroht habe.

Also beschlossen sie, nun doch zu versuchen, nach Deutschland zu kommen. Ein Bekannter besorgte Fahrkarten fürs Schiff, mit dem sie nach Kiel reisten, und schließlich weiter nach München. Im Hausausweis der Bayernkaserne ist der 7. Juni 2016 als Ankunftstag eingetragen. Der Ankunftstag in einem neuen Leben. Das, so dokumentiert es der Hausausweis, dann nach den bürokratisch vorgesehenen Wegen verläuft. Stempel vom Gesundheitsamt und der Bekleidungsausgabe belegen das. Alles geregelt.

Bruck: Flüchtlingsfamilie Gulam SARVAR / Afghanistan / Langzeitstudie

Quelle: Johannes Simon

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Und doch ist das neue Leben alles andere als geordnet, es ist voll mit Überraschungen und Unbekannten. So wie am 17. August, da klopfte es in der Bayernkaserne um 8 Uhr an der Tür des Zimmers der Familie. Eine halbe Stunde hätten sie Zeit zu packen, sie würden in eine andere Unterkunft verlegt, so schildert es Sarvar. Wieso und wohin, das habe ihnen niemand gesagt. Eine halbe Stunde dauerte dann die Busfahrt bis Fürstenfeldbruck.

Und das ist nur die nächste Station. Maximal ein halbes Jahr sollen die Flüchtlinge in den Unterkünften bleiben. Sarvar rechnet damit, dass dies also ihre neue Bleibe nur für die nächsten Monate ist. Was danach ist? Über allem schwebt ja die große Frage, ob sie hier werden bleiben können. Und wenn nicht? Das weiß er nicht. Nur eines: "Falls wir hier kein Asyl bekommen, versuchen wir es in einem anderen Land." Auf keinen Fall gehe er nach Afghanistan zurück.

Vorerst gefällt es ihnen hier. Für Familien sei die Unterkunft ein guter Ort, es ist ruhig und schön grün, die "young boys" hätten mehr Probleme, die würden lieber mehr sehen von der Stadt, sagt Savar. Wenn es ihm, seiner Frau mit Maivand und Maihan zu eng wird in dem Zimmer, gehen sie raus zum Fußball- oder Basketballspielen. Oder es geht an den nahen Emmeringer See, den man auch aufsuchen kann, wenn die Besuchsdauer mit dem Reporterbesuch auf dem Gelände der Unterkunft endet. Während die Zwillinge und die Mutter einen Schwan am Ufer beobachten, blickt Sarvar nachdenklich auf das Wasser. "Das hier beruhigt uns. Wir brauchen das."

© sz.de/kbl
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