Gerhard Polt in München:Zwischen Gemütlichkeit und Grauen

Das ist schon in dem frühen Hörspiel von 1976 "Als wenn man ein Dachs wär' in seinem Bau" so. In der Geschichte um eine Luxussanierung in der Schwabinger Amalienstraße - dort wuchs Polt dann nach Altötting auf - spricht er mehr als 30 Rollen selber. Auch das Stück ist in voller Länge in der Ausstellung zu hören, wenn man will. Überhaupt kann man wohl ganze Tage dort verbringen, will man wirklich jedes Video, jeden O-Ton auskosten.

Muenchner Literaturhaus feiert Gerhard Polt mit einer Schau

Ein Exponat namens "Ein Schnäppchen aus Malmö": Bis zum 7. Mai können Polt-Fans die Ausstellung ansehen und vor allem anhören.

(Foto: dapd)

Schon deshalb wird diese Schau nie langweilig. Es sind ja eine Menge Entdeckungen zu machen, seltene Sketche aus der allerersten Fernsehproduktion, die Polt mit seinem langjährigen Ko-Autor Hanns Christian Müller unter dem Titel "Da schau her" für den SDR gemacht hat und die der Sender nur noch ungern rausrückt. Oder Fotos von Auftritten in der DDR und in Schweden vor dem Königspaar. Polt hat ja Skandinavistik studiert und kann durchaus auch in der Landessprache Kabarett machen.

Das alles sind Pflöcke, die von den Ausstellungsmachern rund um den Bootssteg eingeschlagen wurden, zu Stationen und Fixpunkten im Leben Polts. Natürlich ist da die Verortung im Bajuwarischen und in dessen Mythen, erkennbar etwa an einer Station mit einem schönen Werk des Münchner Malers Gerd Dengler, eines Freundes seit Kindheitstagen, zum Wildschütz Jennerwein. Oder an einem Stofffetzen aus dem "leichten Sommerstoiber" - jener Trachtenjoppe, die er mehr als 30 Jahre lang bei den Auftritten mit der Biermösl Blosn getragen hat.

Nicht zuletzt geht es um das Wirtshaus an sich. Von Stammtischen, sagt Polt, hat er immer schon viele Anregungen bezogen. Freilich, er hat ein ambivalentes Verhältnis dazu, das drückt sich sehr schön in dem Begriff "Gemütlichkeitsvollzugsanstalten" aus, mit dem er sie in der Ausstellung belegt hat.

Und da muss man dann auch einen kleinen Kritikpunkt anbringen. Man hätte sich bisweilen gewünscht, dass gerade die bitterböse Variante, die Polt auch draufhat, etwas mehr zum Zuge kommt in der Ausstellung. Jene Szene "Im Wirtshaus" etwa hätte es noch gebraucht, in der ein betrunkener Depp zwei Halbwüchsige generös in die Geheimnisse des Geschlechtslebens einführen will: "Ja habts es jetz scho amal gvögelt oda net? I zahl eich as Puff!" Oder wenn er, in einer anderen Szene, über den Rollstuhlfahrer vor ihm konsequent in der dritten Person hinwegredet.

Derlei Szenen lassen einen in eklige Abgründe schauen, und das funktioniert vor allem deshalb, weil der Satiriker Polt niemals wirklich verurteilt. Statt den Kleinbürger anzuprangern, stellt er ihn einfach nur dar. Aber so, dass es einen fröstelt. Polt hat sich ein kindliches Staunen über die Welt und menschliche Absonderlichkeiten erhalten. Er kennt den schmalen (Boots-)Steg zwischen Gemütlichkeit und Grauen und wandert amüsiert auf ihm entlang.

Was die Leute so sagen, findet Polt, das spricht für sich. Da braucht man gar nix mehr dazu zu sagen.

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