Gerhard Polt in München:Lustigste Ausstellung der Welt

Der Satiriker Gerhard Polt wird 70 Jahre alt - und das Literaturhaus München widmet ihm eine ganze Ausstellung. Sie zeigt Polts kindliches Staunen über die Welt. Nur seine bitterböse Seite, bei der einem manchmal fröstelt, kommt ein wenig kurz.

Franz Kotteder

"I sag nix!", sprach der Preisträger und versuchte, zehn Minuten lang zu schweigen. Das war 1980 bei der Verleihung des Deutschen Kleinkunstpreises, und kurz zuvor hatte ein Fernsehredakteur einen Akt von Zensur an Gerhard Polt ausgeübt: Er wollte nicht, dass der Kabarettist den CSU-Politiker Friedrich Zimmermann "Old Schwurhand" nannte - eine Anspielung auf dessen einst im Bundestag geschworenen Meineid. Polts Rache war süß: Wie er zehn Minuten lang beinahe nichts sagt, ist großes Kabarett, auch weil es damals live übers Fernsehen gesendet worden ist.

Muenchner Literaturhaus feiert Gerhard Polt mit einer Schau

Die Ausstellung "Brauchst's des?!" zeigt die großen Erfolge von Gerhard Polt, aber auch unbekanntere Stücke.

(Foto: dapd)

Die Szene ist in voller Länge zu sehen in der Ausstellung "Braucht's des?! Gerhard Polt zum 70sten", die jetzt im Münchner Literaturhaus bis zum 10. Juni läuft. Das passt gleich in mehrfacher Hinsicht recht gut, denn auch bei dieser Schau handelt es sich um eine Verweigerung - nämlich die einer Retrospektive.

Gerhard Polt ist grundsätzlich der Ansicht: "Ein Mensch, der lebt, verdient keine Biographie." Und so ist er in der Ausstellung zwar mehrfach mit Videobotschaften vertreten, die ihm Kuratorin Sandra Wiest auf charmante Weise abgenötigt hat - jede für sich ein kleines kabarettistisches Stegreif-Solo. Aber der Anspruch, ein Leben quasi chronologisch und exakt nachzuerzählen, wird geradezu lustvoll unterlaufen.

Über die Kindertage Ende des Zweiten Weltkriegs heißt es lapidar: "Ich habe circa zehn Jahre in Altötting gastiert", und die zahlreichen Preise und Auszeichnungen werden nicht etwa fein gerahmt an der Wand präsentiert, sondern sind als Kopien in einem Pappkarton gesammelt. Der Besucher kann sich den Stapel durchsehen. Er kann es aber auch bleiben lassen.

Diese Beispiele erwecken vielleicht den Eindruck, die Ausstellung sei etwas lieblos zusammengestopselt worden. Das Gegenteil ist aber der Fall. Kuratorin und Ausstellungsdesigner haben eine Schau gemacht, die ihrem Objekt in jeder Hinsicht voll gerecht wird.

Mittelpunkt ist ein 25 Meter langer Bootssteg, um den herum sich einzelne (Lebens)-Stationen und Projektionsflächen drapieren. Eigentlich, sagt Polt, habe er immer schon Bootsverleiher werden wollen, denn "das ist kein Beruf, sondern eine Berufung". In einer zwölfminütigen Videosequenz, gedreht am winterlichen Schliersee, wo Polt lebt, wird das genauestens ausgeführt.

Die Szene erinnert an den "Spritzbrunnenaufdreher" von Karl Valentin, und überhaupt wird einem durch die vielen Filmprojektionen und Tondokumente so richtig klar, dass große Ähnlichkeiten zwischen Polt und dem großen bayerischen Universalgenie und Dadaisten bestehen: Von Valentin wird ja bis heute weniger das literarische Werk in Buchform geschätzt, sondern vielmehr die Filme, Sketche und Tondokumente. Bei Polt ist das nicht anders.

Doch wo Valentin in seinem ganz eigenen Kosmos herumspintisiert, beobachtet Polt die Realität ganz genau. Ob Papst Benedikt oder Münchner Miethaie - er schaut sich die Menschen an und hört ihnen zu.

Zwischen Gemütlichkeit und Grauen

Das ist schon in dem frühen Hörspiel von 1976 "Als wenn man ein Dachs wär' in seinem Bau" so. In der Geschichte um eine Luxussanierung in der Schwabinger Amalienstraße - dort wuchs Polt dann nach Altötting auf - spricht er mehr als 30 Rollen selber. Auch das Stück ist in voller Länge in der Ausstellung zu hören, wenn man will. Überhaupt kann man wohl ganze Tage dort verbringen, will man wirklich jedes Video, jeden O-Ton auskosten.

Muenchner Literaturhaus feiert Gerhard Polt mit einer Schau

Ein Exponat namens "Ein Schnäppchen aus Malmö": Bis zum 7. Mai können Polt-Fans die Ausstellung ansehen und vor allem anhören.

(Foto: dapd)

Schon deshalb wird diese Schau nie langweilig. Es sind ja eine Menge Entdeckungen zu machen, seltene Sketche aus der allerersten Fernsehproduktion, die Polt mit seinem langjährigen Ko-Autor Hanns Christian Müller unter dem Titel "Da schau her" für den SDR gemacht hat und die der Sender nur noch ungern rausrückt. Oder Fotos von Auftritten in der DDR und in Schweden vor dem Königspaar. Polt hat ja Skandinavistik studiert und kann durchaus auch in der Landessprache Kabarett machen.

Das alles sind Pflöcke, die von den Ausstellungsmachern rund um den Bootssteg eingeschlagen wurden, zu Stationen und Fixpunkten im Leben Polts. Natürlich ist da die Verortung im Bajuwarischen und in dessen Mythen, erkennbar etwa an einer Station mit einem schönen Werk des Münchner Malers Gerd Dengler, eines Freundes seit Kindheitstagen, zum Wildschütz Jennerwein. Oder an einem Stofffetzen aus dem "leichten Sommerstoiber" - jener Trachtenjoppe, die er mehr als 30 Jahre lang bei den Auftritten mit der Biermösl Blosn getragen hat.

Nicht zuletzt geht es um das Wirtshaus an sich. Von Stammtischen, sagt Polt, hat er immer schon viele Anregungen bezogen. Freilich, er hat ein ambivalentes Verhältnis dazu, das drückt sich sehr schön in dem Begriff "Gemütlichkeitsvollzugsanstalten" aus, mit dem er sie in der Ausstellung belegt hat.

Und da muss man dann auch einen kleinen Kritikpunkt anbringen. Man hätte sich bisweilen gewünscht, dass gerade die bitterböse Variante, die Polt auch draufhat, etwas mehr zum Zuge kommt in der Ausstellung. Jene Szene "Im Wirtshaus" etwa hätte es noch gebraucht, in der ein betrunkener Depp zwei Halbwüchsige generös in die Geheimnisse des Geschlechtslebens einführen will: "Ja habts es jetz scho amal gvögelt oda net? I zahl eich as Puff!" Oder wenn er, in einer anderen Szene, über den Rollstuhlfahrer vor ihm konsequent in der dritten Person hinwegredet.

Derlei Szenen lassen einen in eklige Abgründe schauen, und das funktioniert vor allem deshalb, weil der Satiriker Polt niemals wirklich verurteilt. Statt den Kleinbürger anzuprangern, stellt er ihn einfach nur dar. Aber so, dass es einen fröstelt. Polt hat sich ein kindliches Staunen über die Welt und menschliche Absonderlichkeiten erhalten. Er kennt den schmalen (Boots-)Steg zwischen Gemütlichkeit und Grauen und wandert amüsiert auf ihm entlang.

Was die Leute so sagen, findet Polt, das spricht für sich. Da braucht man gar nix mehr dazu zu sagen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB