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Fußball:Nach Ausschreitungen: Münchner Polizeipräsident fordert Stadionsperren

Löwen Fans auf dem Zaun wollen auf das Spielfeld großes Polizeiaufgebot Spielunterbrechung Siche

Polizeikette vor der Nordkurve: Beamte postieren sich vor dem Feld, als TSV-Fans Sitzschalen auf das Spielfeld schleudern.

(Foto: Sven Leifer/Imago)
  • Der Münchner Polizeipräsident fordert nach den Ausschreitungen von Löwenfans rigorose Konsequenzen von Fußballverbänden und Vereinen.
  • Kurz vor Ende des Spiels von 1860 München gegen Jahn Regensburg hatten Fans Böller, Plastikstangen und herausgerissene Sitze auf den Platz geworfen.
  • Die Polizei hat eine Ermittlungsgruppe eingerichtet, um alle Straftaten aufzuklären.

Von Susi Wimmer

Polizeipräsident Hubertus Andrä findet für das Verhalten mancher Löwenfans am Dienstagabend beim Relegationsspiel in der Fröttmaninger Arena nur ein Wort: inakzeptabel. Und er fordert von Fußballverbänden, Vereinen und Verantwortlichen rigorose Konsequenzen. Andrä denkt beispielsweise daran, einzelne Abschnitte im Stadion komplett zu sperren, Geisterspiele ohne Zuschauer durchzuführen oder Punktabzüge für Vereine zu verhängen.

Kurz vor Ende der Partie 1860 München gegen Jahn Regensburg - die Oberpfälzer führten mit 2:0 - hatten frustrierte Löwenfans aus der Nordkurve Plastikstangen, Böller und herausgerissene Sitze auf das Spielfeld geworfen, zehn Polizisten wurden leicht verletzt. Aus Sicherheitsgründen unterbrach der Schiedsrichter die Partie für zehn Minuten, ließ aber doch noch zu Ende spielen.

Am Tag danach ist das Internet voll mit Bildern der Gewaltausbrüche. Löwenfans, die das Ballfangnetz in der Nordkurve anzünden und aufreißen. Fans, wie sie im Block ihre Schals anzünden und Pyros und Fahnenstangen in Richtung Rasen und Polizei werfen. Andere Randalierer reißen die Plastiksitze in der Arena aus der Verankerung und schleudern sie auf das Spielfeld. Man sieht die Spieler, wie sie sich in sicherer Entfernung am Mittelkreis sammeln, Polizisten in dunklen Overalls laufen auf, bilden vor dem Fanblock eine Kette, greifen aber nicht ein. Und dann besprechen sich der Einsatzleiter der Polizei und der Schiedsrichter.

Der Beamte ist der Ansicht, dass es deeskalierender sei, das Spiel wieder anzupfeifen. "Wir wollten sicherstellen, dass der Platz nicht gestürmt und Gästefans nicht angegriffen werden", sagt Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins. Das taktische Konzept sei voll aufgegangen.

Die Partie war als "High-Risk-Spiel" eingestuft worden, 570 Beamte waren im Einsatz. "Ein Relegationsspiel bedeutet ja für Verein und Fans auch eine existenzielle Situation. Und die entsprechenden Emotionen waren natürlich da", sagt Pressesprecher Martins. Eigentlich sei im Stadion der Veranstalter für die Sicherheit zuständig. Die Polizei schreite nur ein, wenn "etwas aus dem Ruder läuft". So wie am Dienstag. Während des Spiels waren nur vereinzelt dunkel gekleidete Beamte zu sehen, als die Situation eskalierte, lief plötzlich eine ganze Polizeikette vor der Nordkurve auf.

Diese Einheiten, erklärt Martins, werden je nach Eskalationsstufe bereit gehalten und eingesetzt. Stufe eins bedeutet: Sichtbarkeit und Präsenz. Weitere Stufen wären aus Sicht der Polizei an diesem Abend kontraproduktiv gewesen, deshalb schritten die Beamten nicht ein und räumten auch den Block nicht. Der Einsatzleiter musste abwägen: Wie groß sind die Ausschreitungen? Was möchte ich wie unterbinden? Direkt in den Fanblock hineinzugehen und die Randalierer herauszuziehen, das sei "ultima ratio", sagt da Gloria Martins.

Der Block sei sehr beengt, einsatztaktisch durch die Stufen und das Gefälle gefährlich, und es könnten dabei andere Menschen verletzt werden. "Höchstens, wenn großflächig Pyros gezündet oder Menschen durch das Werfen von Böllern im Block verletzt werden, dann würden wir sofort massiv reingehen", sagt der Polizeisprecher. Ein Einsatz wie jüngst beim Champions-League-Spiel in Madrid, wo Polizisten den Bayernblock stürmten, habe bei den Beamten in München Kopfschütteln ausgelöst.

Den Münchnern war klar, dass sie bei der Strafverfolgung der Täter gute Chancen haben, auch ohne sie aus dem Block zu ziehen: Die Videoüberwachung im Stadion ist exzellent, es lässt sich minutiös beobachten, wer was gemacht hat. "Unsere Ultras wissen, dass sie später Besuch von der Kripo bekommen", kündigt Martins an. Zahlreiche Randalierer seien ohnehin polizeibekannt. Die Polizei hat nun eine Ermittlungsgruppe eingerichtet, um alle Straftaten aufzuklären. Während des Einsatzes wurden bereits zehn Personen festgenommen - allesamt Sechzger. Ihnen werden Landfriedensbruch, Hausfriedensbruch, Beleidigung, gefährliche Körperverletzungen und Diebstahl vorgeworfen.

Nach dem Spiel kamen vor der Geschäftsstelle des TSV etwa 50 Fans zusammen und schimpften lautstark auf die Verantwortlichen. Insgesamt blieb die Lage in der Stadt aber friedlich. Was wohl auch daran lag, dass die Regensburger Fans ohne größere Vorfälle zum Zug eskortiert und beschützt wurden. Die meisten Löwenfans schlichen einfach deprimiert nach Hause. Bis auf einen: In Haar hatte sich ein Fan volllaufen lassen und feuerte dann mit seiner Gaspistole drei Schüsse auf einen Holzstoß ab. Die Polizei nahm den Mann fest. Er trug einen Löwen-Bademantel.

© SZ vom 01.06.2017
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