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Fußball-Europameisterschaft:Spiele mit Zuschauern versprechen - das geht nicht

So viele Zuschauer im Hintergrund: Deutschland gegen Frankreich in München, vor drei Jahren.

(Foto: FRANCK FIFE/AFP)

München hatte sich auf vier Partien bei dem Turnier vorbereitet. Die Stadt sollte darauf verzichten. Was die Uefa verlangt, kann sie nicht erfüllen.

Kommentar von Anna Hoben

Die Lage in München ist so: Die Infektionszahlen sind hoch, die Sieben-Tage-Inzidenz lag am Mittwoch bei 156,5. Eine Familie darf sich zurzeit nicht mit mehr als einem Freund oder einer Freundin treffen. Einzelhändler wussten in den vergangenen Wochen oft nicht, ob sie am nächsten Tag ihr Geschäft öffnen dürfen und, wenn ja, unter welchen Bedingungen. In diese Zeit nun fällt eine Debatte, die überhaupt nur damit zu erklären ist, dass sie offenbar aus einer Parallelwelt kommt.

Der Europäische Fußballverband (Uefa) hat in den vergangenen Wochen massiv Druck aufgebaut, um der Stadt München bis zum morgigen Freitag ein Versprechen, eine Garantie abzuringen: dass bei den vier Spielen der Fußball-Europameisterschaft, die von Mitte Juni an hier stattfinden sollen, Zehntausende Zuschauer in der Arena sitzen werden. Eine Auslastung von mindestens 20 Prozent stellt die Uefa sich vor.

Der Fußball, der ja genauso weltverbindend ist wie eine Pandemie, kurbelt aber auch bei manchem Politiker die Fantasie an: 10 000 Zuschauer könne er sich vorstellen, sagte erst vor einer Woche der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU). Würde man etwa jeden siebten Platz besetzen, wäre das "stimmungsmäßig ein großer Gewinn gegenüber einem völlig leeren Stadion". Er dachte über Zuschauer nach, die geimpft oder negativ getestet seien.

Die Stadt müsste Garantien geben, die sie gar nicht geben darf

Drei Szenarien hatte München im Zuge der Pandemie bei der Uefa eingereicht: als wahrscheinlichste Variante eine Stadionauslastung von 21,6 Prozent, das entspricht 14 500 Zuschauern; als unwahrscheinlichere Variante eine Auslastung von gut 40 Prozent; und eine Variante, die mit null bis 7000 Zuschauern rechnet. Bleibt es bis Freitag bei diesen Szenarien, gäbe es damit auch keine Garantie - dann droht München das Aus als Gastgeber.

Aber wie sollte die Stadt überhaupt in der Lage sein, eine solche Garantie zu geben? Erstens wird die "Bundesnotbremse" ja so genannt, weil sie auf einem Gesetz des Bundes und nicht auf einer Verordnung der Kommune beruht. Und zweitens will die Uefa eine Entscheidung ja jetzt - jetzt kann aber nur auf Basis der jetzigen Lage entschieden werden, nicht auf Basis der bis Juni erwarteten und erhofften Fortschritte beim Impfen.

Demos auflösen, aber Fußballspiele sichern?

Davon abgesehen: Niemand im Münchner Rathaus drängt den Freistaat oder den Bund, Schlupflöcher für vier Fußballspiele zu schaffen. Während Ungarn (Sieben-Tage-Inzidenz: 277) in der Hauptstadt Budapest vor voll besetzten Rängen spielen lassen will und auch andere Länder große Versprechen machen, sagt der hiesige Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) dazu immer wieder: "Es ist zum jetzigen Zeitpunkt schlicht nicht möglich, eine Aussage darüber zu treffen, ob es das Infektionsgeschehen im Juni zulässt, Zuschauer ins Stadion zu lassen oder nicht."

Wie sollte er auch seinen Bürgerinnen und Bürgern im Juni erklären, dass Tausende Zuschauer in der Fußballarena erlaubt sind, abends bis kurz vor 23 Uhr, während ansonsten womöglich Ausgangssperre ist; und während die Schulen geschlossen sind? Oder den Polizisten, dass sie Corona-Demonstrationen auflösen, aber Fußballspiele sichern sollen?

Sollte München seinen Status als Spielort verlieren, wären mehrere Jahre teurer Vorbereitung dahin, die Stadt hätte vergebens Geld ausgegeben. Angesichts der Lage kann man allerdings nur sagen: Na und?

© SZ
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