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Kultursommer:"Uns als Kulturbranche hat er ein bisschen hängen lassen"

Auch als Horst Seehofer hat Krebs in seinem Programm etwas zum Thema Landflucht zu sagen.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Der Kabarettist Wolfgang Krebs über Markus Söder, Bayern in Stadt und Land und die Freude, endlich wieder auftreten zu können.

Interview von Florian J. Haamann, Gröbenzell

Mit seinen Imitationen bayerischer Politiker, von Markus Söder über Horst Seehofer bis hin zu Edmund Stoiber unterhält der Kabarettist Wolfgang Krebs die Bayern auf der Bühne, im Radio und im Fernsehen. Beim "Stockwerk-Sommer" in Gröbenzell ist er am Samstag mit seinem aktuellen Programm "Geh zu, bleib da" zu sehen, in dem er sich mit dem Thema Landflucht und den Folgen für die Dörfer, aber auch die Städte beschäftigt.

SZ: Herr Krebs, Ihr Spezialgebiet sind die bayerischen Politiker. Was sagen Sie zum Krisenmanagement von Markus Söder und der Möglichkeit, dass er Bundeskanzler werden könnte?

Wolfgang Krebs: Also für mich wäre das natürlich großartig, wenn er das schaffen würde. Weil es mir erleichtern würde, dann auch mal außerhalb Bayerns Auftritte zu haben, sonst bin ich halt mit meinen Politikern sehr auf den Freistaat fixiert. Politisch glaube ich, dass er sich an das hält, was er sagt und mit Maß und Ziel vorgeht. Wenn einer von der Grundstruktur immer wie ein Hypochonder rüberkommt, tut das auf Dauer nicht gut. Und uns als Kulturbranche hat er schon ein bisschen hängen lassen, deswegen habe ich ein anderes Bild von ihm, als noch vor einem halben Jahr.

Hat Hubert Aiwanger in der Corona-Zeit eine bessere Figur abgegeben?

Auch wenn man oft, und ich gehöre da ja auch dazu, seinen Spaß über ihn macht, muss man ehrlich sagen, dass er sehr praktisch veranlagt ist und sehr vorausschauend an der Seite der bayerischen Gastronomie gestanden hat. Wenn ich ein Bierzeltbetreiber wäre, ich würde keinen Politiker mehr auftreten lassen außer den Hubert Aiwanger. Es ist also nicht fair sich immer nur über ihn lustig zu machen, ich finde, er hat sich als sehr weitsichtig präsentiert und für mich ein ganz neues Bild abgegeben. Bei mir haben sich wirklich die tektonischen Platten meiner Parteienwahrnehmung verändert.

Ist das Überleben der Gastronomie auch für Sie als Künstler ein wichtiges Thema?

Letztlich ist das oft mein Auftraggeber. Wie oft trete ich in bayerischen Wirtshäusern auf, in Niederbayern, mit großen Sälen, in die 400 Leute passen. Das sind alles Gastronomen, von denen jetzt auch welche auf der Kippe steht. Ich bin sehr gespannt, was sich da bis Jahresende noch tut oder wie es nächste Jahr zur Starkbiersaison aussieht. Ich weiß auch nicht, welcher Bierzeltbetreiber überhaupt noch eine CSU-Wahlkampfveranstaltung durchführen wird. Und welche Blaskapelle die CSU-Politiker in die Zelte reinspielt, wenn sich Söder darüber lustig macht, dass sie lange nicht proben konnten.

In Ihrem aktuellen Programm, das sie auch in Gröbenzell spielen werden, beschäftigen Sie sich mit dem Unterschied zwischen Stadt und Land. Würden Sie sagen, dass das in Bayern zwei Welten sind?

Auf jeden Fall. Das geht ja schon beim Thema Internetanschluss an. Das ist auf dem Land teilweise mega schlecht, genau wie das Handynetz. Themen wie Homeoffice sind spannend, wenn die Infrastruktur passt. Aber ich hab habe kürzlich mit meinem Nachbarn gesprochen, der mir von einem Bekannten erzählt hat, der Homeoffice machen wollte, aber eine so langsame Leitung hat, dass er nicht einmal was verschicken konnte.

Das ist die strukturelle Seite. Wie sieht es in den Köpfen aus?

Es ist oft noch so, dass die Leute auf dem Land das Leben in München ablehnen, die sagen, das ist mir zu eng, zu nervig, wenn ich einkaufen will, stehe ich im Stau und wenn ich die Idee habe Skifahren zu gehen, machen dass 100 000 andere auch.

Müssen Sie also auf dem Land andere Witze machen als in der Stadt?

Ich nehme schon Rücksicht darauf, wo ich bin. In Gröbenzell funktioniert ja noch eher der Landmodus. Ich habe zum Beispiel die Figur des Schorsch Scheberl. Der erzählt manchmal von seinem Neffen, "der bei Starbucks Kaffe trinkt, der acht Euro kostet. Also keinen Kaffee, sondern einen fettarmen Soja White Mocca mit extra Espressoshot mit Zimttopping ohne Sahne. Wegen dieser Lakteritis in der Stadt. Die jungen Leute da brauchen ja eine Kuh bloß anschauen, dann haben sie die Scheißerei". Sowas funktioniert auf dem Land großartig, in der Stadt dagegen sind sie eher ein bisschen pikiert über so eine Figur, weil sie sagen, was will denn der Bauerndimpfel da.

Der Scherbel ist also einer, der die Leute vom Land versteht.

Er ist dort geboren und weiß, wie es ist, mit den Vereinen und ihren Fahnenträgen und was so passiert. Das ist auch kein Anbiedern an die Landbevölkerung, das ist halt einer, der über die Probleme vor Ort spricht, die es ja gerade jetzt auch gibt. Ich habe mit meinem Musiklehrer, ich lerne seit eineinhalb Jahre Diatonische, gesprochen, der mir erzählt, dass jetzt in der Blaskapelle einige aufgehört haben, weil sie sich in den letzten Monaten dran gewöhnt haben, dass es keinen Unterricht mehr gibt. Solche Sachen eben, es tut sich viel in der Vereinslandschaft seit der Einführung des G8.

Klingt alles sehr ernst.

Es wird schon ein lustiger Abend, bei mir ist nicht alles hohes, feinsinniges Kabarett. Man redet ja oft vom Florett, bei mir ist es auch manchmal der Holz- oder gleich der Dampfhammer. Weil sonst kapiert es ja keiner in der Politik. Und bei mir kommen ja oft ein Haufen Gemeinde- und Stadträte, da muss ich manchmal echt ein bisschen draufhauen.

Die ersten Nach-Lockdown-Auftritte haben Sie bereits absolviert. Hatten Sie das Gefühl, die Leute sind froh, wieder live unterhalten zu werden?

Ich habe gespürt, wie wichtig das für sie ist. Auch weil es eine Möglichkeit ist, mal wieder Menschen zu treffen, ihnen in die Augen zu schauen und zu wissen, wir kommen aus der gleichen Gedankenwelt. Das ist beim Kabarett wie beim Fußball, wo man auch weiß, alle anderen da sind auch Fußballfans. Und die Kabarettfans hatten die letzten Monate ja nur die Möglichkeit Facebookbeiträge, Kommentare, Leserbriefe zu lesen. Ich behaupte mal, dass Kabarettfans gerne ihren Kopf zum denken aufhaben und die meisten davon nicht so für Verschwörungstheorien anfällig sind. Jetzt können sie sich wieder mit Menschen aus ihrem Dunstkreis austauschen und müssen sich nicht den ganzen Tag mit Fakeaccounts in den sozialen Medien beschäftigen.

Stockwerk Sommer mit Wolfgang Krebs, Samstag, 25. Juli, von 21 Uhr an, Karten ab 27,50 Euro unter www.kultur-ticketshop.de. Dort finden sich auch die Termine der nächsten Veranstaltungen bis zum 2. August.

© SZ vom 24.07.2020

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