Umpflanzungsaktion:Wie eine hundertjährige Eiche umgezogen wird

Umpflanzungsaktion: Im Frühling haben Baumspezialisten die Wurzeln abgegraben und eine Sperre eingebaut.

Im Frühling haben Baumspezialisten die Wurzeln abgegraben und eine Sperre eingebaut.

(Foto: Fa. Opitz/oh)

In Fürstenfeldbruck ist eine 100 Tonnen schwere Eiche der Errichtung einer Tiefgarage im Weg. Statt sie zu fällen, lässt die Baufirma sie versetzen - dafür muss ein Spezialkran her.

Von Ingrid Hügenell, Fürstenfeldbruck

"Diese alte Eiche, die darf man doch nicht umschneiden", sagt Anita Meister. Sätze wie diesen hört man immer wieder, wenn es um Bauvorhaben geht. Dass die Baufirma selbst es ist, die ihn nicht nur sagt, sondern den alten Baum auch noch rettet, ist eher eine Seltenheit. Doch die Baufirma Meister tut genau das, mit erheblichem zeitlichem, logistischem und auch finanziellem Aufwand.

Die hundert Jahre alte Eiche steht an der Maisacher Straße in Fürstenfeldbruck, wo früher die Gaststätte "Galerie" war. Die Meister Wohnbau GmbH & Co. KG, die ihren Sitz an der Maisacher Straße 118 in Fürstenfeldbruck hat, will auf dem Grundstück zwei Mehrfamilienhäuser mit 21 Wohnungen errichten. Die Geschäftsführer sind Anitas Mann Patrick und dessen Bruder Christian Meister. Um genügend Parkplätze schaffen zu können, braucht es eine Tiefgarage. Und dort, wo die hinkommen soll, steht die Eiche.

"Wir sind Baumfans, und vor allem Fans von alten Bäumen", sagt Anita Meister. Einen so schönen, großen, gesunden Baum könne man nicht einfach ersetzen. Mit seinen hundert Jahren sei der Baum auch noch jung. Jahrzehnte würde es dauern, bis ein nachgepflanzter, junger Baum die stattliche Größe der Eiche ersetzt, sagt Meister und fügt hinzu: "Das ist ja auch ein Lebensraum für viele Tiere." Und ein großer CO₂-Speicher.

Tatsächlich zählen Eichen zu den artenreichsten Bäumen Mitteleuropas mit alleine hunderten Insektenarten, die auf und von ihnen leben. Eichhörnchen und Eichelhäher tragen ihren wichtigen "Brotbaum" sogar im Namen. Also haben die Meisters beschlossen, den Baum auf dem Grundstück zu versetzen. Wenige hundert Meter weiter nur, näher an der Maisacher Straße, zwischen zwei Kastanien, soll der neue Standort sein. Eine der Kastanien muss auch versetzt werden, was aber laut Meister mit relativ wenig Aufwand zu bewerkstelligen ist.

Einen 18 Meter hohen Baum mit einem Stammumfang von 2,40 Metern und einem Kronendurchmesser von etwa 15 Metern kann man jedoch nicht einfach so verpflanzen. Der Aufwand, der nötig ist, damit der Baum nachher auch weiter wachsen kann, ist gigantisch. Schon in diesem Frühjahr beginnt Opitz international, eine Spezialfirma für Verpflanzungen von Groß- und Größtbäumen aus Heideck in Mittelfranken, mit den Vorbereitungen. Die Firma hat nach eigenen Angaben schon 1,8 Millionen große Bäume in ganz Europa verpflanzt. Bis zu einem Stammumfang von 1,50 Metern können sie dabei mit sogenannten Rundspaten-Maschinen aus der Erde gehoben und transportiert werden.

Dafür ist die Brucker Eiche allerdings viel zu groß. Deshalb graben die Spezialisten rund um den "Größtbaum" einen Graben mit einer Kantenlänge von etwa fünf Metern und etwa 1,2 Metern Tiefe. Sie prüfen den Zustand der Wurzeln sowie die Vitalität des gesamten Baums - er ist gesund. Dann ziehen die Spezialisten einen "Wurzelvorhang" ein, eine Sperre, die bewirkt, dass der riesige Wurzelballen etwas kompakter wird und sich über den Sommer nicht weiter ausbreitet. Weil die Eiche dadurch zwar nicht nach unten, wohl aber seitlich vom umgebenden Boden abgeschnitten ist, muss sie seither gegossen werden - 6000 bis 8000 Liter Wasser bekommt sie pro Woche über einen Gartenschlauch, je nach Witterung. Die Stadtwerke Fürstenfeldbruck sponsern das Wasser - "die finden es gut, dass der Baum erhalten wird", sagt Meister.

Geplant ist, die Eiche noch in diesem Dezember in einer frostfreien Periode umzusetzen. Im Oktober oder November wird das bestehende, schon leer stehende Gebäude auf dem Grundstück abgerissen. Sonst hätte der Spezialkran gar keinen Platz, um den Baum zu heben, erklärt Meister. Die Prozedur der Verpflanzung wird drei Tage dauern. Die Baumexperten werden Meister zufolge den ganzen Ballen mit einer Art Spundwände umgeben und unterhalb der Wurzeln, in etwa 1,50 Metern Tiefe, Stahlplatten einschieben. So kann der Baum samt Wurzeln gehoben werden. Die Experten der Firma Opitz haben Meister zufolge das Gewicht des Konstrukts geschätzt und kommen mit einem Spezialkran, der 100 Tonnen heben kann - so viel wie 25 durchschnittliche Elefanten.

FÜRSTENFELDBRUCK: Baum

Seit hundert Jahren wächst die Eiche auf dem Grundstück, nun muss sie umziehen. Das Gebäude links weicht zwei Häusern.

(Foto: Leonhard Simon)

Über eine weitere Strecke könnte man dieses enorm schwere und auch sperrige Gebilde nicht bewegen, und auch für die wenigen hundert Meter bis zum neuen Standort muss der Kran die Eiche einmal absetzen und sich in eine neue Position bringen. Die Firma Opitz nennt auf ihrer Homepage eine fast hundertprozentige Anwachsrate. Die Eiche soll zusammen mit den beiden Kastanien, die auf dem Grundstück stehen, eine Art Hof bilden.

Auch beim Bau der beiden Häuser zeigt die Baufirma Umweltbewusstsein. "Nachhaltigkeit ist uns schon wichtig", sagt Anita Meister. Dabei spielt auch der Gedanke an die Zukunft der beiden Kinder eine Rolle.

Die beiden Häuser werden daher laut Meister nach der KfW-40-plus-Norm errichtet, sie sind also sehr gut wärmegedämmt, sehr energieeffizient und werden auch öffentlich gefördert. Eine Photovoltaik-Anlage, eine Grundwasser-Wärmepumpe und ein Stromspeicher werden das Haus laut Meister mit Energie versorgen, auch für die E-Fahrräder und die Elektro-Autos der künftigen Bewohner soll es genug Strom erzeugen. Das fertige Gebäude verkauft die Baufirma weiter, ob die Wohnungen dann vermietet oder als Eigentumswohnungen verkauft werden, weiß sie nicht.

Was das Umsetzen der Eiche kostet, will Anita Meister nicht verraten, aber dass die Aktion nicht aus der Portokasse zu bezahlen ist, versteht sich. "Den Baum zu erhalten ist uns so wichtig, da kommt es uns nicht auf Zeit und Geld an", sagt sie. Denn das Umsetzen verzögere auch den Bau. "Es ist uns ein Anliegen zu zeigen, dass es auch anders geht", dass man also nicht alte Bäume fällen muss um dann junge, kleine zu pflanzen, die viele Jahre brauchen, bis sie groß sind. Wenn die Gesetze für Bauen in Bayern anders wären und nicht so viele Parkplätze bei einem Neubau verlangen würden, wäre wahrscheinlich der Bau einer Tiefgarage unnötig gewesen, gibt Meister zu bedenken. "Und dann könnte die Eiche auch stehen bleiben."

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