Oberpfalz:Einmalige hölzerne Typen

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Oberpfalz: Allein auf weiter Flur steht diese stolze Waldkiefer bei Irlbach in der Oberpfalz. Ein solcher Baum ist zäh und wird mehrere Hundert Jahre alt.

Allein auf weiter Flur steht diese stolze Waldkiefer bei Irlbach in der Oberpfalz. Ein solcher Baum ist zäh und wird mehrere Hundert Jahre alt.

(Foto: Jürgen Schuller)

Der Biologe Jürgen Schuller stellt in seinem Bildband alte Bäume in der Oberpfalz vor, die faszinierende Besonderheiten haben.

Von Hans Kratzer, Kaltenbrunn

Vor tausend Jahren waren weite Teile Mitteleuropas noch von fantastisch anmutenden Wäldern bedeckt. Gerne wird erzählt, dass damals ein Eichhörnchen von der französischen Atlantikküste bis in die Ukraine gelangen konnte, ohne auch nur einmal den Boden zu berühren. Es konnte quasi von einer Buchenkrone in die nächste springen. Das ging gut, bis sich schließlich der Mensch dieser Wälder bemächtigt hat, ansonsten wäre Mitteleuropa wohl heute noch voller Buchenwälder. Derlei Baumgeschichten hat der in Kaltenbrunn in der Oberpfalz beheimatete Biologe Jürgen Schuller zuhauf parat. "Bäume haben mich schon fasziniert, als ich noch ein kleiner Bub war", erzählt er.

Damals habe er im Wald kleine Bäumerl ausgegraben, um sie dann daheim im Garten anzupflanzen, was nicht immer von Erfolg gekrönt war. "Bäume waren auch der Grund, warum ich Biologie studiert habe", sagt Schuller, der am Gymnasium Eschenbach Chemie und Biologie unterrichtet. Zwischenzeitlich traten die Bäume zwar etwas in den Hintergrund, aber vor einigen Jahren ist alte Leidenschaft wieder voll erwacht, als er begann, im Netz Baumgeschichten zu erzählen, die dort auf ein unerwartet großes Interesse stießen. "Ich habe da wohl eine Lücke besetzt", vermutet er, und zwar zwischen der Schar jener, die einen esoterischen Bezug zu Bäumen hat und jenen, die Bäume speziell als Umweltthema betrachten.

Er selber sieht sich in einer dritten Sparte, die sich von Biologie, Mythologie und Geschichte der oft uralten Bäume begeistern lässt. Jetzt hat Schuller einen Bildband über faszinierende Bäume in der Oberpfalz veröffentlicht. Mit einem Bestand von mehr als drei Milliarden Bäumen zählt diese Gegend zu den baumreichsten Regionen in Deutschland. Eine Reihe Bäume stellt er in dem Buch vor, Typen, die besonders schön, sehr alt, berühmt oder sehr dick sind. Es ist überwältigend, was schon ein paar Bäume zu erzählen haben, dabei bilden sie nur einen kleinen Teil der 26 400 Baumarten, die es weltweit gibt. Gut 50 davon kommen in Bayern vor, sagt Schuller, ihre Namen sind allen geläufig: Birke, Ahorn, Esche, Ulme, Buche, Linde, Eiche, Weide, einen Migrationshintergrund haben überdies Robinien oder die ungarische Baumhasel, wie sie im Schlosshof von Amberg steht.

Auch die Douglasien gehören dieser Spezies an. Um 1830 herum gelangten die ersten Douglasiensamen von der amerikanischen Westküste nach Deutschland. 1884 wurde, wie Schuller erzählt, ein Forstgehilfe im Pechbrunner Wald ermordet und zum Gedenken daran wurde am Tatort ein Marterl gesetzt, das bis heute von den ältesten Douglasien in Bayern gesäumt wird.

Auch die 350 Jahre alte Friedenfelser Buche wird im Buch vorgestellt, allerdings geht es ihr nicht gut. "Buchen werden nicht so alt wie Eichen oder Linden", erklärt Schuller. Ihr hartes Holz sei gegenüber Pilzen weniger widerstandsfähig. Beim Kalten Baum von Vohenstrauß handelt es sich um eine uralte Linde, um die sich schauerliche Geschichten ranken. Angeblich toben in den Raunächten Geister der wilden Jagd um den Baum, der ohnehin vom Lärm der nahen Autobahn umgeben ist. "Dieser Ort kommt eben nie zur Ruhe", sagt Schuller.

Zu seinen Favoriten zählt die Wolframslinde in der Nähe von Bad Kötzting. Mehr als zwölf Meter umfasst ihr Stamm, zu ihren Füßen soll Wolfram von Eschenbach einst Teile seines Parsifal gedichtet haben. Manche schätzen ihr Alter auf mehr als tausend Jahre. Gerade solch ungewöhnliche Bäume haben ihn animiert, ihre Geschichten zu sammeln. Außer im Buch (Jürgen Schuller, Faszinierende Bäume in der Oberpfalz, Buch+Kunstverlag Oberpfalz) finden sich die Baumgeschichten auf Facebook und Instagram sowie auf Schullers Homepage (www.baumgeschichten.net). Dort erfährt man nicht zuletzt, warum Linden und heilige Orte so oft zusammenstehen.

Uralte Linden prägen etwa die Wallfahrtskirchen St. Quirin und St. Nikolaus bei Püchersreuth. Schon von den Germanen sehr verehrt, behielt die Linde nach der Christianisierung ihre Bedeutung. Freia-Figuren wurden lediglich durch Marien-Darstellungen ersetzt. Welch große Rolle sie in der Heilkunde spielte, belegt allein das Wort Linderung, welche ihre Blüten verschaffen. Angetan ist Schuller auch von einem bajuwarischer Methusalem, wie er die Wolfgangseiche bei Thalmassing nahe Regensburg nennt. Auch sie ist möglicherweise schon tausend Jahre alt. Schon im Mittelalter soll der heilige Wolfgang dort gepredigt haben. Jedenfalls ist die Stieleiche mit zehn Metern Umfang die dickste und älteste Eiche in Bayern.

Ein gespaltenes Verhältnis hat Schuller zu den Friedenseichen, die 1871 gepflanzt wurden, am Ende des Deutsch-Französischen Krieges. "Man kann diese Bäume nicht davon trennen, was danach alles kam", sagt er. Die Irlbacher Eichenzwillinge aber wurden 1871 ausdrücklich nicht gepflanzt, um den Sieg gegen Frankreich zu feiern, sondern wegen der Rückkehr zweier Irlbacher aus dem Krieg. Es war eine Geste der Dankbarkeit.

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