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Vorsitzender der Kolpingsfamilie Au:"Nicht ganz so fromm"

Die digitale Welt ermöglicht es Alfred Baur und seiner Kolpingsfamilie, auch während der Pandemie Kontakt zu halten und sogar gemeinsam Fasching zu feiern.

(Foto: Marco Einfeldt)

Alfred Baur, seit 25 Jahren Vorsitzender der Kolpingsfamilie in Au, weiß, wie man einen katholischen Verein heutzutage so leitet, dass die Mitgliederzahl wächst. Dazu gehört - neben viel Herzblut - in Zeiten der Corona-Pandemie ein umfangreiches digitales Angebot.

Interview von Katharina Aurich, Au

Alfred Baur ist seit 25 Jahren Vorsitzender der Kolpingsfamilie in Au. "Wir sind nicht ganz so fromm, sind gesellschaftlich engagiert und in die Kirche integriert", lautet seine Standortbestimmung. Früher, in seiner Jugend, habe es in der Gemeinde Au als Freizeitangebote lediglich Fußball und die Kolpingsfamilie gegeben. Heute lockten eine Fülle an Angeboten und die Menschen seien viel mobiler. Um Jugendliche zu erreichen und zu begeistern, müsse man sich etwas einfallen lassen, betont Baur. Dies gelingt dem Vorstand des Vereins offensichtlich.

Herr Baur, verraten Sie uns bitte: Wie leitet man einen katholischen Verein so, dass die Mitgliederzahl wächst?

Man muss sich Zeit nehmen, delegieren ist wichtig - und man muss natürlich andere motivieren und begeistern. Wir vom Vorstand machen jedes Jahr eine Klausurtagung, während der sich die 16-köpfige Leiterrunde sehr kritisch mit unserem Tun auseinandersetzt. Wenn uns beispielsweise die Organisation einer Veranstaltung keine Freude mehr macht, dann lassen wir es, auch wenn sie gut besucht war. Unser Engagement soll uns erfüllen und wir wollen mit Herzblut dabei sein, sonst macht es keinen Sinn. Bei uns ist immer was geboten, für jedes Alter und unterschiedliche Vorlieben.

Was sind Ihre persönlichen Höhepunkte?

Das ist zum Beispiel unser alljährliches Spaghettifest. Da stecken wir sehr viel Arbeit hinein. Es gibt im Pfarrheim Spaghetti "all you can eat" mit verschiedenen Soßen. Da ist das Pfarrheim jedes Mal gesteckt voll. Wichtig sind mir aber auch der Kolping-Gedenktag im Dezember oder das Karfreitagsgebet.

Welche Veranstaltungen organisieren Sie in Corona-Zeiten?

Wir haben digitale Lesungen mit Musik organisiert, die Menschen sollen sich "treffen" können. Die älteren Bürger, die nicht so versiert mit dem Internet sind, wählten sich telefonisch dazu und konnten zuhören. Nach der Lesung gab es Unterräume, in denen sich die Teilnehmer trafen und miteinander ins Gespräch kamen. Die Menschen haben auch das Bedürfnis zu helfen, zum Beispiel für andere einzukaufen. Daraus entstand gleich zu Beginn der Pandemie der Einkaufsservice und den wollen wir auch nach der Pandemie beibehalten. Wenn man etwas tun kann, das stärkt einen. Im Moment organisieren wir eine Online-Bierverkostung mit maximal 50 Teilnehmern. Die Nachfrage ist enorm und die Verkostung schon beinahe ausgebucht. Man kann sich dafür eine Bierkiste mit sechs unterschiedlichen regionalen Bieren sowie zwei Gläsern ins Haus liefern lassen und in einem Zoom-Meeting mit Biersommeliere und Brauerin gemeinsam das Bier probieren.

Gibt es auch speziell etwas für die ältere Generation?

Eine große Herausforderung war unser Drei-Königskaffee, unser früherer Seniorennachmittag. Wir haben ihn umbenannt, denn auch mit 70 ist man heute noch zu jung für einen Seniorennachmittag. Dafür fanden wir aber keine gute digitale Lösung. Wir haben dann Grußkarten, eine Geschichte und einen Teebeutel in einen Briefumschlag verpackt und in der Kirche auf eine Wäscheleine zur Abholung aufgehängt.

Woher haben Sie das technische Know how, die neuen, digitalen Formate anzubieten?

Dafür danke ich vor allem unserer Jugend. Sie hat sich intensiv in die technische Betreuung eingebracht. Viele unserer jungen Mitglieder studieren und da an den Universitäten die meisten Veranstaltungen digital angeboten werden, kennen sie sich damit gut aus. Daher gibt es jetzt einen breiten Wissenstransfer von den Jungen an die Älteren und mangels anderer Freizeitaktivitäten ist ja auch genügend Zeit dafür vorhanden.

Und wie haben Sie Ihren digitalen Faschingsball gefeiert?

Zur Einstimmung haben sich meine Frau und ich verkleidet und vor der Kamera miteinander getanzt. Dann gab es Büttenreden und digitale Räume mit unterschiedlichen Angeboten wie zum Beispiel Karaoke. Leider wurde nicht so viel getanzt wie wir dachten, dafür aber um so mehr gesungen. In einem Raum gab es einen 45-minütigen Film, der während des Faschingsballs 1988 gedreht wurde, in einem anderen eine Diashow mit Bildern etwa vom Faschingsumzug 1953. Es gab natürlich eine Outfitprämierung, statt einer Torte erhielten die Gewinner am nächsten Tag frische Krapfen nach Hause geliefert.

Die 46 Besucher aller Altersgruppen haben bei unserem digitalen Fasching viel miteinander geredet und gelacht und wechselten zwischen den Räumen hin und her. Schön war es und trotzdem freuen sich alle auf einen "no Distanz- Fasching", der Termin steht schon für den 5. Februar 2022. Wir sind zuversichtlich, auch dank der laufenden Impfungen.

War auch der Nikolaus hygienegerecht unterwegs?

Natürlich. Uns war es auch unter Pandemiebedingungen ein Anliegen, wie jedes Jahr anderen eine Freude zu machen. Der Nikolaus kam nur zu einer Familie in den Garten, den Krampus hatte er zu Hause gelassen. Manchmal gab es ein Lagerfeuer und einen Tisch, auf dem der Nikolaus seine Geschenke abstellen konnte, ohne den Familienmitgliedern zu nahe zu kommen. Natürlich hat der Nikolaus auch Vorbildfunktion und trug über seinem Bart eine Maske. Die Familien waren dankbar und happy, ein bisschen Normalität zu erleben.

Die Kolpingsfamilie Au ist nicht nur daheim aktiv...

Wir arbeiten mit dem internationalen Kolpingwerk über die Diözese Regensburg zusammen und organisieren den Austausch von Jugendlichen zum Beispiel mit Brasilien. In diesem Jahr möchten wir eine Kooperation mit Rumänien starten. Jugendlichen aus diesen Ländern sind zu Gast in unseren Familien in Au/Regensburg und umgekehrt. Das Besondere daran ist, dass die Jugendlichen das weitgehend selbständig organisieren. Dadurch, dass sie im Gastland in Familien integriert sind und dort örtliche Projekte unterstützend begleiten spüren sie hautnah das Leben und die Kultur in diesen Ländern.

Durch diese internationalen Aktivitäten und die Förderung des Austausches knüpfen wir auch an unsere Tradition an, die wandernden Handwerksgesellen, die in fremden Ländern unterwegs waren, zu unterstützen und in Gesprächen zu erfahren, wie Menschen woanders leben.

© SZ vom 01.03.2021/ilos
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