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Freisinger Gastronomen-Paar:"Der Tag der Verpartnerung wird immer unser Hochzeitstag bleiben"

Steffen Irion und Can Tuna (rechts), die Betreiber des Freisinger Parkcafés, richten das Gastro-Zoom-Käsefondue her. Sie hoffen, spätestens im April wieder öffnen zu dürfen.

(Foto: Marco Einfeldt)

Seit fast zehn Jahren betreiben Steffen Irion und Can Tuna das "Parkcafé". Die beiden Gastwirte erzählen, wie es ihnen im Lockdown geht, wie aus früheren Angestellten Unterstützer geworden sind und warum die Ehe für Alle für sie nur ein Stempel für das Protokoll ist.

Interview von Thilo Schröder, Freising

Seit fast zehn Jahren betreiben Steffen Irion, 43, und Can Tuna, 51, das Parkcafé in Freising, idyllisch an der Moosach gelegen. Im Interview, bei dem ihr Hund Herr Schulz zwischen leeren Tischen umher wuselt, erzählt das Gastronomen-Paar, wie es ihm im Lockdown geht, wie aus früheren Angestellten Unterstützer werden und warum die Ehe für Alle für sie nur ein Stempel ist, fürs Protokoll.

Herr Tuna, Herr Irion, bevor Sie das Parkcafé übernahmen, haben Sie in München gelebt. Was führte Sie nach Freising?

Can Tuna: Steffen war damals Geschäftsführer . . .

Steffen Irion: . . . in einem kleinen Café . . .

Tuna: . . . dann hab ich angefangen, bei meiner damaligen Fluggesellschaft in Teilzeit zu fliegen und nebenbei in dem Café mitgearbeitet. Irgendwann kam der Gedanke: Bei dem, was Steffen dort an Arbeit, an Zeit, an Energie investiert: Das können wir auch selbst machen. Wir sind dann durch eine Freundin von Steffen nach Freising gekommen. Die hatte da ein Jobangebot. Wir waren ein paar Stunden eher hier und mit unserem Hund spazieren, und es hat uns ganz gut gefallen. Am gleichen Abend haben wir im Internet geschaut und gesehen, dass das Parkcafé abzugeben war. Die vorige Pächterin war in den vergangenen drei Jahren in Elternzeit, hat davor aber fast durchgehend bei uns gearbeitet.

Irion: Unser Hauptkoch ist seit zehn Jahren bei uns.

Man bleibt gerne länger bei Ihnen angestellt, scheint es.

Tuna: Bei den Mitarbeitern im Service haben wir wirklich Glück gehabt, so richtig intensiv gesucht haben wir eigentlich nie. Vielleicht mal ein Facebook-Post zu Saisonbeginn. Ein Großteil, besonders die Minijobler, haben uns zehn Jahre lang begleitet - bis Corona. Die Studenten haben irgendwann das Studium abgeschlossen, sind ins Berufsleben gestartet, aber haben uns weiterhin unterstützt. Seit Corona hat sich das natürlich geändert, weil wir unsere Öffnungszeiten anpassen mussten, jetzt ein reines Tagescafé sind. Da mussten wir uns leider von den 450-Euro-Kräften verabschieden. Alle Teilzeit-Mitarbeiter, die auch schon sehr lange bei uns arbeiten, versuchen wir immer noch durchzuziehen.

Was macht das Parkcafé aus?

Irion: Die Karte haben wir komplett neu gemacht, das Frühstücksangebot erweitert.

Tuna: Wir haben so ein bisschen unsere Note eingebracht, Kleinigkeiten, etwa haben wir von Anfang an Wert daraufgelegt, dass unsere Marmelade hausgemacht ist. Es war damals nicht einfach, eine Bank zu finden, die uns unterstützt. Das ging deshalb Stück für Stück.

Irion: Wir haben jetzt im zweiten Lockdown neu gestrichen, die Möbel angepasst, die sind inzwischen einmal komplett ausgetauscht.

Der Gastraum ist leer, es ist Lockdown. Wie gehen Sie mit der Situation um?

Tuna: Im ersten Lockdown haben wir ein Mittagessen to go angeboten, das hat sich aber nicht gerechnet. Man muss alle Kühlhäuser einschalten, vorbereiten, der Warenbestand muss aufgefüllt werden - obwohl uns unsere Stammgäste unterstützt haben. Davon haben wir jetzt Abstand genommen. Nach einer gewissen Zeit muss man wieder auf sich aufmerksam machen. Mit Blick auf den Valentinstag kam uns dann die Idee für das Frühstück to go. Und da meinte Steffen: Wieso machen wir das eigentlich nicht jeden Sonntag? So kam es dazu, und das wird gut angenommen. Der Sommer war für uns gut . . .

Irion: . . . trotz der wenigen Sitzplätze.

Tuna: Im Gastraum hatten wir über 50 Prozent weniger Sitzplätze, draußen 50 Personen weniger. Dennoch hatten wir einen guten Sommer. Als das Wetter schlechter wurde, kamen die Gäste nicht mehr, man hat gemerkt, dass die Menschen Angst haben.

Irion: Anfang, Mitte Oktober sind ja die Corona-Zahlen auch gestiegen. Da sind die Umsätze stark zurückgegangen.

Häufig gibt es Beschwerden über eine verschleppte Auszahlung von Finanzhilfen an die Gastro. Wie läuft das bei Ihnen?

Tuna: Wir bekommen natürlich mit, dass andere teils noch darauf warten. Aber bei uns läuft's. Ich erinnere mich, dass wir für die Dezember-Hilfe an einem Mittwoch bei unserem Steuerberater den Antrag unterschrieben haben; am Donnerstag hatten wir die Eingangsbestätigung per Mail, am Freitag den Bescheid und die Woche drauf am Mittwoch war die Abschlagszahlung dar. Die brauchen wir aber, auch weiterhin. Unsere Mitarbeiter sind alle 100 Prozent in Kurzarbeit, nur damit könnten wir nicht überleben. Wir hatten auch ein Gespräch mit unserer Vermieterin. Im November haben wir ihr noch gesagt: Solange wir es können, zahlen wir die Pacht laut Vertrag, würden uns aber gerne noch mal zusammensetzen, wenn das nicht mehr geht. Vor Weihnachten war das dann der Fall, da ist sie uns sofort entgegengekommen.

Sie beteiligen sich am Gastro-Zoom-Angebot der Aktiven City, wie kam es dazu?

Tuna: Mit Marianne Lang aus dem Vorstand machen wir schon jahrelang unsere Käsefondues, so kam die Idee zustande. Das haben wir jetzt vier, fünf Mal gemacht, da nehmen jeweils über 20 Personen teil. Zum Großteil sind das Gäste, die uns unterstützen wollen und ohnehin zu fast jedem Käsefondue kommen. Die Käsefondue-Saison ist für uns dieses Jahr ja in die Hose gegangen, dabei wären alle Termine bis Ende März ausgebucht gewesen.

Dennoch besser als nichts?

Irion: Man stelle sich vor, diese Pandemie wäre 1995 gewesen, ohne Internet, unvorstellbar.

Unvorstellbar wäre damals womöglich auch Ihre Beziehung gewesen, Sie sind schwul. Am 16. Februar 2001 wurde das Lebenspartnerschaftsgesetz beschlossen, 2017 die Ehe für Alle. Was bedeuten diese Schritte hin zur Gleichstellung für Sie?

Tuna: Wir sind verpartnert, dafür waren wir 2012 hier in Freising im Standesamt.

Irion: Eigentlich war das unsere Hochzeit.

Tuna: Wir hatten darüber mit dem Mitarbeiter vom Standesamt noch gesprochen, wie wir das nennen, und er meinte: Ihr heiratet. So nennen wir das auch, fertig, aus. Natürlich haben wir uns auch, fürs Protokoll, mit dem Tag der Hochzeit befasst. Den Tag der Verpartnerung haben wir mit Familie und Freunden verbracht, das wird auch immer unser Hochzeitstag bleiben.

Steht ein Ehevertrag zur Debatte?

Tuna: Das nehmen wir uns vor, beizeiten, fürs Protokoll . . .

Irion: . . . weil man durch die Verpartnerung ja doch nicht die volle Ehe hat.

Tuna: Für unsere Beziehung wird dieser Stempel aber keinen Unterschied machen.

Was vielen, gerade jungen queeren Menschen wichtiger wäre, sind Safe Spaces. Der Lockdown macht das quasi unmöglich. Sie bieten etwa normalerweise einen Schwulenstammtisch an.

Tuna: Der Stammtisch hat zuletzt ein Zoom-Event gemacht.

Irion: Sonst fällt mir in Freising nichts ein an queerer Szene, wo man ausgehen kann oder so.

Wirkt Freising auf Sie generell offen für nicht-heteronormative Lebensmodelle?

Irion: Das ist alles fein, mit unseren Gästen, egal welche Altersgruppe.

Tuna: Unsere Gäste wissen alle, dass wir ein Paar sind. Bei der älteren Generation merkt man schon, da überlegen die: Wie nenne ich denn jetzt den Partner? Dann sagen die: Der Kollege war schon da, der Spezl. Das muss man dann aber mehr bei grinsen. Da ist halt, glaube ich, eine gewisse Unsicherheit. Ich hatte bislang weder privat noch geschäftlich das Gefühl, nicht aufgenommen oder akzeptiert worden zu sein. Freising ist ja eine junge Stadt, mit den ganzen Studenten. Dass es für die keine queere Anlaufstelle gibt, das ist, glaube ich, zu kurz gekommen. Wir haben uns damit aber wenig auseinandergesetzt. Wir sind ja selbständig, arbeiten viel.

Irion: Wenn man angestellt ist, überlegt man eher mal: Wie sag ich's meinen Kollegen? Sag ich's ihnen überhaupt?

Tuna: Wir wollen das auch nicht thematisieren, das ist nicht zu thematisieren. Wenn man sich als Bewerber wo vorstellt, sagt der Chef ja auch nicht: Ich bin Martin, heterosexuell . . .

Irion: . . . und habe zwei Kinder.

Tuna: Das wird über kurz oder lang vielleicht zur Sprache kommen, und dann ist es dem Einzelnen überlassen, ob er damit ein Problem hat oder nicht. Wir haben und hatten viele muslimische Mitarbeiter, in deren Kultur würden wir vielleicht anders aufgenommen werden. Wir wurden aber nie blöd angemacht, da hat keiner doof über uns gesprochen, überhaupt nicht, ganz und gar nicht. Man sieht in den sozialen Medien oft, dass, was wir erleben, leider bei anderen oft nicht so ist.

Wollten oder wollen Sie denn Kinder?

Irion: Nein.

Tuna: Ich hatte mal einen Kinderwunsch, aber je älter man wird, nein, so richtig nicht. Wir haben Nichten, Neffen und unseren Hund. Und mit meiner Schwester mit ihren zwei Kindern in der Pubertät möchte ich gerade nicht tauschen. (lacht)

Irion: Gott sei Dank müssen wir das nicht mitmachen. (lacht)

Würden Sie Freising als Ihre Heimat bezeichnen?

Irion: Inzwischen ja. München war auch irgendwie eine Heimat, wir fahren öfter hin zum Einkaufen oder in die Stadt gehen. Aber wenn wir an der alten Wohnung vorbeifahren, merkt man, dass Freising schon eher unser Zuhause ist als München es je war. Da ist es halt hektischer.

© SZ/nta
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