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Klimawandel:"Es sind grundlegende Veränderungen nötig"

FREISING: Fridays for Future demonstriert an der Korbinians-Brücke

Skeptiker halten Klimaaktivismus wie zuletzt an der Korbinianbrücke in Freising und geforderte Maßnahmen für übertrieben, eine Wissenschaftlerin widerspricht.

(Foto: Johannes Simon)

Skeptiker halten Klimaaktivismus und geforderte Maßnahmen für übertrieben, eine Freisinger Wissenschaftlerin widerspricht.

Von Thilo Schröder, Freising

Während der Klimawandel fortschreitet, Kipppunkte erreicht oder bereits überschritten werden, während Menschen auch in Freising konsequente Maßnahmen einfordern, gibt es Kritik an diesem Engagement. Die Freisinger SZ hat Klimaskeptiker aus der Region nach Beweggründen für ihre Haltung gefragt. Die Klimabewegung sei scheinheilig, der Einfluss des Menschen auf das Klima gering, heißt es da. Eine Professorin der TU München ordnet die Aussagen ein und erklärt, wieso die Klimakrise ein grundsätzliches Angehen erfordert.

Sicherlich gebe es den Klimawandel, der aber "nicht in dem Maße vom Menschen beeinflusst wird", glaubt Sepp Wagner. "Was ich auch nicht akzeptieren kann, ist die Scheinheiligkeit der 'Fridays-for-Future'-Protagonisten: auf der einen Seite für Maßnahmen gegen den Klimawandel protestieren, auf der anderen Seite aber auf nichts verzichten."

Behauptungen der Skeptiker bleiben meist ohne konkrete Beispiele

Konkrete Beispiele für diesen Vorwurf nennt er nicht, mutmaßt, dass etwa Smartphones, für deren Herstellung rare Ressourcen abgebaut werden, von Klimaaktivisten nicht verteufelt würden. Und dass diese ihre Zimmer "eher nicht um ein paar Grad weniger" heizten, um Energie zu sparen. Wagner empört sich über eine in seinen Augen "verlogene Öko-Politik", über Teenager, die sich "von den Eltern in der Riesenfamilienkutsche zu den Demos kutschieren" lassen. Und Wagner stört der Vorwurf, ältere Generationen hätten zu wenig gegen den Klimawandel unternommen.

Auch Max Schmid (Name geändert) ist genervt von Klimademos in Freising. "Ich bin berufstätig und muss es schaffen, irgendwie morgens mit dem Auto in die Arbeit zu kommen. Wenn mir da jetzt allerdings irgendwelche Clowns den Weg versperren, fange ich an, eine gewisse Abneigung gegen solche Leute zu entwickeln." Er sei ja "auch für Klimaschutz, aber dann doch bitte so, dass niemand anderes beeinträchtigt wird".

Man ist nicht grundsätzlich gegen Klimaschutz, hält andere Probleme aber für wichtiger

Schmid sieht sich gegängelt: "Ich finde diese Bewegung einfach heuchlerisch. Wenn ich wirklich was aktiv für das Klima machen möchte, dann richte ich meine Lebensweise danach aus, schau, dass ich privat etwas dafür mache, und binde nicht jedem demonstrativ auf die Nase, wie toll ich das mache und wie 'pro Klimaschutz' ich doch bin." Mit Blick auf Corona sagt er: "Wir haben wirklich andere Probleme als den Klimaschutz." Fridays for Future sei ein "Jugendtrend". Fürs Klima könne man nach der Pandemie etwas tun.

Anja Rammig kennt solche Haltungen. Die Professorin an der TU München in Weihenstephan forscht zum Klimawandel und seinen Auswirkungen auf die Ökosysteme; bis 2015 war sie am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. "Das finde ich schon recht erschreckend", sagt die 45-Jährige. "Wir Menschen sind für den Klimawandel verantwortlich, darin stimmt die Wissenschaft überein. Diese Leute verschließen die Augen vor der Klimakrise und wollen das Problem nicht wahrhaben. Es wird eine Klimakatastrophe geben, wenn wir es nicht schaffen, die Emissionen zu reduzieren und zwar global."

"Diese Leute verschließen die Augen vor der Klimakrise und wollen das Problem nicht wahrhaben", sagt eine TU-Professorin

Die meisten wüssten um das Klimawandel-Problem, würden es aber auf andere schieben. "Man ist oft sehr in seinem Alltag gefangen, und die Klimakrise ist hier vor Ort für uns wenig greifbar", sagt Rammig. Der Blick in den eigenen Vorgarten sage vielleicht: passt alles. Wenn es nach einem Hitzesommer im Folgejahr wieder mehr regne, sei die Trockenheit schnell vergessen. "Vielleicht ist die Lage hier noch nicht schlimm genug."

Es gehe viel zu oft darum, die Konsumgesellschaft, den Kapitalismus und das Wirtschaftswachstum aufrecht zu erhalten. "Aber das ist nicht nachhaltig, wir müssen die Klimakrise ganz grundsätzlich angehen", sagt Rammig. "Es kann nicht so weitergehen wie bisher, es sind grundlegende Veränderungen der Gesellschaft nötig und auch Verzicht." Auch hierzulande werde es künftig schwieriger, sich an Klimawandelfolgen anzupassen.

Auch hierzulande werden die Klimafolgen stärker zu spüren sein als jetzt

"Es könnte sein, dass man im Sommer nicht mehr vor die Tür gehen kann. Für Teile Bayerns, etwa Franken, gibt es steppenartige Szenarien." Auch hier sterbe der Wald, was große Mengen Treibhausgase freisetze und eine selbstverstärkende Wirkung habe. "Der Erde ist der Klimawandel prinzipiell erst mal egal", sagt Rammig, "das Klima hat sich über Millionen Jahren immer schon verändert - aber ohne uns. Es geht hier um unsere Zivilisation."

© SZ vom 31.03.2021/ilos
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