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Schilderung im neuesten Hallbergmooser Geschichtsblatt:Heimkehr aus Kriegsgefangenschaft

Karl Schäfer, Rückkehr aus russischer Kriegsgefangenschaft 1956

Karl Schäfer mit Hut und Brille beim Empfang vor dem Alten Wirt, rechts neben ihm Tochter Gerda und seine Ehefrau. Links von ihm Bürgermeister Zeilhofer.

(Foto: Privat)

Elf Jahre lang war Karl Schäfer in einem Sonderlager am Baikalsee interniert und musste Zwangsarbeit verrichten. An Körper und Seele schwer beschädigt kehrt der damals 45-Jährige am 18. Januar 1956 aus Russland zurück

Von Alexandra Vettori, Hallbergmoos

Als der Hallbergmooser Karl Schäfer am 18. Januar 1956 aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, hat ihm sein Heimatdorf einen großen Empfang bereitet. Elf Jahre lang war der dann 45-Jährige gefangen gewesen, in die Wehrmacht eingezogen wurde er mit 29. Jahrelang wusste seine Familie nichts über sein Schicksal.

Doch dann kam Schäfer mit den letzten 10 000 Kriegsgefangenen, die der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer bei seinem Moskaubesuch im August 1955 ausgelöst hatte, heim. Seine Tochter Gerda hat jetzt ihre Erinnerungen an das Ereignis und die schwierige Zeit danach öffentlich gemacht, ebenso wie Fotos vom herzlichen Empfang. Der Hallbergmooser Heimatpfleger Karl-Heinz Zenker hat daraus das neueste Geschichtsblatt gemacht. Gerda Fröhlich, geborene Schäfer, ist in Hallbergmoos keine Unbekannte, hat sie doch die Hallberg-Apotheke gegründet und bis 2004 geführt.

Kriegsrückkehrer Karl Schäfer Hallbergmoos

Auch der evangelische Landesbischof empfing die Kriegsgefangenen am Hauptbahnhof München. Aus Hallbergmoos kamen Schäfers Verwandte.

(Foto: Privat)

Elf Jahre war sie alt, als ihr Vater aus der Kriegsgefangenschaft kam. Gesehen hatte er seine Tochter bis dahin nur einmal, während des Fronturlaubs im Januar 1945, da war Gerda elf Monate alt. "Laut Berichten meiner Mutter habe ich während dieser Urlaubstage ständig geweint und geschrien, wenn er mich auf den Arm nehmen wollte. Ich war eben bis dahin vaterlos aufgewachsen", erzählt sie. Nach Kriegsende erfuhr die Familie von der russischen Kriegsgefangenschaft, das erste Lebenszeichen des Vaters kam nach über einem Jahr als Postkarte, die nur 15 Worte enthalten durfte. Zwischen 1949 und 1952 erhielt die Familie keine Post mehr, man fürchtete das Schlimmste. 1952 dann die nächste Nachricht, aus einem Sonderlager am Baikalsee, fast an der mongolischen Grenze. Die Familie schöpfte Hoffnung, auch Gerda. "Je älter ich wurde, desto größer wurde bei mir auch die Sehnsucht nach einem liebenden und beschützenden Vater." Dazu trugen die, wie Gerda heute weiß, zunehmend idealisierten Erzählungen der Mutter bei. Dann kam im September 1955 die Nachricht, dass Adenauer die letzten Kriegsgefangenen aus Russland auslösen konnte, und bei dem letzten Krankentransport am 18. Januar war Karl Schäfer dabei. Doch statt eines strahlenden Helden kam da ein Mann mit 45 Jahren, an Tuberkulose erkrankt, abgezehrt, deutlich gealtert, an Leib und Seele verletzt.

"Ich kann mich noch gut erinnern, als wir ihn am Hauptbahnhof München begrüßten und dort abholten. Mit dabei waren Bürgermeister Vitus Zeilhofer und die Geschwister meiner Mutter, die bereits Autos hatten und die Heimfahrt nach Hause übernahmen. Der anschließende Empfang vor dem Alten Wirt in Hallbergmoos war sehr herzlich", schreibt Fröhlich in ihren Erinnerungen.

Doch die Demütigungen und die Überforderung bei den schweren körperlichen Zwangsarbeiten bei schlechter und mangelnder Ernährung seien dem Vater deutlich anzusehen gewesen. Er kam zwar mehrere Monate auf Kur nach Berchtesgaden, "aber eine Hilfe für die Bewältigung der schweren seelischen Schäden nach elf Jahren Kriegsgefangenschaft gab es damals nicht."

Mehrere Jahre war Karl Schäfer nicht arbeitsfähig, außerdem fehlten ihm wegen seiner ungewöhnlich langen Militärzeit und Gefangenschaft sämtliche Berufserfahrungen. Mit 29 war er in den Krieg gezogen, davor im Verwaltungsbereich tätig. Als er als fast 50-Jähriger zurück kehrte, hatte er den Anschluss verloren, daran musste er sich als ehemaliger höherer Offizier erst gewöhnen. Nach vier Jahren aber fand Schäfer eine Buchhalterstelle bei der italienischen Firma Candidfrucht, die im ehemaligen Kino von Goldach kandierte Früchte herstellte. Durch seine guten italienischen Sprachkenntnisse konnte er die Korrespondenz und die Buchhaltung führen. Nach einigen Monaten arbeitete er gleichzeitig bei Texas Instruments.

Später verlagerte sich Schäfers Mittelpunkt in seine Heimatstadt Frankfurt, Mutter und Tochter waren als gebürtige Hallbergmooser mehr im Landkreis Freising beheimatet. Schließlich kam es zur Trennung der Eheleute. 1986 ist Karl Schäfer an einer schweren Lungenentzündung gestorben.

© SZ vom 18.01.2021
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