Kritik:Konzentriertes Drama

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Das Münchner Rundfunkorchester präsentiert unter Patrick Hahn Alexander Zemlinskys einaktiges Meisterwerk "Eine florentinische Tragödie".

Von Egbert Tholl

Wenn man diese Musik hört, fragt man sich unwillkürlich: Warum werden die Opern von Richard Strauss rauf und runter gespielt, die von Alexander Zemlinsky aber so selten? Zu fast jedem seiner Werke gibt es eine steinige Geschichte der Wiederentdeckung, dabei ist das fabelhaft gute Musik. "Eine florentinische Tragödie" dauert eine Stunde (noch ein Vorteil gegenüber Strauss), hat so dicht verwobene, in ihrer Motivik überbordende, lautmalerisch-theatralische Musik, dass diese, würde man sie horizontaler denken, locker für zwei Stunden ausreichte. Und die Geschichte dazu stammt von Oscar Wilde, da ist man also von der hinterfotzigen Ambivalenz des Textes her auch schon auf einem hochspannenden Niveau.

Wer angesichts der Diskussionen der vergangenen Wochen sich die dumme Frage stellte, wozu man die Orchester der Rundfunkanstalten braucht, der sei auf diesen Abend im Prinzregententheater verwiesen. Im ersten Teil stellen das Münchner Rundfunkorchester, Sylvia Schreiber vom BR, zwei der drei Solisten und Dirigent Patrick Hahn das Werk vor, erklären dessen Bauweise und den Umgang damit - das ist höchst unterhaltsam erfüllter Bildungsausftrag. Nach der Pause dann die konzertante Aufführung - das ist musikalisches Erleben als reine Freude.

Manchmal klingt die "Tragödie" wie "Rosenkavalier" ohne Wiener Kolorit, also objektiver. Ein Liebesdrama in Konzentration. Der reiche Tuchhändler Simone überrascht, verknappt gesagt, seine Frau Bianca beim Seitensprung mit dem Prinzen Guido, es kommt zu einem - musikalisch-gestisch auskomponierten Duell -, der Prinz ist dann tot, und die Eheleute erkennen einander in Liebe neu. Der herrliche Christopher Maltmann singt den großen Part des Simone, viril, knackig, ungeheuer textverständlich, der lyrisch hochbegabte Benjamin Bruns und die superpräsente Rachael Wilson sorgen für den Rest des Dramas. Dieses vollzieht sich mit Rasanz, mit klanglicher Opulenz und vielen tollen Einfällen Zemlinskys. Wundervoll.

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