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Wohnraum:Teure Heimat Ebersberg: Fachkräfte verlassen den Landkreis

Steuerschätzung im Herbst

Symbolfoto.

(Foto: dpa)

Es fehlt an bezahlbarem Wohnraum, Fachkräfte zieht es deshalb weg aus Ebersberg. Wie der Landkreis und die IHK nun gegensteuern wollen.

Von Andreas Junkmann, Ebersberg

Wer nicht lebt, um zu arbeiten, sondern arbeitet, um zu leben, der macht in aller Regel schon vieles richtig. Problematisch wird es dann, wenn diese Gleichung nicht mehr aufgeht. Das ist dann der Fall, wenn das Leben so teuer wird, dass es durch die Arbeit nicht mehr finanzierbar ist. Dieses Phänomen ist zunehmend auch im Landkreis Ebersberg zu spüren, wo bezahlbarer Wohnraum immer mehr zur Mangelware wird. Die Folge daraus ist, dass viele Fachkräfte umziehen müssen - und ihre wertvolle Kompetenz aus der Region verschwindet. Dem versucht der Landkreis seit einiger Zeit mit einer eigenen Wohnbaugesellschaft entgegenzusteuern. Auch bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) ist man sich des Problems bewusst und arbeitet an Lösungen.

Die Organisatoren des IHK-Regionalausschusses hatten sich für die j üngste Zusammenkunft zumindest schonmal einen passenden Ort ausgesucht. Im Tagungsraum des Poinger Bauzentrums, eines der größten Musterhaussiedlungen in Süddeutschland, sollte es um das Thema bezahlbaren Wohnraum im Landkreis gehen - und das aus gutem Grund, wie Brigitte Keller vom Ebersberger Landratsamt sagte. "Wohnraum ist einfach zu teuer", so die Abteilungsleiterin für Zentrales und Bildung sowie Vorsitzende der Wohnbaugesellschaft Ebersberg. Keller zufolge ist im Landkreis bereits ein Verdrängungswettbewerb Richtung Osten zu beobachten, also weg von den teuren Gemeinden an der Grenze zum Landkreis München. Nun ließe sich das Problem durch mehr Wohnraum relativ leicht lösen, aber: "Es wird zu wenig gebaut. Und wenn gebaut wird, dann zu teuer." Keller zufolge fehlen im Landkreis derzeit etwa 650 Wohnungen.

Diese Erkenntnis ist nicht neu, bereits vor einigen Jahren hat sich das Landratsamt dem Thema mit einer eigenen Wohnbaugesellschaft angenommen. Eine freiwillige Leistung, wie Brigitte Keller betonte, denn für den Wohnungsbau sei der Kreis eigentlich gar nicht zuständig. Dennoch wird das Angebot inzwischen gut angenommen, die Gemeinden Grafing, Moosach und Anzing haben sich bereits angeschlossen, auch weitere Orte haben ihr Interesse angemeldet. Das Prinzip der Wohnbaugesellschaft ist dabei so simpel wie effektiv: Die Gemeinden stellen ein Grundstück zur Verfügung, auf dem dann innerhalb kurzer Zeit ein Gebäude errichtet wird. Um dessen Unterhalt kümmert sich die Gesellschaft. "So kann eine Gemeinde letztlich ohne Eigenkapital Wohnraum generieren und hat keine Arbeit damit", sagte Keller.

Auf diese Weise sind bereits erste Projekte umgesetzt worden. In Grafing etwa sind in etwas mehr als einem Jahr 21 Wohnungen entstanden, in Anzing werden seit September sieben Wohnungen vermietet. Auch an der Ebersberger Kreisklinik sollen 22 Wohneinheiten für das Pflegepersonal gebaut werden - ein weiterer Vorteil der Wohnbaugesellschaft, wie Keller sagte. Denn die Wohnungen können zweckgebunden vermietet werden, also etwa an Fachkräfte, die in der jeweiligen Gemeinde arbeiten. "Und gleichzeitig wird das Infrastruktur-Problem auf der Straße gelöst."

Was alles sehr vernünftig klingt, ist derzeit nicht mehr als ein kleines Teilstück eines großen Puzzles, dessen Fertigstellung den Landkreis noch über Jahre beschäftigen wird - und muss: "Wer im Landkreis Ebersberg zu Hause ist, soll auch hier im Landkreis leben können", sagte Keller. Das aber sei nur möglich, wenn es bezahlbaren Wohnraum gebe. Dafür wolle der Landkreis seinen Teil dazu beitragen. Ziel sei es, in den nächsten zehn Jahren 1000 bezahlbare Wohnungen zu schaffen.

Die Entwicklungen auf dem Wohnungsmarkt beobachten indes nicht nur Arbeitnehmer mit Sorge, sondern auch Arbeitgeber. "Der Fachkräftemangel ist ein hohes Risiko für die Unternehmensentwicklung", sagte Susanne Kneißl-Heinevetter, Referentin für Immobilienwirtschaft bei der IHK, im Regionalausschuss. Es seien Preissteigerungen in allen Wohnbereichen zu verzeichnen, selbst die Corona-Krise habe für keinen größeren Einbruch auf dem Markt gesorgt. Auch für die IHK-Expertin steht deshalb fest: "Das Angebot muss gesteigert werden."

Bei der Industrie- und Handelskammer sieht man dabei vor allem die Kommunen in der Pflicht, diese sind der zentrale Treiber beim Wohnungsbau, wie Kneißl-Heinevetter sagte. Die Basis für eine zielgerichtete Grundstücks- und Wohnungspolitik ist demnach eine Flächenpotenzialanalyse. Eine Kommune solle alle Grundstücke erfassen - auch solche, die nicht in gemeindlicher Hand sind - und auf Bebaubarkeit prüfen. Anschließend solle sie gezielt Flächen ankaufen. Da die Wohnungspolitik alleine oft nur schwer zu stemmen sei, fordert die IHK zudem interkommunale Konzepte.

Gleichzeitig dürfe man aber auch die Verkehrs- und Sozialinfrastruktur nicht aus den Augen verlieren und müsse gezielt planen, sagte die IHK-Immobilienexpertin. "Wir brauchen nicht nur Wohnraum, sondern auch Gewerbeflächen", so Kneißl-Heinevetter. Die Kommunen jedenfalls stünden vor einem Spannungsfeld: "Sie haben wenig Flächen, sollen aber viel schaffen."

Das ist alles leicht gesagt, aber ungleich schwerer umzusetzen, mag sich nun der ein oder andere Bürgermeister denken. Und auch Kneißl-Heinevetter gibt zu: "Die Schaffung von Wohnraum ist ein extrem komplexer Prozess. Da gibt es keinen Königsweg." Auch wenn die IHK selbst leider keine Flächen zur Verfügung stellen könne, so könne sie doch dabei unterstützen, Prozesse zu moderieren und Lösungsansätze zu entwickeln. Und beim großen Ziel dürften auch die Rathauschefs der IHK-Expertin kaum wiedersprechen: "Wir brauchen bezahlbaren Wohnraum für alle Einkommensschichten."

© SZ vom 19.10.2020/koei
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