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Trödlerin:Das Kaufhaus der Kunst steht in Markt Schwaben

Barbara Kiefl, 41, hat schon so einige Tiefen erlebt, die der Beruf als Trödlerin mit sich bringt. In Poing eckte sie mit ihrem Geschäft einst an. In Markt Schwaben hat die 41-Jährige nun ein altes Getreidelager angemietet. Im zugehörigen Turm führen 61 Stufen hinauf unter das Dach, wo es nach Höhenluft riecht.

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

Drei Stockwerke voll mit Malerei, Mode und Trödel in einem alten Getreidelager: Barbara Kiefl hat ein Kleinod für Künstler und Händler geschaffen. Und sie hat ein Ziel.

Er hält sie wie eine Trophäe. Zwei Spielzeug-Autos, noch originalverpackt, hat dieser Bub ergattert. Er marschiert aus dem Haus heraus, in der einen Hand Lastwagen und Feuerwehrauto, die andere Hand hält seine Mutter. Auch sie war erfolgreich: Sie trägt eine Schüssel fürs Hühnerfüttern von dannen. Ein Frau, die sich im Garten Hühner hält. Und ein Bub mit Spielzeugautos. Es ist, als wäre man Teil eines Films aus einer längst vergangenen Zeit.

Barbara Kiefl hat in Markt Schwaben etwas geschaffen, das es so praktisch nicht mehr gibt. Die 41-Jährige hat ein mehr als hundert Jahre altes Getreidelager angemietet und in ein Kaufhaus der Kunst verwandelt. Auf drei Stockwerken verkauft Kiefl Malerei, Klamotten, Fahrräder, Radio und allerlei Trödel. Alles Dinge, die entweder handgemacht sind oder die sie vor der Müllhalde bewahrt hat. Sie lebt davon, erklärt Kiefl. "Ich bin nicht reich aber glücklich."

Die Schaufensterpuppe trägt Kreuzschmuck unter dem Halstuch und eine Pandamaske über dem Kopf.

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

Der letzte Freitag im Mai, die Trödelei hat geöffnet. Hinter der Türschwelle beginnt ein Reich aus Ölbildern, Schmuck und Spielzeug. Aus einer uralten Musikbox dudelt Radiomusik. Den Plattenspieler hat jemand ausgebaut, deswegen sind in den Seitentüren keine Schallplatten gelagert sondern türenweise Bohnenkaffee. Verhandlungsbasis für die Anlage: 50 Euro. Gleich daneben steht ein altes Scheibentelefon, fünf Euro. Und ums Eck, bei den Fahrrädern - 30 Euro - hat sie einen uralten Ergometer der Marke Polo Kettler aufgebaut. Das Gerät gehörte einer Frau aus Ottobrunn, die im Alter von 94 starb. Normalerweise wäre der Vintage-Ergometer im Sperrmüllcontainer gelandet. Kiefl hat ihn ohne Lackschäden gerettet. Nun steht er hier zum Verkauf, 20 Euro.

Zwischen den Regalen, Nähmaschinen und Spielzeugpistolen fällt es nicht direkt schwer Zeit zu vertrödeln, weil man gar nicht weiß, wo man zuerst hinschauen soll Man will hier nicht mehr weg. Und so ist dieses Haus in Markt Schwaben wie ein Gegenentwurf zu den großen Hochglanz-Kaufhäusern mit ihren frisierten Dekorationen und steril geordneten Regalen. In den Fluren der Markt Schwabener Trödelei ist das Ordnungssystem flexibel. Die Schaufensterpuppe trägt Kreuzschmuck unter dem Halstuch und eine Pandamaske über dem Kopf.

Ein sechs Jahre langer Kampf mit der Gemeinde Poing

Die Trödelei darf fast alles, nur Maskenpflicht gilt dieser Tage auch hier. Im Erdgeschoss lugt zwischen Kleiderständen und Stoffbergen eine Frau hervor. Heike Kressierer ist eine gute Freundin der Trödlerin, sie kommt alle paar Wochen von Wörth im Nachbarlandkreis Erding nach Markt Schwaben und hilft mit. Die 47-Jährige ist Hauswirtschaftslehrerin und Näherin, sie zieht gerade den Faden einer selbst genähten Virusmaske fest. 20 bis 30 Minuten braucht sie für eine Maske. "8 Euro pro Stück", steht auf einem Schild.

Wie kann sich das wirtschaftlich lohnen? Kressierer erzählt, wie man sich die Warenakquise vorzustellen hat. Wenn Kiefl nicht im Laden steht, wird sie zu Wohnungsauflösungen gerufen. Bei Heike Kressierer kam sie nach dem Tod der Schwiegermutter. Statt - wie sonst üblich - sämtliche Möbel und Einrichtungsgegenstände in Schrottcontainer zu verfrachten, sortiert Kiefl Dinge aus, von denen sie überzeugt ist, dass sie noch zu verkaufen sind. "Sie hat für das komplette Schlafzimmer Abnehmer gefunden", erklärt Heike Kressierer. "Normalerweise hätten wir für die Entsorgung locker 2000 Euro einplanen müssen", sagt sie. So entstanden ihrer Familie Müllkosten von 500 Euro für zwei kleine Container Holz und Sperrmüll.

Im Laden rührt sich was, Menschen gehen ein und aus. Manche kommen und setzen sich vor den Laden auf die Bank. Zum Rauchen oder Ratschen, auch darum geht es hier. Vier Wochen hat Kiefl das Haus geöffnet. Es laufe gut an, sagt sie. "Manche Kunden kommen an fast jedem Öffnungstag", also Freitag und Samstag. In den 15 Jahren, die sie als Trödlerin arbeitet, war das auch schon mal anders. Barbara Kiefl hat Zeiten erlebt, da konnte sie von solchen Umständen nur träumen. Sie erzählt von ihrer Zeit als Trödlerin im Poinger Ortsteil Grub. Sechs Jahre lang kämpfte sie mit der Gemeinde wegen der Genehmigung. Zeitweise wurde ihr Geschäft geduldet, aber bis zum Schluss nicht genehmigt. 2017 gab sie den Kampf auf - und zog 2018 nach Markt Schwaben.

Das Image der Trödler und Flohmarkt-Händler ist alles andere als makellos. Weil unter ihnen auch Schacherer am Werk sind, die ihre Kunden nicht selten über den Tisch ziehen. Und weil die Händler nicht gerade für akribische Sauberkeit berühmt sind. Dieses eher negative Bild von der Branche könnte mit ein Grund für die Probleme in Poing gewesen sein, sagt Kiefl. Vielleicht hatte die Gemeinde aber schon damals eigene Pläne mit dem Grundstück. Mittlerweile ist klar, dass dort, wo einst ihr Laden stand, Poings neue Polizeistation gebaut werden soll.

In Markt Schwaben startete sie den Neuanfang. In der Wohnung und ihrer Garage baute sie die Trödelei auf. Das Schild hängt noch am Garagentor, doch die Berge aus Gewand, Büchern und Schuhen sind 150 Meter weiter in das riesige Gebäude mit dem Turm gezogen. Früher wurde dort Getreide von umliegenden Bauern gelagert. Die Seilwinde zum Hochziehen der Getreidesäcke steht heute noch im Turmzimmer, und auch die Seilhaken sind noch in die Querbalken eingelassen. 61 enge Holzstufen führen nach oben. Kiefl hat höhere Ziele. An denen arbeitet sie gerade.

Im Hauptgebäude geht es ebenfalls hinauf, im ersten Stock vermietet sie Verkaufsplatz für Töpfer, Näher oder Maler, die hier arbeiten und verkaufen können. Am späten Nachmittag hat sie einen Termin mit einer Künstlerin, die hier womöglich demnächst ihre Bilder malt und anbietet. Für 13 Quadratmeter Arbeitsplatz nimmt Kiefl 80 Euro im Monat. Wenn Sie den Verkauf für jemanden übernehmen soll, kostet die Fläche 150 Euro. Und oben im Dachgeschoss, unter den hölzernen Querbalken, soll künftig Theater gespielt werden. "Ich will hier eine Kleinkunstbühne aufbauen", sagt sie. So lautet der Plan. Genehmigt ist dies allerdings noch nicht, hierfür müsste Markt Schwabens Gemeinderat die Umnutzung des alten Getreidelagers genehmigen. Da geht es dann um Themen wie Brandschutz. Der Verkauf von Spielzeug-Feuerwehrautos hingegen, der ist bereits genehmigt.

© SZ vom 30.05.2020/koei
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