Radverkehr in Poing:59 Bäume müssen weichen

Radverkehr in Poing: Für den Radweg entlang der Kirchheimer Allee in Poing müssen 59 Bäume gefällt werden, daran gibt es Kritik.

Für den Radweg entlang der Kirchheimer Allee in Poing müssen 59 Bäume gefällt werden, daran gibt es Kritik.

(Foto: Christian Endt)

Die Mitglieder des Poinger Gemeinderats diskutieren lange über den geplanten Radweg in der Kirchheimer Allee - der kann nur gebaut werden, wenn die Bäume entlang der Straße gefällt werden.

Von Johanna Feckl, Poing

Es war eine für Poinger Verhältnisse ungewöhnlich lange Gemeinderatssitzung am vergangenen Donnerstagabend. Der Grund dafür war die gut einstündige Debatte allein über einen Tagesordnungspunkt: der geplante neue Fuß- und Fahrradweg in der Kirchheimer Allee, ein sogenannter Lückenschluss, denn im östlichen Bereich der Straße gibt es auf der Südseite bereits einen Weg für Radler, nur im westlichen eben nicht. Das Problem, das nun zu der ausführlichen Debatte und letztlich zu fünf Gegenstimmen für den Radweg geführt hat, war aber genau genommen nicht der Radweg selbst, sondern die 59 Bäume entlang der Kirchheimer Allee.

Dass besagtes Fahrradprojekt ein nicht ganz unkomplizierteres Unterfangen werden würde, war bereits spätestens nach der öffentlichen Gemeinderatssitzung im April 2023 klar: Die gesamte Straße ist in dem Bereich, in dem der Radweg entstehen soll, gesäumt von Bäumen. "Wir befinden uns da im Bereich der Wurzeln, ja, das ist schon ein Problem", sagte damals Martin Niedenzu vom gleichnamigen Planungsbüro. Dennoch sprachen sich die Gemeinderatsmitglieder geschlossen für den Radweg aus.

Wie groß jedoch das Problem tatsächlich sein wird, war zu jener Zeit nicht absehbar. Nach der jüngsten Gemeinderatssitzung ist nun aber klar: Das Problem ist ganz schön groß. Denn den geplanten Fuß- und Radweg trotz Baumschutz gemäß Vorgaben und technischer Standards umzusetzen, ist nicht möglich. So habe eine Untersuchung ergeben, dass mit sogenannten Grobwurzeln zu rechnen ist - "Ausfälle und Folgeschäden können bei diesem Vorgehen nicht ausgeschlossen werden", heißt es dazu in den Sitzungsunterlagen.

Die Untere Naturschutzbehörde (UNB) hat aber noch etwas Weiteres herausgefunden: Beinahe alle 59 Bäume würden eine "schlechte Vitalität" aufweisen. Über dieses Ergebnis eines Vor-Ort-Termins in vergangenen November wurde das Gremium bereits im nicht öffentlichen Teil der Gemeinderatssitzung im Januar informiert. Demnach hat die UNB den Bäumen entlang der Kirchheimer Straße einen "desolaten Zustand" bescheinigt. Vermutlich liegt die Ursache darin, "dass die Bäume in den blanken Kies gepflanzt wurden", wie die Behörde in den Sitzungsunterlagen zitiert wird. Weil die Bäume dementsprechend mit einer Oberbodenschicht von gerade einmal 15 bis 20 Zentimeter auskommen müssen, können sie keine Tiefwurzeln ausbilden.

"Die Bäume sind auf einem absteigenden Ast"

"Eigentlich müssten die Bäume in ihrem Alter viel größer sein", sagte UNB-Kreisfachberater Alexander Ferres. Auf zehn bis 15 Jahre schätzte er die verbliebene Lebensdauer der Bäume. "Ich habe keine Glaskugel, aber die Sommer werden auch immer heißer", so der Experte. "Die Bäume sind auf einem absteigenden Ast."

Zu Beginn der Woche fand ein Ortstermin mit der Poinger Gemeinde, dem Bund Naturschutz, Alexander Ferres von der UNB sowie Landschaftsarchitekt Matthias Bauer statt, bei dem den Mitgliedern des Gemeinderats die Situation gezeigt wurde. Eine ernüchternde Begehung, wie aus den Diskussionsbeiträgen in der Sitzung klar wurde. "Nach dem Ortstermin ist für mich der Bau gestorben", sagte Valentin Mágori (FWG). Stattdessen sprach er sich für einen Fahrradschutzstreifen aus, der vermutlich einen positiven Nebenaspekt mit sich bringen würde: "Dann wirkt die Straße schmaler und die Geschwindigkeit der Autos sinkt."

Ein solcher Streifen wäre auch Wolfgang Spieth (FDP) zufolge eine denkbare Lösung. Er hält es für einen "unvertretbaren Aufwand", an den ursprünglichen Plänen für den Bau festzuhalten. Auch Werner Dankesreiter (Grüne) sieht in einem Schutzstreifen "eine große Chance".

Demgegenüber stand eine andere Einschätzung, die Ordnungsamtsleiter Jürgen Rappold wiedergab: "Die Polizei meint, ein Schutzstreifen bringt nur eine Scheinsicherheit." Die Behörde würde davon abraten, ebenso wie von einem Zweirichtungsradweg auf der nördlichen Seite der Kirchheimer Allee - aktuell ist dort das Radeln nur in Richtung Westen erlaubt. Für einen solchen sprachen sich Bernhard Slawik (FWG) und Yvonne Großmann (Grüne) aus. Generell ist laut Polizei ein Zweirichtungsradweg innerhalb von Ortschaften heikel und zu vermeiden, wie Rappol berichtete. Außerdem müsste man die Vorfahrt ändern, zuungunsten der Radler.

Vor knapp drei Jahren hat die Gemeinde Poing ein Radverkehrskonzept verabschiedet

Christina Tarnikas (SPD) erinnerte an das Label "fahrradfreundliche Kommune", mit dem Poing vor gut zwei Jahren ausgezeichnet wurde. "Wenn wir jetzt aber keine Radwege bauen, weiß ich nicht, wie das geht." Ähnlich argumentierte Matthias Andres (FWG), der sich auf das einstimmig verabschiedete Radverkehrskonzept im März 2021 bezog, in dem eben jener Fahrradweg bereits vorgesehen war.

Dankesreiter mahnte an, den Sachverhalt nicht so schwarz-weiß zu sehen. "Nur weil wir einen Schutzstreifen machen, heißt das ja nicht, dass wir dort nie einen Radweg machen." Bürgermeister Thomas Stark (parteilos) verwies daraufhin auf eine Frist: Die Entscheidung für einen Radweg müsse in dieser Sitzung fallen, da ansonsten die Frist für Förderanträge verstrichen wäre. Christina Landgraf (Grüne) beurteilte die Lage ähnlich und bezeichnete es als "harten Schritt", doch letztlich würde sie sich für den Radweg aussprechen.

Nach einer Unterbrechung zur fraktionsinternen Beratung folgte schließlich die Abstimmung. Mit insgesamt fünf Gegenstimmen (jeweils zwei von FDP und Grüne sowie eine von FWG) beschloss der Gemeinderat, die aktuell 59 Bäume zu fällen, den Radweg wie geplant zu bauen und dann für Ersatzpflanzungen von ebenfalls 59 Bäumen zu sorgen, und zwar so viele wie möglich an gleicher Stelle.

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