Poing:Bewährungsprobe auf zwei Rädern

Eine Jury prüft bei einer sechs Kilometer langen Tour, wie fahrradfreundlich Poing ist. Am Ende gibt es ein klares Urteil

Von Katrin Kastenmeier, Poing

Ob er heute Urlaub habe, wird er gleich am Morgen von einem Nachbarn gefragt. Kariertes Hemd, kurze Cargohose, schnittige Sportsonnenbrille und ein Fahrradhelm, der am Rucksack baumelt: So "casual" wie er selbst seinen Look bezeichnet, ist der Poinger Bürgermeister Thomas Stark (parteilos) selten unterwegs. Zumal er auch gar nicht frei habe, wie er richtigstellt: "Heute geht's zu einem wichtigen Termin für die Gemeinde, und das an der frischen Luft." Fast 24 Grad hat es an diesem Montagvormittag schon, mit zugekniffenen Augen schielt man in den Himmel, die Sonne blendet vor dem Schulungsraum der Freiwilligen Feuerwehr in der Friedensstraße. Und sie setzt die Teilnehmenden in ein tolles Licht. 15 Vertreterinnen und Vertreter aus Gemeinde, Politik und einer Jury, die bewerten soll, wie fahrradfreundlich Poings Straßen sind, steigen in sportlichen Dressen auf die Räder.

Poing: Fahrbahnmarkierungen und Fahrradständer wurden überprüft.

Fahrbahnmarkierungen und Fahrradständer wurden überprüft.

(Foto: Christian Endt)

37 Gemeinden und Städte in Bayern tragen den Titel "Fahrradfreundliche Kommune" bereits, Poing verfolgt das Ziel seit gut fünf Jahren. Das Zertifikat wird vom bayerischen Verkehrsministerium und von der Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundliche Kommunen (AGFK) verliehen, im Sommer 2016 hatte eine AGFK-Delegation die Gemeinde erstmals besucht. Und eine Liste an "Hausaufgaben" zurückgelassen, wie sich Michael Wenzl, Radverkehrsbeauftragter der Gemeinde Poing, erinnert. "Ein Großteil der Maßnahmen ist bereits umgesetzt und in einer theoretischen Begutachtung Mitte Mai abgesegnet worden." Dabei präsentierte Poing eine ausgewählte Tour durch den Ort, ein Radwegekonzept und Mittel, die in den vergangenen Jahren das Radeln in der Gemeinde noch besser gemacht haben. Die Bilanz: "Poing ist auf einem guten Weg", stellte die Geschäftsführerin der AGFK, Sarah Guttenberger, fest.

Poing: Die Gemeinde arbeitet seit fünf Jahren daran, gute Bedingungen für Radler zu schaffen.

Die Gemeinde arbeitet seit fünf Jahren daran, gute Bedingungen für Radler zu schaffen.

(Foto: Christian Endt)

Bei der Hauptbereisung an diesem schönen Julitag will sie sich in der Praxis von der Fahrradfreundlichkeit des Ortes überzeugen und hat zur Unterstützung Birgit Zehetmaier vom Verkehrsministerium sowie Robert Burschik vom ADFC dabei. Die Verschlüsse der Radlhelme klicken unter dem Kinn zusammen, die Klingel wird ein letztes Mal auf ihre Lautstärke überprüft, bevor es von Wenzl heißt: "Los geht's, mir nach." In einem Konvoi aus gelben Warnwesten startet man gut gelaunt Richtung Rathaus. In diesem Radfahrer-Verbund dürfe man auch mal nebeneinander fahren, heißt es von irgendjemandem aus der Gruppe. "Darf man auf dem Fahrrad eigentlich telefonieren?", von einem anderen Radler. "Nein!", tönt es von der Seite des Gemeinderats.

Poing: Am Feuerwehrhaus beginnt die Tour, auf der sich die Jurymitglieder gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern aus Politik und Verwaltung ein Bild davon machen, wie komfortabel Poing für Fahrradfahrer ist.

Am Feuerwehrhaus beginnt die Tour, auf der sich die Jurymitglieder gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern aus Politik und Verwaltung ein Bild davon machen, wie komfortabel Poing für Fahrradfahrer ist.

(Foto: Christian Endt)

Daraufhin der erste abrupte Stopp am Ende einer Fahrradstraße. Streitpunkt der AGFK-Jury: Die Beschilderung passt nicht. Eine Diskussion zwischen Landratsamt und Fahrrad-Club entsteht. "Dann setzen wir das Schild eben um, das ist schon kein Problem", schlichtet Bürgermeister Stark schließlich die Situation und radelt weiter.

Unter den strengen Augen der Jury führt die Tour vorbei an den Verwaltungsgebäuden der Gemeinde in die Römerstraße, die bald auch eine eigene Fahrradstraße werden soll. Weiter saust die Gruppe unter der neuen S-Bahn Unterführung hindurch und schlängelt sich in einer langen Reihe durch den Bergfeldpark am Neubaugebiet vorbei. Zwei Rentnerinnen überholen mit E-Bikes und grüßen Landtagsabgeordnete Doris Rauscher (SPD). Zusammen mit Andreas Lenz (CSU), Mitglied des Bundestages, ist sie Teil der Bewertungskommission für das fahrradfreundliche Zertifikat und heute auf einem Leihrad der Gemeinde unterwegs. "Bis jetzt sieht es gut aus", bewertet Rauscher die ersten Kilometer und betont, dass es heute ja auch um ein Symbol und den Willen, fahrradfreundlich für alle Poinger Verkehrsteilnehmer zu werden, gehen soll.

Während der Erkundungsfahrt zeigt Wenzl Unfallknotenpunkte, neue Fahrbahnmarkierungen und Fahrradständer und erklärt der Jury, wie Poing das Radeln für alle noch attraktiver und sicherer machen will. Um "Fahrradfreundliche Kommune" zu werden, steht auf der langen Liste an Kriterien auch das Angebot für schnelle Radreparaturen und ein Schlauchautomat. Den gibt es mittlerweile im Erdgeschoss des Park-and-Ride-Gebäudes auf der Nordseite des Poinger S-Bahnhofs. Zwischen Platz für gut 2000 Fahrräder, beinhaltet die gelbe Servicestation allerlei Radl-Werkzeug von Luftpumpe, über Schraubendreher bis hin zu Torx-Schlüssel. Daumen hoch von der Jury. Mit einem guten Gefühl radelt die Truppe nach rund sechs Kilometern zurück zum Feuerwehrhaus, in dem nach intensiver Beratung der Bewertungskommission gleich im Anschluss das Ergebnis verkündet werden soll.

Wurden alle Vorgaben in der Praxis richtig umgesetzt? Wenzl ist zuversichtlich: "Die Bereisung war 45 Minuten schneller als gedacht, wenige Stopps heißt, wenig zu bemängeln." Und nach einer halben Stunde, kommt es dann auch, das positive Ergebnis von Seiten der Jury: "Ja, Poing soll als fahrradfreundliche Gemeinde ausgezeichnet werden." Guggenberger lobt vor allem das große Engagement von Politik und Verwaltung, denn es sei keine Selbstverständlichkeit, dass sich an einem Montagmorgen so viele Vertreter zusammenfinden, um sich für das lokale Radeln einzusetzen. "Die Hausaufgaben wurden eindeutig gemacht, das haben wir heute gesehen", sagt die Geschäftsführerin. Ausruhen will sich Poing auf diesem Zertifikat jedoch nicht, Radverkehrsförderung sei ein andauernder Prozess. "Es ist für uns ein weiterer Ansporn, den Radverkehr in unserer Gemeinde voranzubringen", verspricht Stark, denn nach Ansicht des Bürgermeisters ist das 13 Quadratkilometer große Poing prädestiniert für alle Fahrrad-Fans.

© SZ vom 21.07.2021
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