Corona-Testverordnung:"Mal wieder ein Witz"

Lesezeit: 3 min

Corona-Testverordnung: Menschen stehen Schlange für einen Corona-Test. Aufgrund der neuen Testverordnung dauert die Bedienung eines Kunden viel länger, was sich auch auf die Wirtschaftlichkeit der Testzentren auswirkt.

Menschen stehen Schlange für einen Corona-Test. Aufgrund der neuen Testverordnung dauert die Bedienung eines Kunden viel länger, was sich auch auf die Wirtschaftlichkeit der Testzentren auswirkt.

(Foto: Jochen Eckel/imago images)

Mit einem Tag Vorlauf hat das Bundesgesundheitsministerium zum 30. Juni die Corona-Testverordnung geändert. Welche Auswirkungen hat das auf Teststationen, Pflegeheime und die Kreisklinik Ebersberg?

Von Johanna Feckl und Merlin Wassermann, Ebersberg

Vielen wird diese Situation aus der Uni oder sogar der Schule noch vertraut sein: eine Abgabe steht an, man weiß genau, dass sie kommt und trotzdem kann man sich nicht wirklich aufraffen, den Essay oder die Hausaufgabe rechtzeitig zu beginnen. Dass auch auf den höchsten Ebenen der Politik Dinge gerne einmal auf den letzten Drücker erledigt werden, hat sich erst am 29. Juni wieder gezeigt. Da verkündete das Bundesgesundheitsministerium die neue Corona-Testverordnung, die einen Tag später in Kraft trat. Nicht viel Zeit also für die Teststationen, Pflegeeinrichtungen und die Kreisklinik Ebersberg, sich darauf einzustellen.

Die IT musste über Nacht neu eingestellt werden

Laura Hohmann, Geschäftsführerin der Baynomic GmbH, die fünf Teststellen mit insgesamt 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Landkreis leitet, empfand die geringe Vorlaufszeit als "mal wieder einen Witz". Dabei war ihr an besagtem Abend gar nicht zum Lachen zumute. Wortwörtlich über Nacht mussten bei den Teststellen die gesamte IT umgestellt und am nächsten Tag alle Mitarbeiter im Eiltempo neu geschult werden.

Corona-Testverordnung: Laura Hohmann, Geschäftsführerin der Baynomic GmbH, fand die kurze Übergangsfrist gar nicht witzig.

Laura Hohmann, Geschäftsführerin der Baynomic GmbH, fand die kurze Übergangsfrist gar nicht witzig.

(Foto: privat)

Denn das Prozedere ist auf jeden Fall komplizierter geworden: Laut der dritten Corona-Testverordnung sind Schnelltests nur noch für bestimmte Ausnahmegruppen wie etwa für Kinder unter fünf Jahren oder zum Freitesten kostenlos. Das gilt auch für die, die ihre kranke Großmutter im Krankenhaus oder im Pflegeheim besuchen wollen. Für Personen hingegen, die auf ein Konzert in einem Innenraum gehen wollen oder einen gefährdeten Angehörigen besuchen wollen, gilt eine Eigenbeteiligung von drei Euro. In Bayern gilt zudem mittlerweile, dass die, die sich testen lassen wollen, dafür keine Bescheinigung etwa von der Klinik brauchen, die sie besuchen wollen. Stattdessen bestätigen sie in den Testzentren selbst, dass ein Bedarf vorliegt. In jedem Fall ist damit jedoch eine Menge Papierkram entstanden.

Noch ist unklar, ob Teststellen schließen werden

Ausweis, Berechtigungsschein und Rechnung sorgen dafür, dass der Schnelltest gar nicht mehr so schnell ist. Diese Erfahrung musste auch Frank Bittner machen. Er ist der Geschäftsführer von "Schnelltest vor Ort" mit Stationen in Vaterstetten und Kirchseeon. "Wir brauchen jetzt zehn bis fünfzehn Minuten, um einen Test abzuwickeln", so Bittner. Dadurch könne man deutlich weniger Kundinnen und Kunden durchschleusen, der Umsatz sinke spürbar.

Dazu kommt noch, dass die Teststellen von der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) nur noch die Hälfte für Personen mit Berechtigungsschein an Zuschüssen erhalten. Hinzu kommt, dass potentielle Kunden von den Kosten für die Tests abgeschreckt werden könnten. Frank Bittner und seine Mitarbeiter spüren dies bereits, sie testen mittlerweile deutlich weniger. Nicht so bei Baynomic, an manchen Tagen wird dort mehr getestet als noch vor dem 30. Juni. "Man merkt, dass die Inzidenz steigt", so Laura Hohmann. Welchen Einfluss die Kosten also auf die Menge an durchgeführten Tests haben wird, bleibt abzuwarten.

Ob die gesunkenen Einnahmen zu einer Schließung von Teststellen führt, darüber möchten Hohmann und Bittner deswegen auch nicht spekulieren. "Wir müssen jetzt mal kalkulieren", sagt Bittner. Beide hoffen jedoch, dass sie ihre Teststellen offen halten können.

"Unnötig kompliziert und nicht praxisnah" findet Peter Hiebel die neue Testverordnung

Für Peter Hiebel von der Marien-Apotheke Ebersberg lohnt sich das Testen jetzt schon nicht mehr. "Wir bieten das noch als Service an", sagt er. Doch auch er spüre den Rückgang in der Nachfrage nach Tests: "Es ist bei uns extrem ruhig geworden." Nur noch zwei Stunden am Vormittag und wenn Kapazitäten frei sind bietet er deswegen die Tests an.

Corona-Testverordnung: Apotheker Peter Hiebel in der Marienapotheke in Ebersberg. Für ihn rentieren sich die Corona-Tests nicht mehr.

Apotheker Peter Hiebel in der Marienapotheke in Ebersberg. Für ihn rentieren sich die Corona-Tests nicht mehr.

(Foto: Christian Endt)

Er zweifelt auch ganz grundsätzlich an der Sinnhaftigkeit der neuen Verordnung. Sie sei "unnötig kompliziert" und "nicht praxisnah". Darüber hinaus könne niemand nachprüfen, ob die Ermäßigung, die beim Besuch eines Angehörigen im Krankenhaus oder einem Pflegeheim gilt, auch gerechtfertigterweise in Anspruch genommen wird. "Jeder kann einen Zettel unterschreiben, auf dem steht: 'Ja, ich brauche das'." Hiebel hofft nun lediglich, dass die Menschen ehrlich sind. Doch auf einmal scheint jeder unbedingt seine kranke Großmutter in Klinik oder Heim besuchen zu wollen.

Die Besucherzahlen in Klinik und Pflegeheimen bleiben stabil

Wobei die Besucherzahlen in der Kreisklinik Ebersberg tatsächlich hoch sind. Die Zahlen werden zwar nicht erhoben, aber dem Eindruck nach "bemerken wir keinen Rückgang", berichtet Pressesprecherin Katharina Ober. Zwar gebe es "natürliche Fluktuationen" der Zahl, beispielsweise wenn mehr oder weniger Patienten in der Klinik sind, was zu mehr oder weniger Besuchern führt. Ein negativer Einfluss der komplizierten Testverordnung lässt sich hier allerdings nicht ausmachen.

Gleiches ist von den Pflegeheimen im Landkreis zu hören. So kommen weder im Marienheim in Glonn noch in den Einrichtungen des Pflegesterns weniger Besucher. Alois Stöckl vom Pflegestern-Qualitätsmanagement erzählt jedoch, dass die Verunsicherung bei Angehörigen zu Beginn groß war: Wer darf jetzt was - und wie viel kostet das? Die jeweiligen Einrichtungsleitungen seien im ständigen Kontakt mit Angehörigen gewesen und hätten die neuen Vorgaben erklärt.

Im Marienheim haben Besucherinnen und Besucher sogar nach wie vor die Möglichkeit, sich an fünf Tagen die Woche für jeweils eine Stunde am Tag vor Ort testen zu lassen. Für Angehörige mag dies erleichternd sein, denn durch dieses direkte Angebot sind Änderungen der Testverordnung relativ egal. Marienheim-Leiter Hubert Radan lässt jedoch nicht unerwähnt, dass durch ein solches Prozedere personelle Kapazitäten des Heims gebunden werden. "Wir sind deshalb schon sehr dankbar, wenn Angehörige andere Testmöglichkeiten nutzen - und wenn es diese überhaupt auch weiterhin gibt."

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