Geflüchtete aus der Ukraine:"Das Herz gibt vor und das Hirn folgt"

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Geflüchtete aus der Ukraine: Hunderte Kinder und Jugendliche sind von der Ukraine in den Landkreis geflohen. Nun müssen sie in Schulen und Kitas integriert werden.

Hunderte Kinder und Jugendliche sind von der Ukraine in den Landkreis geflohen. Nun müssen sie in Schulen und Kitas integriert werden.

(Foto: Robert Michael/dpa)

Mehr als 800 Kinder und Jugendliche aus der Ukraine sind mittlerweile im Landkreis angekommen. Wie kommen die Schulen damit klar? Und wie bereiten sich die Kommunen auf den zunehmenden Bedarf an Kitaplätzen vor?

Von Merlin Wassermann, Ebersberg

Mehr als 1800 Geflüchtete aus der Ukraine sind mittlerweile im Landkreis Ebersberg untergekommen, 823 von ihnen - Stand 17. Mai - sind laut Landratsamt bis zu 21 Jahre alt. Es gibt also Hunderte zusätzlicher Kinder und Jugendliche, die auf die ein oder andere Art betreut und unterrichtet werden müssen. Viele sind bereits in Schulen angemeldet, viele weitere werden noch folgen. Und auch der Andrang auf die Kitas könnte bald steigen, da die Geflüchteten sechs Monate nach ihrer Ankunft - also gegen Ende des Sommers für viele - einen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz erhalten. Wie also gehen die Schulen und Gemeinden mit diesen Herausforderungen um?

Laut Schulamt werden etwa 280 ukrainische Schülerinnen und Schüler in den Grund- und Mittelschulen des Landkreises betreut. Die Schulen leisteten dabei ihren Beitrag, "um diesen Kindern und Jugendlichen ein Stück weit Normalität geben zu können". Zentral dafür ist das Konzept der Pädagogischen Willkommensgruppen. Pädagoginnen und Pädagogen bieten hier ein strukturiertes Programm an, oft mit Deutschunterricht im Zentrum, das den Schülern helfen soll, sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden.

"Wir müssen uns überlegen, wie man die Schüler gerecht verteilt."

Die Willkommensgruppen sind auch für die Gymnasien und Realschulen zentral. Markus Zimmermann, stellvertretender Schulleiter des Gymnasiums Grafing, sagt, ihr Ansatz würde "gut klappen". Drei Wochen haben dort elf Schüler aus der Ukraine ein Programm mit drei Stunden Deutschunterricht am Tag durchlaufen. Gleichzeitig wurden sie in Stammklassen integriert. Die Zuordnung in die Klassen war nicht immer leicht, doch man hatte auch Glück: "Bis jetzt hatten wir immer ein russisch sprechendes Kind oder eine russisch sprechende Lehrerin in der Klasse", so Zimmermann. Das habe die Kommunikation deutlich erleichtert.

Dennoch mahnt der Schulleiter, dass man im Landkreis überlegen müsse, "wie man die Schüler gerecht verteilt". Die Anfragen an das Gymnasium nehmen zu, neun Schüler werden bald zusätzlich nach Grafing kommen.

Die Schulen haben unterschiedlich viele Anfragen

Auch Stefan Gasior, Schulleiter der Realschule Vaterstetten, macht sich diesbezüglich Gedanken: "Die Schüler, die jetzt in den Willkommensgruppen sind, bilden mengenmäßig zwei Klassen. Wer wird die übernehmen?" Bei den 16 Schülern, die in seiner Schule sind, sei diese Frage besonders dringlich, da sie kaum Deutsch und Englisch sprechen. "Man hatte uns gesagt, in der Ukraine würde man bereits ab der Grundschule die eine oder andere Sprache lernen", so Gasior. Da dies offenkundig nicht der Fall war, setzt man auch an der Realschule auf intensiven Deutschunterricht.

Für Markus Schmidl von der Realschule Ebersberg gestaltet sich die Situation noch überschaubar: Ein Junge und ein Mädchen aus der Ukraine haben derzeit Unterricht in seiner Schule, eine Lehrerin spricht Russisch und kann die Kinder abholen. Die Anfragen nehmen nun zwar auch hier zu, allerdings gebe es noch "keine Überforderung. Viele der Schüler, die jetzt kommen, haben ohnehin eine profunde Englischkenntnis." Und obwohl es viele Klassen in der Schule gibt, die voll sind, "werden wir die Türen weiter offen halten. Hier heißt es ganz klar: Das Herz gibt vor, und das Hirn folgt."

Manchmal klappt die Kommunikation nur mit Händen und Füßen

Diesem Motto folgt man auch im Franz-Marc-Gymnasium in Markt Schwaben. Marianne Lichnovsky, stellvertretende Schulleiterin, sieht die Aufnahme der Geflüchteten als nächste große Herausforderung nach Corona: "Das ist jetzt die Aufgabe der Pädagogen, damit umzugehen." Die Kommunikation in den Willkommensgruppen klappe gut, wo nötig, über Hände und Füße.

Auf die Frage, wie sehr die vor dem Krieg geflohenen Schüler mit Traumata zu kämpfen hätten, kann die Schulleiterin keine eindeutige Antwort geben: "Das ist schwierig zu sagen, viele passen sich zunächst an und wollen nicht auffallen." Es bleibe also abzuwarten. Vereinzelt konnte sie aber bereits positive Entwicklungen beobachten: "Ich habe eine Schülerin gehabt, da dachte ich beim Vorstellungsgespräch: Die schleppt einiges mit sich rum." Mittlerweile sei sie allerdings aufgeblüht.

16 Kinder und Jugendliche zwischen elf und 17 Jahren sind mittlerweile am Franz-Marc-Gymnasium angekommen, sechs weitere sind in Aussicht. Jede Woche gibt es im Schnitt zwei Vorstellungsgespräche. Die Klassen werden dadurch immer größer, aber Lichnovsky ist zuversichtlich, dies bewältigen zu können. Die größere Herausforderung sei es, die Schüler auf die richtigen Klassen zu verteilen: Wo passt jemand hin, sowohl was Leistung anbelangt als auch soziales Miteinander? Über diese Frage zerbrachen sich alle Schulleitungen den Kopf.

Andere Fragen sind ebenfalls noch offen: Welcher der Schüler bleibt, welcher geht? Dürfen auch die einen Abschluss hier machen, die eventuell die Anforderungen des deutschen Schulsystems nicht erfüllen? Was passiert mit den 17-jährigen Schülern, die bereits einen Schulabschluss aus der Ukraine mitbringen? Dennoch, obwohl einiges unklar ist, scheinen die Schulen im Landkreis gut mit der Situation zurechtzukommen.

Die Gemeinden appellieren an den Freistaat, die Anforderungen zu senken

Bei den Kitas sieht das anders aus. Erzieherinnen und Erzieher sind jetzt schon rar und dadurch auch die verfügbaren Plätze. Dementsprechend angespannt sind Städte und Kommunen des Landkreises mit Blick auf den bald einsetzenden Rechtsanspruch.

"Die Plätze sind jetzt schon ausgereizt, wir tun uns ja schwer, welche für die eigenen Kinder bereitzustellen", sagt etwa Grafings Bürgermeister und Gemeindetags-Kreisvorsitzender Christian Bauer. Dort arbeite man bereits mit Eltern-Kind-Gruppen und sei dabei, gemeinsam mit dem Landratsamt einen Tageselternservice aufzubauen, bei dem ukrainische Mütter selbst Kinder betreuen. Die eigentlich benötigten zusätzlichen Plätze kriege man allerdings nicht "von heute auf morgen", so Bauer.

Er appelliert deswegen an den Freistaat, die staatlichen Anforderungen herunterzuschrauben: Gruppen müssten größer werden dürfen, die Ausgestaltung der Räume flexibler und auch die Qualifikationen der Erzieherinnen und Erzieher müssten - zumindest übergangsweise - niedriger angesetzt werden. "Ansonsten sehen wir uns einer Aufgabe gegenüber, die fast nicht zu bewältigen ist", sagt Bauer.

Die ehemaligen Umkleiden des TSV Ebersberg könnten Platz für Kinderbetreuung bieten

Dem stimmt auch Vaterstettens Bürgermeister Leonhard Spitzauer zu. "Es gibt jetzt schon immense Probleme", sagt er. "Wenn die Anforderungen nicht sinken, wird es nicht gehen." In Vaterstetten wird bereits mit der Großtagespflege experimentiert, einem speziellen Angebot, bei dem zwei Tagesmütter sich zusammen um die Betreuung von Kindern kümmern.

Doch auch hier mangelt es an Erziehern. "Wir haben teilweise Gruppenräume, die leer stehen. Es gibt einfach nicht genug Fachkräfte", so Spitzauer. An der Bezahlung scheitere es dabei nicht, vielmehr erlernten schlicht zu wenig Menschen den Beruf oder verließen ihn schnell wieder, da zum Beispiel die oftmals jungen Frauen schwanger würden. "Die Fluktuation ist groß und damit auch die Planungssicherheit", so der Bürgermeister.

Michael Neumeier von der Stadtverwaltung in Ebersberg gibt zu bedenken, dass die Überbelegung von Gruppen das Problem noch verschärfen könnte. "Die Erzieher sind jetzt schon am Limit. Es könnte gut sein, dass eine Mehrbelastung zu einer Kündigungswelle führt", sagt er. Doch auch in Ebersberg hofft man, dass die Landesregierung die Definition eines qualifizierten Erziehers ändern wird. "Das ist die wichtigste Stellschraube", so Neumeier. "So könnten beispielsweise Ukrainerinnen bald anfangen, als Erzieher zu arbeiten." Ansonsten stehe man in engem Kontakt mit dem Landratsamt und dem Jugendamt, beispielsweise um zu überprüfen, ob die ehemaligen Umkleideplätze des TSV Ebersberg am Waldsportpark in kinderfreundliche Räume umgebaut werden können. Man lasse nichts unversucht, um die "sehr, sehr große Aufgabe" zu bewältigen.

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