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Junge Grafingerin:"Wir brauchen eine neue Art des Wirtschaftens"

WirtschaftsWanderWalz

Miriam Boehlkes Bildungsreise ist an die Walz von Gesellen nach dem Abschluss ihrer Lehrzeit angelehnt. Insofern hat es sich die Grafingerin auch nicht nehmen lassen, zum Start über das Ortsschild zu kraxeln.

(Foto: Valentin Winhart/oh)

Miriam Boehlke aus Grafing begibt sich für eine "Wirtschaftswandelwalz" zu Fuß auf eine ungewöhnliche Reise.

Von Andreas Junkmann

Kaum hat man das Glück, Miriam Boehlke ans Telefon zu bekommen, ist die Verbindung auch schon wieder weg. Das liegt daran, dass die 28-jährige Grafingerin gerade selbst weg ist. Sie will fernab der Heimat und zuweilen von stabilen Mobilfunknetzen ein länger gehegtes Vorhaben umsetzen: eine Wanderschaft, auf der sie neue Aspekte eines sozial-ökologischen Wirtschaftswandels kennenlernen und weitergeben möchte. Oder wie sie es selbst nennt: "Eine Reise in Richtung Zukunftsfähigkeit unseres Wirtschaftens." Diese wird Boehlke mehr als ein Jahr lang durch Deutschland und andere Länder Europas führen, ehe sie mit einem Rucksack voller Erkenntnisse und Anregungen wieder nach Grafing zurückkehrt.

Mit der pfiffigen Alliteration "Wirtschaftswandelwalz" hat die studierte Innovations- und Nachhaltigkeitsberaterin ihr Projekt überschrieben. Es soll eine Anlehnung sein an die traditionelle Walz der Handwerksgesellen nach dem Abschluss ihrer Lehrzeit, gleichwohl aber keine Kopie: "Mir ist bewusst, dass eine echte Walz noch mal eine ganz andere Hausnummer ist", sagt Boehlke. Dennoch ergebe dieses Konzept für ihre Intention am meisten Sinn. Denn die 28-Jährige hat sich zum Ziel gesetzt, in den kommenden Monaten möglichst viel über nachhaltiges Wirtschaften zu lernen und dabei mit verschiedensten Menschen aus unterschiedlichen Branchen ins Gespräch zu kommen. "Unser heutiges Wirtschaftssystem ist ungerecht und zerstört unsere Lebensgrundlage", erklärt Boehlke mit Überzeugung. "Wir brauchen eine neue Art des Wirtschaftens. Eine Wirtschaft mit allen und für alle, sozial und nachhaltig."

Seit gut einer Woche ist Boehlke nun auf der Suche nach eben dieser neuen Art des Wirtschaftens. Zunächst zu Fuß und schließlich per Anhalter ist sie aus Grafing gen Südosten aufgebrochen. Ihr erstes Ziel ist ein Seminarhotel im Chiemgau, das aus einem alten Bauernhof entstanden ist und mit "Herzenswärme, Gastfreundlichkeit und besonderer Achtsamkeit jedem Einzelnen gegenüber" wirbt - genau das also, was Boehlke auf ihrer Reise sucht. Sie will Unternehmen, lokale Initiativen, Organisationen oder Privatpersonen besuchen, die in ihrem Tun nachhaltiges Wirtschaften mit sozialem Miteinander verbinden und dadurch eine neue Arbeitskultur schaffen.

Auf die Idee, dieses Vorhaben in Form einer Walz umzusetzen, hat Miriam Boehlke vor rund fünf Jahren ein Grafikdesigner gebracht, der seinen Beruf ebenfalls auf diese Art neu entdeckt hat. Seither sei ihr dieser Gedanke im Kopf herumgeschwirrt, bis zu diesem Sommer: "Wenn ich's jetzt nicht mache, dann mach ich's gar nicht mehr", sagt die Grafingerin. Für ihre eigene Wanderschaft hat sie sich im Vorfeld einige Regeln auferlegt, an denen sie sich während der nächsten dreizehn Monde - so lange soll Boehlkes Reise mindestens dauern - orientieren will. Aus Respekt vor den echten zünftigen Gesellen hat sie auf eine spezielle Kluft verzichtet. Traditionelle Symbole ihrer Wanderschaft sind lediglich der Hut ihres Opas und ein goldener Ohrring für schlechte Zeiten. Letztere will Boehlke unter anderem dadurch vermeiden, dass sie kein Geld für Übernachtung und Fortbewegung ausgeben will.

Dennoch begibt sich die 28-Jährige auf eine Reise ins Ungewisse. "Finanziell bin ich natürlich nicht unendlich abgesichert", sagt Boehlke, die als Freelancerin arbeitet und somit zumindest nicht an einen festen Arbeitsvertrag gebunden ist. Trotzdem wird die Frage, wie sie bis zum Herbst nächsten Jahres über die Runden kommen will, eine spannende. Je nach Projekt biete sie ihr Wirken zu fairen Honoraren an, manchmal will sie auch nur gegen Kost und Logis arbeiten. Das komme auch auf die Tätigkeit an den einzelnen Stationen an. Bei manchen könne sie selbst mitanpacken, bei anderen wiederum sei sie eher Beobachterin oder Ratgeberin. "Mal schauen, wie die Branche darauf reagiert", sagt Boehlke.

Sie selbst erhofft sich, viele neue Impulse, Inspirationen und Ideen für ihre eigene Arbeit zu gewinnen. Wichtig ist der Grafingerin aber auch, dass sie das Thema Nachhaltigkeit auf ihrer Wanderschaft nicht nur in der Theorie, sondern ganz unmittelbar erfährt. "Es geht um die Verbundenheit zu unserer Lebensgrundlage, zu unserem Planeten", sagt die 28-Jährige, die in ihrer Heimatgemeinde einer der führenden Köpfe der Fridays-for-Future-Bewegung ist. Außerdem ist sie in der Transition Town Initiative Grafing aktiv, die es sich zum Ziel gesetzt hat, gemeinsam eine lebenswerte Zukunft zu gestalten.

Zu einer solchen will Boehlke auch durch ihre ungewöhnliche Reise beitragen, indem sie Ideen und Anregungen mitnimmt, die sie später als Beraterin an Unternehmen weitergeben will. Zunächst muss sie sich aber vor allem mit der Gegenwart beschäftigen - und die wird nun mal von der Corona-Pandemie dominiert. Natürlich mache das Virus die Unternehmung nicht einfacher. "Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie es funktioniert", gibt Boehlke ganz offen zu. Sie könne sich nur an die geltenden Vorschriften halten und werde die Lage sehr genau beobachten. Durch ihre Ungebundenheit sieht sie aber auch den Vorteil, länger an einem Ort bleiben zu können, sollte sich die Pandemie weiter verschärfen.

Einen genauen Reiseplan hat die 28-Jährige ohnehin nicht im Gepäck. Klar, manche Unternehmen habe sie sich vor ihrem Start bereits rausgesucht, bei einigen will Boehlke aber auch - ganz im Sinne der traditionellen Walz - einfach so aufschlagen. Generell wolle sie einfach viel mit Menschen ins Gespräch kommen und sich austauschen, ob das nun Pioniere in der Branche oder etablierte Unternehmer sind, sei ihr egal. "Das kann dann auch mal der Elektriker von nebenan sein, der seit 30 Jahren selbständig ist", sagt sie.

Mit ihrem ambitionierten Projekt jedenfalls wolle sie sich für ein zukunftsfähiges Leben einsetzen. "Meinen Hebel dafür habe ich in der Wirtschaftswelt gefunden. Ich bin der Meinung, dass in der Art unseres Wirtschaftens viele Lösungspotenziale unserer heutigen Probleme liegen", sagt Boehlke. Wie viele dieser Lösungen sie am Ende ihrer Reise mit nach Hause bringen wird, darüber will sie freilich noch keine Prognose wagen. "Ich bin einfach gespannt, was dabei rauskommt."

Eines ihrer Anliegen hat die 28-Jährige aber quasi mit der Reise selbst bereits umgesetzt. Sie will auch andere vom Gedanken des nachhaltigen Wirtschaftens begeistern - und berichtet deshalb regelmäßig in ihrem Blog von den Erfahrungen, die sie während ihrer ganz speziellen Walz macht. Auch einen Podcast soll es demnächst geben. Es ist eine ganze Menge, was sich Boehlke für ihre Reise vorgenommen hat. Sie weiß aber auch, dass es um viel geht. Ihr gewonnenes Wissen wolle sie nutzen und mit anderen Menschen teilen, um, so sagt es Miriam Boehlke, "einen möglichst großen, positiven Beitrag auf dieser Erde zu leisten".

Wer Miriam Boehlke auf ihrer Reise zumindest virtuell begleiten möchte, kann das über die Homepage www.wirtschaftswandelwalz.de oder via Instagram unter dem Profil "wirtschaftswandelwalz" tun.

© SZ vom 11.09.2020/koei

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