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Bildung in Corona-Zeiten:Homeschooling im Kreis Ebersberg: "Wir lernen gerade alle"

Landkreis Ebersberg Grafing Unterricht daheim Corona digitales Lernen

Lernen zu Hause, auf diversen Kanälen, das bestimmt derzeit den Alltag der Familien im Landkreis.

(Foto: Privat)

Der Unterricht wurde in die digitale Welt und an den heimischen Schreibtisch verlegt. Das stellt Lehrer, Schüler und Eltern im Landkreis Ebersberg vor ungeahnte Herausforderungen. Oder aber vor eine große Chance?

Die Corona-Krise stellt nicht nur das Gesundheitssystem und die Wirtschaft vor ungeahnte Herausforderungen, sondern auch die komplette Bildungslandschaft: Nichts ist mehr, wie es war zwischen Lehrern, Schülern und Eltern. Das gilt auch für den Landkreis Ebersberg. Sämtliche Schulen sind seit 16. März geschlossen, nur eine kleine Besetzung hält jeweils die Verwaltung aufrecht, doch das Lernen und Üben soll weitergehen, im Notfallmodus gewissermaßen. Das bedeutet: Die Lehrer versorgen ihre Schüler auf digitalen Wegen mit Inhalten und Aufgaben, verinnerlicht und bewältigt werden sollen diese zu Hause. Im besten Falle mit Hilfe der Eltern.

Von "Chaos" mag an den Schulen im Landkreis zwar niemand sprechen, der Kontakt mit den Schülern laufe den Umständen entsprechend sehr gut - aber alle sind sich einig: Den analogen Unterricht kann dieser digitale Notfallbetrieb nicht ersetzen. Und was passiert, wenn die Schulen noch über die Osterferien hinaus geschlossen bleiben sollten, das steht ohnehin in den Sternen. Als sicher gilt allerdings, dass in der Krise auch für die Bildungslandschaft eine große Chance steckt: Man entdecke momentan den Wert des Zusammenhalts ganz neu, sagen viele Schulleiter - und werde vor allem enorm aufholen, was die Digitalisierung angeht. Gezwungenermaßen. "Keiner hat Erfahrung. Wir lernen gerade alle", fasst Simone Voit, Rektorin des Kirchseeoner Gymnasiums, die Lage zusammen.

So einheitlich Schule normalerweise funktioniert, nun hat die Vielfalt Einzug gehalten. Denn wie der Unterricht zuhause gestaltet ist und funktioniert, hängt ganz von individuellen Situationen ab, nicht nur vom Fach, sondern auch vom Lehrer und den Familien. Auf beiden Seiten gibt es im Landkreis solche, die digital auf dem neuesten Stand sind, wo es weder an Hard- und Software noch an Know-How mangelt, aber auch jene, für die eine intensive Kommunikation über den Bildschirm viel Neuland bereit hält, oder die daheim schlicht nicht über die nötige Infrastruktur verfügen. Nur mit einem Smartphone ist diese Situation nicht zu bewältigen. Ganz davon abgesehen, dass auch die zeitliche Komponente eine große Rolle spielt: Wer selbst im Home-Office arbeiten muss, dessen Kapazitäten für die heimische Lernbetreuung sind unweigerlich begrenzt.

Alle Lehrerinnen und Lehrer im Landkreis sind angehalten, ihre Schüler mit Lernmaterial zu versorgen - und sind laut ihrer Schulleiter hoch motiviert. Doch die Kommunikation geschieht auf sehr unterschiedliche Weise: Per Mail werden schlichte Aufträge erteilt, Mathebuch Seite 72 Nummer zwei bis sechs zum Beispiel, aber auch Arbeitsblätter in Form von PDFs, JPGs oder Worddokumenten verschickt, von den Lehrern selbst kreierte Videos sowie Hördateien, etwa für die Fremdsprachen. Hier wird eine Dropbox oder eine Homepage installiert, dort ein Link weitergeleitet, eine App oder ein You-Tube-Kanal empfohlen. Die Realschule Ebersberg bietet Klassenchats, über die Schüler und Lehrer kommunizieren können, fürs Kollegium habe man bereits beim Schulausfall wegen des Sturms einen Kanal eingerichtet, berichtet Rektor Rudi Bäuml. Teils gibt es auch Schulportale, etwa an den Gymnasien in Grafing und Vaterstetten.

Manchmal sind die Möglichkeiten der Kommunikation aber auch recht begrenzt: An der Grafinger Grundschule etwa werden die Kinder über die Klassenelternsprecher mit Aufgaben beliefert. Direkten Mailkontakt zu den Lehrern gibt es nicht. Das heißt, alle Rückfragen beziehungsweise Probleme müssen über die Elternsprecher oder das Sekretariat geklärt werden. Trotzdem bleibt laut Rektorin Christiane Goldschmitt-Behmer aber "niemand auf der Strecke", es habe keine einzige Beschwerden gegeben. "Wenn das alles vorbei ist, möchte ich aber gerne evaluieren, was gut war, und was nicht", erklärt sie. "Dann werden wir sehen, was wir in Zukunft brauchen, und vielleicht auch dienstliche Mailaccounts einrichten." Auch die digitalen Kontakte der Eltern hat die Grafinger Grundschule bislang nicht eingesammelt - aus Gründen des Datenschutzes.

Etwas anders stellt sich die Situation an der Grund- und Mittelschule in Ebersberg dar. Zwar gibt es auch dort bislang keine offiziellen Mailadressen für Lehrer, doch diese stünden mit ihren Schülern nun in direktem Kontakt, erklärt Rektor Alexander Bär. Entweder über private Accounts oder eigens eingerichtete. "Wir haben uns ganz bewusst gegen die Lösung über die Elternsprecher entschieden - das ist nicht deren Aufgabe", so Bär. "Die Lehrer müssen jetzt erreichbar sein." Überdies habe man eine "Schulcloud" installiert. Auch der Schulleiter selbst meldet sich regelmäßig zu Wort, mit aktuellen "Tagesberichten" zur Coronakrise auf der Homepage der Schule. Da geht es um verschobene Termine, um ein Sorgentelefon der Sozialarbeiterinnen oder um die Notfallbetreuung.

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Den Kleinen hilft ein Wochenplan zum Abhaken dabei, nicht den Überblick zu verlieren.

(Foto: Privat)

Jeder tut, was er kann, so lautet die Devise an den Ebersberger Schulen. Und überall ist Improvisation gefragt. Dass das Bildungssystem auf so eine Situation absolut nicht vorbereitet war, zeigt sich schon allein am anfänglichen Zusammenbruch des bayernweiten Online-Schulportals Mebis: "Da ich immer wieder die Wutausbrüche meiner Kinder höre, die ihre Mebis-Materialien nicht öffnen können oder aus dem System fliegen, habe ich nicht vor, das für unsere Klasse zu nutzen", schrieb eine Deutschlehrerin des Grafinger Gymnasiums in einer Mail kurz nach der Schulschließung. Mittlerweile ist das Portal wieder funktionsfähig.

An den Grund- und Mittelschulen mit ihrem Klassenleitersystem gibt es Tages- und Wochenpläne - eine übergeordnete Koordination des Stoffs, die der Ebersberger Schulleiter Bär sehr sinnvoll findet. An Realschulen und Gymnasien hingegen hat niemand einen Überblick: Jeder Fachlehrer verteilt seine eigenen Aufgaben, nach bestem Wissen und Gewissen. Denn überall herrscht Verunsicherung: Wie viel ist nötig, um beim Lernen eine gewisse Kontinuität zu gewährleisten? Um die Lücke nicht zu groß werden zu lassen? Doch wo liegt die Grenze, was übersteigt die Kapazitäten von Schülern und Eltern? Kann man neue Inhalte vermitteln, oder nur bereits Erlerntes wiederholen? "Da ist momentan umso mehr pädagogisches Feingefühl gefragt", sagt Bär. Viele Lehrer gingen daher "sehr diplomatisch vor", berichtet Eva Guerin, Leiterin der Poinger Grund- und Mittelschule, indem sie sowohl Pflichtaufgaben als auch freiwillige Angebote böten. So sei das Programm sowohl für schwächere als auch für stärkere Schüler geeignet.

An den Gymnasien scheint die Kumulation der Fächer bereits zu Überforderung geführt zu haben. "Wir haben da sehr klare Rückmeldungen bekommen - und das ist auch extrem wichtig", sagt Voit, Rektorin in Kirchseeon. Die Familien hätten derzeit mit diversen Belastungen von Home-Office bis hin zu verängstigten Kindern zu kämpfen, weswegen man mit Arbeitsaufträgen "sehr sensibel und moderat" umgehen müsse. Zum Beispiel in Form einer Reduzierung auf die Kernfächer in der Unter- und Mittelstufe. "Machen Sie sich keine zu großen Sorgen", beruhigt Paul Schötz, Rektor des Gymnasium Grafings, die Eltern. Die Lehrer hätten "für Schwierigkeiten ganz bestimmt Verständnis. Ich bin sicher, dass niemand beabsichtigt, einen angsterregenden Druck bei seinen Schülerinnen und Schülern aufzubauen", schreibt er. "Wir können nur ein Notprogramm anbieten. Es ist nicht möglich alle Vorgaben des Lehrplans zu erfüllen."

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Es gibt viele Arbeitsblätter, aber auch Videos, etwa über das Herz-Kreislauf-System oder zum Erlernen der Schreibschrift.

(Foto: Privat)

Manche Lehrer telefonieren sogar mit ihren Schülern, gerade wenn ein Abschluss anstehe, sagt Sigrid Binder, Direktorin des Ebersberger Schulamts. Es sei natürlich eine sehr enge Betreuung weiterhin nötig. Doch flächendeckend ist eine solche nicht möglich: Ausführliche Erläuterungen zum Stoff, Kontrolle des Verständnisses, Verbesserungen erledigter Aufgaben - all das können die Lehrerinnen und Lehrer im Landkreis auf digitalem Weg nur bedingt leisten. Das derzeitige Procedere sei im Vergleich zu analogem Unterricht sehr aufwendig und wenig effektiv, urteilt Bäuml aus Ebersberg. Wenn Rückfragen von den Schülern "nur tröpfchenweise" per Mail eingingen, halte das die Lehrer ganz schön auf Trab, sagt auch seine Poinger Kollegin Guerin. "Manche Kollegen sagen, sie hätten jetzt sogar mehr zu tun als sonst." Und auch so manchem Pädagogen scheint der Unterricht als höchst sozialer Prozess zu fehlen: "Ich vermisse den Kontakt zu den Schülern, die Lebhaftigkeit und Dynamik einer Schulklasse sehr!", schreibt eine Gymnasiallehrerin in einer Mail.

Virtueller Unterricht - davon ist der Landkreis noch weit entfernt, auch wenn einzelne Lehrer durchaus Bewegtbilder anbieten. Stefanie Eichermüller etwa, Mathelehrerin am Gymnasium Grafing, hat Teile ihres Unterrichts gefilmt. An ihre Schüler schreibt sie: "Ihr könnt euch jetzt zu Hause diese Videos anschauen, den Hefteintrag übernehmen und euch vorstellen, ihr sitzt im Klassenzimmer." Für Eltern wie Louise Cooke, die sich mit der Materie auskennen, ist die Situation trotzdem eine herbe Enttäuschung. Die zweifache Mutter aus Kirchseeon arbeitet für eine internationale Softwarefirma. Sie sagt: "Ein paar E-Mail-Anhänge reichen einfach nicht, um Unterricht zu ersetzen, in so einer Situation muss man sich was einfallen lassen." Sie selbst zum Beispiel habe kurzerhand eine tägliche Englisch-Lesestunde für Kinder aus dem Freundeskreis initiiert, online, versteht sich. "Und ich würde auch gerne die Schulen meiner Kinder bei technischen Problemen unterstützen", so Cooke. Gar eine glatte Sechs attestiert Andreas Helge der Umsetzung des vom bayerischen Kultusministerium vollmundig angekündigten "Medienkonzepts" am Kirchseeoner Gymnasium. "Die Lehrer laden unstrukturiert ein paar eingescannte Arbeitsblätter, YouTube-Videos und Word-Dateien hoch, und das soll dann allen Ernstes eine zielführende Unterrichtsform sein?", fragt er in einem Brief die Schulleitung. "Ohne direkte Ansprache, ohne Vorgabe von Struktur und Ziel geht es meiner Meinung nach nicht." Doch das sei leider häufig der Fall, schreibt Helge und fügt als Beispiel einen Arbeitsauftrag für die nächsten drei Wochen aus dem Fach Kunst an: "Bitte über das Thema Ägypten/Pyramiden im Internet oder Büchern informieren/lesen. 1. Pyramiden, 2. Cheopspyramide, 3. Pharao Cheops. Liebe Grüße..." Da fragt sich der Vater: "Was ist die konkrete Aufgabe? Über diese Themen promovieren Menschen! Was ist das Ziel? Wo sind die Kontrollfragen für uns ,Vertretungslehrer'"? Und überhaupt: Wenn von Fünftklässlern selbständiges Arbeiten verlangt werde, könne man diese Kompetenz doch erst recht von ausgebildeten Pädagogen erwarten. Aus der Lehrerschaft hingegen heiße es, dass man sich mit der Situation "allein gelassen" fühle. Er als Vater und Experte für digitale Medien aber fordere die Integration solcher Lernmethoden in den Unterricht generell ein. "Das wurde uns Eltern vom Ministerium versprochen!"

Doch Veränderungen, selbst digitale, lassen sich offenbar nicht von heute auf morgen vollziehen. Eva Guerin etwa hat für ihre Poinger Schule Web-Ex-Zugänge beantragt, 71 Stück, für ebensoviele Lehrer. Damit könnten diese Videokonferenzen mit bis zu 200 Teilnehmern organisieren. "Das wäre toll - aber ich wurde von der Telekom um Geduld gebeten", berichtet die Rektorin. Vor allem, wenn die Schulen noch über den 20. April hinaus geschlossen bleiben müssen, will man vielerorts "die digitalen Angebote erweitern und intensivieren", wie Rüdiger Modell, Rektor des Vaterstettener Gymnasiums, sagt. "Aber das braucht eben einen gewissen Vorlauf." Auch Bär von der Ebersberger Grund- und Mittelschule will bei noch längerem Ausfall die digitalen Systeme weiter hochfahren in Richtung "Echtzeitunterricht". Doch er warnt: "Wir dürfen uns da keinen falschen Illusionen hingeben - die Probleme liegen auf beiden Seiten." Nicht nur bei den Schulen also, sondern auch in den Elternhäusern. Und es stimmt: Auch die Familien müssen oftmals aufrüsten, müssen neue Programme installieren, frische Druckerpatronen besorgen, womöglich ein weiteres Gerät mit Bildschirm anschaffen und - wohlgemerkt neben der inhaltlichen Lernbegleitung - den Nachwuchs in die digitale Welt einführen.

Trotzdem sind die Verantwortlichen in den Ebersberger Schulen durch die Bank optimistisch: "Ich denke, die digitale Entwicklung wird einen entscheidenden Schub bekommen", sagt Schulamtschefin Binder. "Gerade auch durch den Austausch unter den Kolleginnen und Kollegen erschließen sich nun ganz neue Wege. Davon werden wir alle profitieren." Rektor Bäuml bezeichnet die aktuelle Lage als großes "Pilotprojekt", und auch sein Kollege Bär erwartet bei der Digitalisierung einen "gewaltigen Sprung nach vorne".

Für die Eltern hält das Kriseninterventionsteam bayerischer Schulpsychologen derweil folgenden Rat bereit: "Als sehr hilfreich hat sich in belastenden Situationen erwiesen, wenn sich vertraute Personen besonders viel Zeit für die Kinder und Jugendlichen nehmen, Sorgen und Gefühle ernst nehmen, zuverlässig ansprechbar bleiben und gut zuhören."

© SZ vom 27.03.2020/koei

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