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Drohnen:"Als würde man drinsitzen, nur ohne Fliehkräfte"

Drohnen-Pilot Niklas Stolle

Niklas Solle lässt seine Drohne spektakuläre Loopings fliegen. Sie enthält zwei Kameras, eine für das Live-Bild des Piloten und eine, deren hochauflösende Bilder später ausgewertet werden. Es geht vor allem um die mediale Verbreitung.

(Foto: Stephan Rumpf)

Niklas Solle, einer der weltbesten Renndrohnen-Piloten, steuert sein Fluggerät mit bis zu 160 Stundenkilometern durch 3-D-Parcours. Ein Treffen im Englischen Garten.

Niklas Solle fliegt mit 120 Stundenkilometern auf den Baum zu, drei Meter noch, er rührt sich nicht. Nur seinen linken Daumen, um zwei Millimeter nach rechts, die Renndrohne rast haarscharf am Baum vorbei. Wieder bewegen sich Solles Daumen auf der Fernsteuerung, der junge Mann steht ein paar Meter neben seinem Fluggerät im Schatten, die Drohne bäumt sich auf, liegt fast senkrecht in der Luft, die vier Propeller kreischen, dass einige Radfahrer im Englischen Garten anhalten und zu Solle und seinem Parcours rübersehen. Es sieht aus, als lenke ein Jüngling mit rosa Augenbinde ein wild gewordenes Rieseninsekt. Was die Passanten nicht sehen: Hier trainiert ein Profi für die weltweite Rennserie, indem er die 1,1 Kilogramm schwere Drohne über eine Brillenkamera steuert.

Solle sieht unter seiner Brille auf ein grieseliges Videobild, das ihm in Echtzeit von der Frontkamera der Drohne übermittelt wird. Wenn man die Drohne durch die Brille verfolgt, wird klar, warum weltweit immer mehr von den Geräten verkauft werden und warum ein junger Mann so etwas zu seinem Beruf machen will: Es ist, als fliege man selbst, könne mit bis zu 160 Stundenkilometern - so schnell fliegen die schnellsten Drohnen - durch die Welt rasen. Über die Baumwipfel des Englischen Gartens, mit Vollgas auf den Boden zu, abdrehen, hochziehen, über die Wiese. "Als würde man drinsitzen, nur ohne Fliehkräfte", sagt Solle. Und das ist auch eine der Schwierigkeiten, das Auge und das Körpergefühl im Griff zu haben, weil beides nicht zusammenpasst.

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Solle, 19, Mediengestalter, ist einer der besten Rennflieger der Welt, aber auch das sieht keiner um ihn herum. Die meiste Zeit hat Solle allerdings gar nicht mit seinen Propellern oder mit den auf der Wiese in einem Parcours aufgestellten Toren zu kämpfen, sondern mit ganz anderen Dingen. Menschen, Tieren, Regeln, Vorurteilen.

Solle trägt ein Shirt mit seinem Piloten-Namen, "UpsideDownFPV". Er hat sich eine Wiese gesucht in einem hinteren Parkteil, der kein Naturschutzgebiet ist. Und trotzdem: Die Wahrscheinlichkeit, dass Solle seinen Flieger an einem Baum schrottet, ist deutlich geringer als die, von Passanten angefeindet oder gar angegriffen zu werden. "Dass wir beschimpft werden, ist der Normalzustand." Wegen Lärmbelästigung. Wo er trainiert, wollen eben andere ihre Ruhe haben. Da reicht es manchmal nicht, eine abgelegene Wiese aufzusuchen.

Die Drohne hat sich wieder in Bewegung gesetzt und rast auf einen Strandmuschel-großen Torbogen zu, Solle muss jetzt einen sogenannten Split-S fliegen, links rum, eine seiner Schwächen.

Solle, in Kempten geboren und seit einiger Zeit in München, war einer von zwölf Teilnehmern beim Drohnen-Rennen Ende Juli in der BMW-Welt. Der Sieger der Rennserie 2018 erhält als Gewinn einen Vertrag mit sechsstelliger Bezahlung. Die Drohnen werden gestellt, jeder hat das gleiche Modell. Mehrere Tausend Zuschauer waren da und verfolgten über Außenkameras und den Innenblick der Piloten die Rennen auf Bildschirmen. Sechs Drohnen fliegen gleichzeitig einen Parcours, der erste gewinnt, wie beim Snowboardfahren.

Seit Solle vor dreieinhalb Jahren mit dem Fliegen anfing, hat er sich zu einem der besten Piloten entwickelt. Mit acht sah er zum ersten Mal einen Modellbau-Hubschrauber, war fasziniert, kaufte sich ein Styropormodell für 20 Euro von der Tankstelle und flog los. Bald schon Kunstflugwettbewerbe. Er wechselte zur Drohne, als er 2015 eigentlich nur als Mitarbeiter eines Akku-Herstellers bei der Deutschen Meisterschaft war und einen Startplatz bei den Profis bekam. Die Gegner hatten hochspezialisierte Flieger, er ein Einsteigergerät. Solle gewann und wurde mit einem Startplatz bei der WM auf Hawaii belohnt. Heute ist er einer von zwei Deutschen in der DRL, der professionellen Drone Racing League, die jedem der 18 beteiligten Piloten ein Gehalt zahlt.

Modell-Hubschrauber sind größer, gefährlicher und teurer. Wenn er da einen an einen Baum setzt, sind bis zu 2500 Euro dahin, seine Drohne kostet weniger, 500 Euro etwa. Und wird oft verwechselt mit den Film-Drohnen, die man sich für 1000 Euro im Fachhandel kauft und losfliegt. Wenn man so will, sind nicht Bäume und Tore Solles natürliche Gegner, auch nicht die anderen Piloten der DLR, sondern die Hobby-Drohnisten. "Die kaufen sich so ein Teil, fliegen los und über Leute oder gleich in den Olympiaturm." Und mit diesen Leuten wird Solle gleichgesetzt.