Forschung Mehr als nur Originale

Helmuth Trischler vor dem Nachbau eines Fokker-Jagdflugzeugs aus dem Ersten Weltkrieg. In der Luftfahrtabteilung hatte er einst angefangen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Helmuth Trischler prägt seit mehr als 30 Jahren das Deutsche Museum. Der Forschungsdirektor verspricht: Nach der Sanierung werden die vielfach veralteten Ausstellungen moderner präsentiert.

Von Martina Scherf

Er ist schlank und drahtig, und für einen Geisteswissenschaftler wirkt er ziemlich unruhig. Irgendwie immer auf dem Sprung, dabei ist Helmuth Trischler Langstreckenläufer. Für den Stockholm-Marathon vor Jahren hatte er sich die persönliche Marke drei Stunden und 30 Minuten gesetzt. "Ich brauchte 3:37, das hat mich frustriert." Das sagt viel über seine Ambitionen. In seiner Arbeit braucht der Forschungsdirektor des Deutschen Museums allerdings einen noch längeren Atem als für sein Hobby, das Laufen. Bücher und wissenschaftliche Projekte sind oft Teamarbeit und dauern Jahre. Dafür währt die Anerkennung dann auch lange. Gerade wurde Trischler, 60, in die Leopoldina, die ehrwürdige deutsche Akademie der Wissenschaften aufgenommen.

Der geborene Ulmer ist Historiker. Er forscht über Technikgeschichte, und welcher Ort wäre da inspirierender als das Deutsche Museum? Etwa 40 Mitarbeiter sind in seiner Forschungsabteilung tätig. Zu ihren Aufgaben gehören in jüngster Zeit die Digitalisierung von Objekten und Archivbeständen, die Visualisierung, etwa durch Virtual Reality, der Aufbau von Datenbanken im Verbund mit Hochschulen und andern Museen. Dazu gehören auch umfangreiche Bildungsprogramme für Wissenschaftler, Studenten und Schüler. Dazu gehören die Konservierung und Restaurierung von Exponaten - "da haben wir noch Nachholbedarf", sagt Trischler - und der Aufbau eines modernen Sammlungsmanagements, auch das ist mangels eines zentralen Depots noch längst nicht abgeschlossen.

Und natürlich ist Trischler als Mitglied des Direktoriums auch mit der Aktualisierung der Ausstellungen befasst. Das Museum wird derzeit von Grund auf saniert, ein Teil ist deshalb vorübergehend geschlossen - "trotzdem hatten wir im vergangenen Jahr sogar noch mehr Besucher", sagt Trischler. Mehr als eine Million Menschen kommen jedes Jahr auf die Museumsinsel, die Zweigmuseen eingerechnet sind es sogar 1,5 Millionen. Publikumsmagneten sind nach wie vor das Bergwerk, die Starkstrom-Vorführung, Schiffe und Flugzeuge.

Viele der Ausstellungen sind aber seit der Nachkriegszeit kaum verändert worden. Die Landwirtschaftsabteilung wirkte wie ein begehbares altes Märchenbuch, mit Traktoren aus der Vorkriegszeit und Windmühlen. Die Informatik blieb in den Achtzigerjahren stehen, als Steve Jobs den ersten Apple-PC persönlich ablieferte. Viele Texttafeln sind höchstens für Ingenieure verständlich, der gesellschaftliche Kontext selten erwähnt. Trischler bestreitet das nicht. Aber hätte man da nicht längst etwas verbessern können? "Wir waren ja nicht völlig untätig", kontert der Forschungsleiter. Man habe Sonderausstellungen realisiert, das Kinderreich erneuert, das Zentrum Neue Technologien geschaffen und zahlreiche Besucherlabore eingerichtet. Aber ja, man habe auch auf die Finanzierungszusage für die Sanierung gewartet, um endlich etwas wirklich Neues schaffen zu können. Jetzt soll alles modern und allgemein verständlich werden. "Alle Texte gehen durch unser Textbüro, und dessen Mitarbeiter fragen kritisch nach, wenn sie etwas nicht verstehen." Das neue Museum werde großartig, verspricht Trischler. Ende 2020 soll der erste Abschnitt eröffnet werden.

In Zukunft sollen auch gesellschaftliche Kontroversen berücksichtigt werden - ob bei Atomenergie, Glyphosat, Plastikmüll oder Massentierhaltung. Wie das gelingen kann, hat die äußerst erfolgreiche Ausstellung über "Energiewenden", die vor Kurzem zu Ende ging, bewiesen. Sie wurde von zwei Frauen im Museum konzipiert und machte die Besucher zu Akteuren.

Um herauszufinden, was die Besucher schätzen und wahrnehmen, macht Trischlers Abteilung eigene Besucheranalysen. "Das geht vom Fragebogen bis zum Eye-Tracking", sagt der Forscher, also dem Aufzeichnen von Augenbewegungen beim Betrachten bestimmter Exponate und Texte. Eine Erkenntnis: Die didaktisch kluge Vermittlung ist für das Verständnis der Technik das Wichtigste. "Wichtiger als die oft beschworene Aura des Originals", sagt Trischler. Es sagt wiederum viel über den Geist des Museums aus, dass diese Erkenntnis im Haus nicht unumstritten ist. Originale hat das Museum ja in beeindruckender Zahl, mehr als die meisten anderen Technikmuseen der Welt: von James Watts Dampfmaschine bis zu Otto Hahns Experimentiertisch zur Kernspaltung. Dass künftig mehr Wert auf Museumsdidaktik gelegt wird, lässt also hoffen. "Lassen Sie sich überraschen", sagt Trischler.

Zusammen mit seinem Kollegen Christof Mauch, Professor für amerikanische Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität, hat Trischler vor zehn Jahren das Rachel-Carson-Center für Umweltforschung gegründet. Sie laden internationale Wissenschaftler ein, organisieren Symposien, suchen auch Kontakt zu lokalen Akteuren wie dem Münchner Klimaherbst oder Green City. Das Thema Umwelt liegt Trischler am Herzen. Die Sonderausstellung zum Anthropozän vor zwei Jahren hatte er selbst mitkonzipiert, es ging dabei um die Frage, wie sehr der Mensch bereits das Gesicht der Erde verändert hat, und was jeder Einzelne mit seinem Verhalten dazu beiträgt.

Helmut Trischler eilt jetzt voraus in die Abteilung Historische Luftfahrt. Dort hat er einst angefangen. In seiner Promotion an der Ludwig-Maximilians-Universität hatte er sich noch mit den Arbeitern im deutschen Bergbau beschäftigt. "Das war Zufall", sagt er rückblickend. "Ich war eigentlich nie ein Bastler, sondern immer schon ein Büchermensch." Aber sein Interesse für Technikgeschichte war damit geweckt.

Er schrieb an seiner Habilitationsschrift über die Luft- und Raumfahrtforschung in Deutschland, als Otto Mayr, der damalige Direktor des Deutschen Museums, ihn fragte, ob er nicht zu ihm kommen wolle. Warum nicht, sagte sich Trischler, und wurde bald mit der Konzeption der neuen Halle für Luft- und Raumfahrt beauftragt, die 1984 eröffnet wurde - im Beisein vom damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl und Ministerpräsident Franz Joseph Strauß.

Da standen dann die Original-Jagdflieger aus dem Zweiten Weltkrieg, es wurde ihre Motorenleistung und ihre Wendigkeit gepriesen, aber die Hakenkreuze waren übermalt worden. So stehen sie noch heute da. Was sagt da der Historiker dazu? "Das kam damals aus dem Ministerium, was sollten wir machen." Wenn nun die Luftfahrtabteilung neu konzipiert wird, dann wird man sicher keine neuen Hakenkreuze aufmalen, "das ist restaurierungswissenschaftlich und ethisch aus heutiger Sicht nicht zu verantworten", sagt Trischler. "Aber wir werden bei den Flugzeugen, die in ihrem Lebenslauf Hakenkreuze trugen, diese mit visuellen Projektionen versehen, und ihre komplexen Biografien jeweils an Medienstationen erzählen."

Trischler hat die Flugwerft Schleißheim, die 1992 eröffnet wurde, und die Dependance des Deutschen Museums in Bonn drei Jahre später geplant. 2003 kam noch das Verkehrszentrum auf der Theresienhöhe dazu. Seit mehr als 30 Jahren prägt er also das Haus mit. Das Deutsche Museum ist Mitglied in der Leibniz-Gemeinschaft von Bund und Ländern, als eines von acht Forschungsmuseen. "Sehr gut" bis "exzellent" lautete die Benotung bei der jüngsten Evaluierung vor zwei Jahren. Das liegt auch an Trischlers Arbeitswut und seinem langen Atem. Mehr als 30 Bücher hat er geschrieben, unzählige Artikel und Aufsätze für Fachpublikationen.

Der freie Austausch von Ideen ist es, was ihn an seinem Beruf fasziniert. Er hat ein Buch geschrieben über Menschen, die die europäische Wissensgesellschaft geprägt haben, Erfinder, Unternehmer, Netzwerker. "Wenn man über solche Themen schreibt und dann sieht, was Nationalisten in der EU anrichten, tut das weh", sagt er.

Als Donald Trump begann, von Fake News zu reden, den Klimawandel leugnete und Forschungsgelder strich, reihte sich Helmuth Trischler beim Münchner "Science March" ein und verteidigte auf dem Podium die Freiheit der Wissenschaft. In der Öffentlichkeit äußert er sich selten politisch, "aber zu Hause kann ich oft nicht an mich halten", gibt er zu. Die endlosen Flüchtlingsdebatten, "als ob wir keine anderen Probleme hätten", etwa den Klimawandel, die globale Gerechtigkeit oder die Vernichtung unserer Lebensgrundlagen. "Deutschland war doch immer schon ein Einwanderungsland", sagt der Historiker. Seine eigenen Vorfahren seien Flüchtlinge gewesen.

Deshalb sind ihm internationale Kooperationen wichtig, mit Kollegen der großen Museen in aller Welt, in London, Washington oder Tokio. Stolz ist er auf die Summe der Drittmittel, die er für seine Forschung einwirbt. Das ist oft anstrengend und zeitraubend, man konkurriert dabei mit vielen anderen. "Aber mit Konkurrenz hatte ich nie ein Problem", sagt Trischler. Seine Devise: "Was man einmal aufs Gleis gestellt hat, soll man auch zum Erfolg führen." Wie beim Marathon.