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Schulstart in Dachau:Stotterstart

Dicht gedrängte Schüler im Schulbus: Solche Bilder waren vor Corona ganz normal, heute sorgen sie bei Verantwortlichen für Kopfzerbrechen.

(Foto: Toni Heigl)

Am Dienstag geht die Schule los. Wie die Schüler ohne Ansteckungsrisiko dorthin kommen sollen, ist aber noch umstritten. Die Regierung fordert "Verstärkerbusse", das Landratsamt sieht diese Lösung kritisch

Von Jacqueline Lang, Dachau

Die Regeln, wie Kinder und Lehrer sich im Unterricht zu verhalten haben, scheinen wenige Tage vor Schulbeginn langsam Form anzunehmen. Zum Beispiel mit der neuntägigen Maskenpflicht im Unterrichts für alle Schüler ab der fünften Klasse. Was aber ist mit dem Weg zur Schule, mit den überfüllten Bussen, in die sich die Kinder quetschen müssen, um pünktlich zum Unterricht zu erscheinen? Diese Frage beschäftigt gerade Hubertus Schulz, den Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Indersdorfer Gemeinderat.

Überfüllte Schulbusse seien in der jetzigen Lage "für Schülerinnen und Schüler nicht zumutbar", so Schulz. Schon vor der Corona-Krise seien viele Busse im Landkreis "übervoll" gewesen, die Scheiben nach wenigen Kilometern Fahrt oft schon beschlagen. "Dies wären optimale Voraussetzungen für eine Ansteckung", kritisiert Schulz in einer Pressemitteilung. Seine Fraktion fordert deshalb, eine maximale Besetzung von 80 Prozent. Außerdem müsse darauf geachtet werden, dass alle Kinder stets eine Maske tragen. Schulz regt an, die Zeiten des Schulbeginns zu variieren, um die Entlastung zu reduzieren. Auch den Einsatz von Reisebussen hält der Grünen-Politiker für denkbar.

Bereits Ende vergangener Woche hat Schulz auf der Suche nach Lösungen einen Brief im Landratsamt eingeworfen, adressiert an Landrat Stefan Löwl (CSU). Konkret möchte Schulz wissen, ob es ein Hygienekonzept für die Busse, Absprachen mit den Busunternehmen und Vorgaben des Gesundheitsministeriums zur Umsetzung der Hygienevorschriften gibt. Er fragt zudem, ob es Förderungen gibt. Löwl ist zwar zwischenzeitlich über das Schreiben von Schulz informiert worden, doch weil er bis Ende der Woche im Urlaub ist, hat er sich noch nicht mit dem Thema befasst. Er teilt jedoch am Dienstagabend mit, dass eine seiner Stellvertreterinnen das Schreiben an die zuständige Abteilung weitergelei- tet habe. Eine Antwort stehe noch aus.

Etwas Aufklärung lieferten am Dienstag Bayerns Schulminister Michael Piazolo (FW) und Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) in einer Pressekonferenz. So hat das Kabinett etwa beschlossen, dass "Verstärkerbusse" zum Einsatz kommen sollen. Die Kommunen sind demnach dazu angehalten, durch den Einsatz zusätzlicher Busse dafür zu sorgen, dass ein Abstand von 1,5 Metern auch in den Schulbussen eingehalten werden kann. Der Freistaat sichert zu, statt der sonst üblichen 60 Prozent 100 Prozent der anfallenden Kosten zu übernehmen. Damit liegt die Verantwortung für die konkrete Umsetzung wieder beim Landkreis, der für die Organisation und Koordination der Schulbuslinien verantwortlich ist.

Sind die Vorgaben der Regierung im Landkreis Dachau umsetzbar? Anruf bei einem, der es wissen muss: Wolfram Kuschke, von allen nur Woife genannt. Seit 23 Jahren ist er Busfahrer im Dachauer Hinterland. Den Bus mit der Nummer 782 fährt er nahezu täglich zwischen Markt Indersdorf und Randelsried hin und her. Davon, dass wieder sogenannte Verstärkerbusse eingesetzt werden sollen - wie schon Ende April einmal - hat Kuschke am Mittwochmittag noch nichts gehört. "Die Busse wären aber theoretisch definitiv verfügbar", sagt er. Immerhin würden die Busse einiger Reiseunternehmen seit Monaten nur auf dem Hof rumstehen. Ob die nun Touristen oder Schüler herumfahren würden, sei egal. Auf jeder Linie einen Verstärkerbus fahren zu lassen, das sei allerdings nicht drin. "Die Kapazitäten haben wir einfach nicht."

Das Busunternehmen Omnibusse Huber, für das Kuschke arbeitet, hat zum Beispiel nur einen zusätzlichen Bus, den sogenannten Springerbus, für den Fall, dass ein anderer in die Werkstatt muss. Scheitern würde es da eher an einem Busfahrer, denn die sind bekanntlich rar. Von anderen Unternehmen weiß Kuschke aber, dass noch Kollegen in Kurzarbeit sind. Die könnte man wieder voll einsetzen, sagt er. Allerdings, das gibt der Busfahrer aus Altomünster zu bedenken: Es werden wohl ohnehin ein paar Schüler weniger als sonst bei ihm mitfahren, weil sie von den Eltern mit dem Auto zur Schule gebracht werden. Von seinen rund 40 Fahrgästen hat er sechs oder acht seit März nicht mehr gesehen. Er schätzt, dass zum Schulstart am Dienstag noch ein paar mehr fehlen könnten. "Das ist aber natürlich nur eine minimale Entzerrung", sagt Kuschke.

Albert Herbst blickt kritisch auf die Pläne der Reierung. "Aus fachlicher Sicht kann ich die Sache nicht unterstützen", sagt der Sachgebietsleiter für Kreisschulen und ÖPNV. Er ist erst am Donnerstag aus dem Urlaub zurückgekommen und hatte noch keine Zeit, die Fragen des Grünen-Politikers Hubertus Schulz schriftlich zu beantworten. Eine klare Meinung hat er trotzdem: Auf dem Papier sei die Lösung des Schultransports wohl gut gemeint, aber in der Praxis kaum umsetzbar - schon allein, weil es ein Fahrerproblem gebe. Zudem ist er der Meinung, dass durch die Maskenpflicht eigentlich kein Bedarf mehr besteht, noch zusätzlich Abstände einzuhalten. "An dieser Maxime sollten wir festhalten", so Herbst.

Neben dem Problem, kurzfristig Personal zu finden, stört Herbst noch etwas anderes an dem Vorschlag von der Regierung: Soweit er das verstanden habe, sei zunächst eine Vollfinanzierung nur bis zu den Herbstferien angedacht. Durch solch eine Anschubfinanzierung "weckt man aber auch Begehrlichkeiten". Man könne die "freie Leistung" später nicht einfach wieder einstellen, wenn die Infektionszahlen weiter steigen sollten - nur weil die Förderung endet. Und wer bleibe dann auf den Kosten sitzen? Der Landkreis und die Kommunen. Herbst geht deshalb davon aus, dass bis zum Schulbeginn nichts entschieden wird. Das Thema dürfte aber in der nächsten Sitzung des Schulausschusses auf der Tagesordnung stehen. Eine andere Idee, das Schüleraufkommen zu entzerren, besteht darin, den Unterricht zeitlich versetzt beginnen zu lassen. Das jedoch hält Schulamtsleiter Albert Sikora nicht für praktikabel.

Und wie läuft das eigentlich mit der Einhaltung der Hygienevorschriften, sind die in einem vollen Bus überhaupt durchsetzbar? "Meine Schüler, die funktionieren. Und auch die Erstklässler funktionieren in meinen Bus spätestens ab dem dritten Tag", sagt Busfahrer Kuschke. Beim Maskentragen sieht er kein Problem. Das mit dem Abstand könnte aber schon schwieriger werden, weil bei voller Besetzung schlicht kein Platz frei bleibe und zumindest für ein paar Stationen auch mal fünf Passagiere stehen müssten. Die Fahrt ins Schuljahr, sie startet stotternd.

© SZ vom 04.09.2020

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