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Helios-Amper-Klinikum:Erneute Kritik an Dachauer Krankenhaus

Aktive Pause

Schon mehrfach haben Dachauer Pflegekräfte in der Vergangenheit gegen die Zustände am Klinikum protestiert.

(Foto: N.P.JØRGENSEN)

In einem Chat berichten Pfleger und Krankenschwestern über die Zustände im Helios Amper-Klinikum. Viele haben das Krankenhaus verlassen

Von Viktoria Hausmann, Dachau

Elke G. (alle Namen geändert) stand lange unter ständigem Zeitdruck. Besonders die immer aufwendigere Dokumentation von Patientendaten sorgte dafür, dass ihr immer weniger Zeit pro Patient blieb. Hinzu kam ein rauer Ton seitens der Klinikleitung in Dachau, wie sie erzählt. Vorgesetzte standen unangekündigt auf der Station und wiesen Elke G. und ihre Kollegen zurecht. "Es ist einfach nicht in Ordnung, wenn man so die Kompetenz abgesprochen bekommt und dann auch noch vor den Patienten," sagt die ehemalige Krankenschwester, eine drahtige Frau mit kurzen Haaren. Als sie gebeten wird, nach einem Sturz ein Formular so auszufüllen, dass kein Schadenersatz gefordert werden kann, beschließt sie, nach mehr als zwanzig Jahren, die Amper-Klinik zu verlassen und den Beruf zu wechseln.

Im "Chat Schwestern am Limit - Pflegekräfte erzählen" des Feministischen Cafés Dachau erzählen Elke G. und andere Schwestern und Pfleger unverblümt von ihren Erfahrungen. Alle Podiumsteilnehmer haben in der Amper-Klinik gearbeitet. Manche sind immer noch dort.

In der Pandemie wird der Pflegenotstand deutlicher denn je. Dem Beruf fehlt der Nachwuchs und die nötige Unterstützung vonseiten der Ärzte und der Klinikleitung. Wenig Bezahlung, viele Aufgaben. Oft seien ein bis zwei Pfleger pro Station normal - besonders in Privatkliniken, wie dem Helios Amper-Klinikum. Nachdem die dortigen Krankenpfleger seit längerem protestieren, meldet sich jetzt das Bündnis "Systemrelevant und Ungeduldig" in dieser Diskussionsrunde zurück.

"Als Pfleger bist du schon irgendwie der Arsch im Krankenhaus," sagt Daniel K. in der Chat-Diskussion. Dass er bei sich im Wohnzimmer vor dem Laptop sitzt und 26 Leuten von seiner Situation und der seiner Kollegen erzählt, ist nicht selbstverständlich. Zum einen, weil Krankenpfleger in erster Linie andere über sich selbst stellen und sich deswegen oft trotz extremer Umstände nicht beschweren. Zum anderen weil trotz Pandemie und Pflegenotstand Mitarbeiter entlassen werden, wenn sie es wagen, die Zustände anzuprangern, behauptet Daniel K. Er arbeitet im Dachauer Krankenhaus. Immer noch. Genau wie die anderen Podiumsteilnehmer liebt er seinen Beruf, aber die momentanen Bedingungen machen ihm zu schaffen: "Du musst immer fünf, sechs, sieben Dinge auf einmal machen und selbst abwägen, was wichtig ist. Wenn du irgendwas falsch machst, bist du schuld."

Als Daniel K. als Zivildienstleistender anfing, hatte jede Station genügend Krankenschwestern und Pfleger. Der Landkreis finanzierte das Krankenhaus. 2004 wurden "Fallpauschalen" eingeführt, seither darf jeder Patient nur noch eine bestimmte Summe Geld kosten und eine begrenzte Anzahl von Tagen bleiben. 2005 wurde das Amper-Klinikum zu 94,9 Prozent an die Rhönkliniken verkauft. 2014 ging es an Helios. Dem Landkreis Dachau gehören heute nur noch 5,1 Prozent. Mit der Privatisierung kam ein Stellenabbau in der Pflege, um die "Kosten" zu senken, sagt Daniel K. Gleichzeitig seien die Patientenzahlen gestiegen. Mehr Patienten in kürzerer Zeit, mehr Stress. 2020 sorgte die Pandemie und das überraschende Ausscheiden der Pflegedirektorin Gesa Breckweg für Frust. 50 Pflegemitarbeiter schrieben einen offenen Beschwerdebrief und drohten mit Kündigung. Klinikgeschäftsführer Florian Aschenbrenner spielte die Aussagen von Pflegern über die Situation im Kreistag als "Halbwahrheiten" herunter.

"Heute sind drei Pfleger pro Station Luxus," erklärt Ana G, eine blonde Frau um die fünfzig. Auch sie arbeitete sieben Jahre lang im Amper-Klinikum und hat den Wandel mitbekommen. Als der Personalschlüssel immer kleiner wurde, hielt sie es nicht mehr aus. In einer Nachtschicht in der Kardiologie habe sie ganz allein 62 Patienten betreuen müssen, sagt Ana G. Daraufhin wechselte sie in ein kirchliches Krankenhaus. Dort, sagt sie, "ist die Welt noch einigermaßen in Ordnung. Aber Personalmangel ist überall. Es macht mich schon emotional, weil jeder ein Leben lang in die Krankenkasse einzahlt, um dann so schlecht versorgt zu werden." Es ist nicht der einzige Moment im Chat, an dem die Zuhörer betreten schweigen.

Ihre ehemalige Kollegin Elke G. berichtet über ständig "wild durcheinandergewechselte Teams, um ein Miteinander zu verhindern". Die Amper Klinik erklärt dies mit Umbauarbeiten und pandemiebedingt zusammengelegten Stationen. Sie verweist darauf, dass Krankenpfleger nach Tarif bezahlt werden. Außerdem ermögliche sie eine 38,5-Stundenwoche und somit die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Daniel K. erzählt: "In der Pandemie ist das gang und gäbe gewesen, das ganze Haus ständig neu durchzutauschen. Damit die Station hier und die Station da für ein paar Monate mehr Betten hat. So was wird über Nacht entschieden und sorgt dafür, dass wir keine Verschnaufpause haben." Krankenpflege sei zum Durchgangsberuf geworden, in dem Menschen im Schnitt nur fünf bis sechs Jahre arbeiten. Das liege nicht an der Bezahlung, sondern an den Arbeitsbedingungen, sagt Daniel K. Eine Studentin will wissen, ob die vielen Beschwerden überhaupt etwas bringen. Einzelne nicht, erklärt Daniel K ihr. "Wenn überhaupt müssen wir uns zusammenschließen, anders geht es nicht."

© SZ vom 27.05.2021
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