Kultur in Dachau:Nach allen Regeln der Kunst

Kultur in Dachau: Die Polizei-Nummer zu Beginn des Konzerts dauert ganze sieben Minuten. Erst dann geben sich die Beamten als Mitglieder der Band Dicht und Ergreifend zu erkennen.

Die Polizei-Nummer zu Beginn des Konzerts dauert ganze sieben Minuten. Erst dann geben sich die Beamten als Mitglieder der Band Dicht und Ergreifend zu erkennen.

(Foto: Toni Heigl)

Die Mundart-Rapper von Dicht und Ergreifend geben beim Musiksommer in Dachau ein im wahrsten Sinne unglaubliches Konzert. Es ist ein großes politisches Statement und nichts weniger als die "Nacht der Weltpremieren"

Von Thomas Radlmaier, Dachau

Die Polizei hat am Wochenende ein Konzert der Hip-Hop-Gruppe Dicht und Ergreifend auf der Ludwig-Thoma-Wiese in Dachau kurz vor Beginn untersagt. Um 20.27 Uhr marschierten drei uniformierte Beamte mit Mundwinkeln wie umgedrehte Halfpipes auf die Bühne. Dort diskutierten sie heftig mit Bandmitgliedern, es kam zu Handgreiflichkeiten. Ein Polizist wendete sich an das verwirrte Publikum. "Ich habe schlechte Nachrichten", sagte er ins Mikrofon. Es gebe "massive Verstöße" gegen die Corona- und Hygieneauflagen. Er bitte darum, die Veranstaltung "ruhig und zügig" zu verlassen. Die Zuschauer pfiffen, zwei Herren in Lederhosen standen auf und gingen kopfschüttelnd in Richtung Ausgang. Eine Frau forderte, den Oberbürgermeister herholen zu lassen, damit dieser die Sache kläre. Angesichts dieser Wahnsinnsstory versuchte der Autor dieser Zeilen panisch, seinen Fotografen telefonisch zu erreichen. Dann sprach DJ Spliff, bürgerlich Markus Hinkelmann, zu den 500 Menschen, die vor ihm auf Stühlen saßen: "Das ist kein Spaß, wir müssen aufhören und haben nicht mal angefangen."

Es war ein Spaß, und was für einer.

Noch einmal von vorne. Freitagabend, Thoma-Wiese, Musiksommer 2021. Die "Dichties" in "Diggi di Dachau". Wer dachte, Dicht und Ergreifend würde ein "normales", sogenanntes Sitzkonzert geben, hat sich gehörig geschnitten. Der Auftritt in Dachau ist der Auftakt ihrer "Inzi Dance Tour 2021" und der erste vor Publikum nach eineinhalb Jahren coronabedingter Pause. Dafür haben die bayerischen Mundart-Rapper George Urkwell, alias Michael Huber, und Lef Dutti, alias Fabian Frischmann, nichts weniger als die "Nacht der Weltpremieren" vorgesehen.

Erste Weltpremiere ist die Polizei-Nummer. Das Schauspiel dauert ganze sieben Minuten. Plötzlich entpuppen sich die angeblichen Polizisten als Mitglieder der Band und spielen den neuen Song mit dem Titel "Nix gibts". Das passt. Die 500 Menschen schießen von ihren Stühlen hoch und tanzen. "Wie hab ich das vermisst", sagt Urkwell anschließend.

Zweite Weltpremiere: Dicht und Ergreifend messen zwischen den Songs immer wieder den "Inzi Dance Wert" des Publikums. Dieser geht steil nach oben, wenn die Menschen tanzend und singend ausflippen. Der Wert könne ruhig weit über 1000 hinausschießen, sagt Lef Dutti.

Dritte Weltpremiere: Einmal schlüpfen die fünf Musiker in Bumper Balls, das sind riesige, mit Luft gepolsterte Bälle. Wer möchte, kann jetzt direkt vor die Bühne kommen und die Menschen-Bälle umarmen. Schließlich sei der Mindestabstand dadurch ja gewahrt. Währenddessen läuft das Lied "La Cumbia del Coronavirus" von Mister Cumbia. Nach ein paar Umarmungen rammt sich der Urkwell-Ball durch die Stuhlreihen. Ein echter Moshpit sei ja in diesen Zeit nicht möglich, sagt er zuvor.

All diese sehenswerten Aktionen muss man natürlich auch als Kritik an der Corona-Politik verstehen. Ende vergangenen Jahres veröffentlichten Dicht und Ergreifend zusammen mit vielen anderen Hip-Hop-Artists den Track "Ohne Uns". Es ist ein zwölfminütiges politisches Statement. Es geht es um leere Bühnen und den fehlenden Kontakt zu den Fans. Die Corona-Maßnahmen würden die Kulturbranche "killen", heißt es darin. Musiker und Veranstaltungstechniker würden pleite gehen. "Ohne Gigs koa Kohle (...) Es reicht!"

Kultur in Dachau: Die Menge aus 500 Konzertbesuchern flippt auf der Ludwig-Thoma-Wiese tanzend und singend aus.

Die Menge aus 500 Konzertbesuchern flippt auf der Ludwig-Thoma-Wiese tanzend und singend aus.

(Foto: Toni Heigl)

Diese Kritik machen Dicht und Ergreifend auch in Dachau deutlich. Besonders spektakulär ist die vierte Weltpremiere. Wer in Vor-Corona-Zeiten schon einmal ein Dicht-und-Ergreifend-Konzert besuchte, der weiß, dass Stagediving zum Programm gehört. Allerdings geht das schlecht bei einem Sitzkonzert, bei dem auf Abstandsregeln geachtet werden sollte. Also besteigen Lef Dutti und George Urkwell menschengroße FFP-2-Masken, die wie riesige geöffnete Muscheln aussehen auf einem Gestell befestigt sind. Freiwillige starke Männer tragen die Masken mit den Rappern über die Thoma-Wiese und durch die Reihen. Das Publikum ist ziemlich beeindruckt. Viele können sich kaum noch an ihren Plätzen halten. Der "Inzi Dance Wert" geht noch steiler nach oben.

Als Dicht und Ergreifend zum Schluss den Song "Ohne Uns" zum Besten geben, tanzen viele Menschen direkt vor der Bühne. Die Maskenpflicht und Abstandsregeln sind jetzt ungefähr so wichtig wie bei einem Spiel der Fußball-Europameisterschaft, nur dass bei diesem Konzert auf der Thoma-Wiese weit weniger Menschen auf einen Haufen sind als im Stadion. Dann ist die "Nacht der Weltpremieren" wirklich zu Ende. Ein überglücklicher Urkwell sagt zum Abschied: "Es war das erste Mal seit eineinhalb Jahren, dass wir ein Publikum wieder gespürt haben."Auf dem Instagram-Kanal von Dicht und Ergreifend kann man später ein Bild vom Ende des Konzerts sehen, im Vordergrund die fünfköpfige Band, im Hintergrund das jubelnde Publikum. Darunter steht: "Danke Dachau, danke für dieses bestuhlte Konzert. (...) Nach allen Abstandsregeln der Kunst."

Kultur in Dachau: Während des Konzerts misst die Band Dicht und Ergreifend immer wieder den "Inzi Dance Wert" - er steigt stetig.

Während des Konzerts misst die Band Dicht und Ergreifend immer wieder den "Inzi Dance Wert" - er steigt stetig.

(Foto: Toni Heigl)

Die Kommentare zu dem Bild auf Instagram fallen alle positiv aus. Nur ein User kann kaum glauben, was er da sieht. Er schreibt: "Habt ihr doch gespielt? Ich bin heim ganz am Anfang."

© SZ vom 12.07.2021
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