Unterkunft in Karlsfeld Die Stimmung ist aufgeheizt - nicht nur in der Traglufthalle

Schon ehe es den Ärger in der Traglufthalle gab, forderte der Dachauer Landrat im ZDF-Morgenmagazin, man müsse die Flüchtlinge notfalls mit Sanktionsmaßnahmen disziplinieren, eben deshalb, weil sie die ihnen übertragenen Aufgaben nicht erledigten. Löwls Beitrag konnte man als Hilferuf eines Behördenleiters verstehen, der an die Grenzen seiner organisatorischen Möglichkeiten kommt. Aber viele nahmen es als politische Botschaft wahr: Gegen die wachsende Zahl von Flüchtlingen.

Das hat begeisterten Beifall ausgelöst, aber auch wütende Proteste. Die Stimmung ist aufgeheizt, nicht nur in der Traglufthalle. In den virtuellen Debattierstuben prallen "Gutmenschen" und "Nazis" aufeinander. Eine sachliche Diskussion ist längst unmöglich geworden. Jeder Zwischenfall löst Grundsatzdiskussionen aus und reflexhafte Überreaktionen. "Jetzt reicht's, die gehören abgeschoben", poltert es in den sozialen Netzwerken. Oft ist von Undankbarkeit die Rede. "Vielleicht hat ja der Bayerische Hof noch Zimmer frei."

Wenn die Leute lesen, dass Flüchtlinge sich wegen des Essens in den Unterkünften beschweren, fühlen sie sich bestätigt: Ist das nicht der Beweis, dass es diesen Leuten bei uns viel zu gut geht? "Ich bin nicht gekommen, um zu essen oder zu schlafen", sagt Osadolor Godstime. "Aber es ist auch nicht gut, wenn man schlechtes Essen bekommt und die ganze Zeit nicht schlafen kann." Vor allem die Pakistaner haben Probleme mit der Verpflegung. Sie sind nicht gewohnt, so viel Brot zu essen, wie ihnen der Caterer vorsetzt. Selber kochen dürfen sie nicht in der Traglufthalle. Brandschutz. Aber schlafen muss jeder. Und essen auch. Das sind Grundbedürfnisse.

Was Krawall bewirkt? Aufmerksamkeit

Vor einigen Wochen hat jemand versucht, die Folie der Traglufthalle anzuzünden. Ein unzufriedener Flüchtling? Vielleicht. Man weiß es nicht. Der Landrat ordnete den Vorfall juristisch gleich als Versuch schwerer Brandstiftung ein. Nach dem Vorfall entschuldigen sich Sprecher der Flüchtlinge dafür bei Vertretern des Landratsamts. Normalität ist das zum Glück nicht. Von den 20 Traglufthallen, die Paranet als Notunterkünfte im Einsatz hat, wurden nach Auskunft von Geschäftsführer Wowra erst zwei mutwillig beschädigt - Karlsfeld ist da bereits mit eingerechnet. Ein Einzelfall also.

Der Landrat macht einzelne Rädelsführer verantwortlich, die angeblich Unruhe in der Traglufthalle stiften und die vielen friedfertigen Flüchtlinge zu Krawall anstacheln. Aus anderen Massenunterkünften in Deutschland, wo es ähnliche Vorfälle gegeben hat, weiß man, dass die Flüchtlinge oft das Gefühl haben, mit ihren Anliegen bei den Unterkunftsbetreuern nicht durchzudringen. Und tatsächlich, eines haben die Krawalle bewirkt: Aufmerksamkeit.

Als die Zündelei bekannt wurde, kam der Landrat sofort von der Kreistagssitzung in seiner schwarzen Dienstlimousine angebraust. Mit Blaulicht und Sirene. Karlsfelds Bürgermeister und Kreisrat Stefan Kolbe (CSU) traf kurze Zeit später ebenfalls ein, allerdings ohne Tatütata. Und siehe da: Auf einmal waren doch Verbesserungen möglich. Jetzt gibt es ein Raucherzelt auf dem Gelände, für die frierenden Flüchtlinge sammelt der Helferkreis warme Kleidung und der Sicherheitsdienst ist angewiesen, nachts für mehr Ruhe zu sorgen, damit die Leute endlich schlafen können.

Nicht alle haben Interesse daran, dass Reibungs- und Konfliktpunkte entschärft werden. Ein User, der laut eigenem Profil "die europäische Zivilisation gegen Islamisierung verteidigen" will, twitterte nach dem klärenden Gespräch von Flüchtlingen und Behörden: "Landratsamt verstärkt Kooperation mit den Brandstiftern." Man merkt dieser Tage, wie gefährlich unbedacht gesprochene Worte werden können.

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