Verkehrspolitik:Wütende Nachbarn

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Verkehrspolitik: Bürgermeister Stefan Kolbe (CSU) will für die Verkehrssituation an der Grenze zu Allach ein Gesamtkonzept.

Bürgermeister Stefan Kolbe (CSU) will für die Verkehrssituation an der Grenze zu Allach ein Gesamtkonzept.

(Foto: Toni Heigl)

Anwohner der Eversbuschstraße im Allacher Grenzgebiet zu Karlsfeld sind sauer, weil die Entlastungsstraße nicht kommt, aber immer mehr Verkehr aus der Gemeinde. Bürgermeister Stefan Kolbe (CSU) will nun vermitteln

Von Christiane Bracht, Sebastian Krass und Anita Naujokat, Karlsfeld/München

Die Verkehrssituation im Karlsfelder Westen und Allacher Norden bleibt problematisch. Die Anwohner sind erzürnt, eine neue Straßenverbindung zwischen dem S-Bahnhof Karlsfeld und der Ludwigsfelder Straße entlang der Bahnstrecke ist in weite Ferne gerückt. Die grün-rote Stadtratsmehrheit in München hat im Planungsausschuss gegen CSU und FDP einen Änderungsantrag zum Neubaugebiet "Hirmerei" durchgebracht - und der hat Folgen. Die Trasse zwischen den Gleisen und dem Baugebiet wird nicht mehr für eine Straße freigehalten, sondern soll eine Grün- und Erholungsfläche werden. Von der Straße aber hatten sich Lokalpolitiker und Anwohner in Allach-Untermenzing eine Entlastung der Eversbuschstraße in ihrem nördlichen Bereich versprochen. In der Nachbargemeinde Karlsfeld, die davon zwar nicht unmittelbar betroffen ist, beobachtet man den Streit aufmerksam. Bürgermeister Stefan Kolbe (CSU) vermisst ein Gesamtkonzept und will alle Beteiligten an Bord holen.

Erst vor Kurzem hatte der Bezirksausschuss gegen die Stimmen der Grünen einen von der CSU-Fraktion initiierten Antrag auf den Weg gebracht, die Straßentrasse auf ihre Machbarkeit hin zu untersuchen. Heike Kainz (CSU), frühere BA-Vorsitzende, hielt im Stadtrat daran fest. Der Verkehr werde weiter wachsen, deshalb brauche es ein leistungsfähiges Straßennetz, gerade auch angesichts der zunehmenden Bebauung in Karlsfeld. "Das Gebiet, an das wir denken sollten, hört nicht an der Stadtgrenze auf." Die S 2 sei bereits überlastet. Weniger Mobilität mit dem Auto mache einen U-Bahn-Ringschluss von Pasing nach Moosach nötig.

In Stadtrandlage Stellplätze zu reduzieren, so Kainz, das sei kontraproduktiv. "Wir lehnen auch ab, dass unbebaute Flächen nur noch als Grünflächen genutzt werden sollen." Ihr Fraktionskollege Alexander Reissl meint: Selbst wenn man eine S-Bahn vor der Tür habe, könne man damit nur in zwei Richtungen fahren. Wenn der Arbeitsplatz aber woanders liege, wolle man vielleicht nicht mit dem Rad fahren. "Die Leute verzichten nicht auf das Auto, wenn es weniger Parkplätze gibt, sondern sie parken in der Nachbarschaft." Christian Müller, Fraktionschef von SPD/Volt, will hingegen den Schleichverkehr von Karlsfeld aus "minimieren und behindern". "Auch deshalb lehnen wir eine neue Straße ab." Wenn die CSU den Verkehr aus dem Umland in die Stadt holen wolle, dürfe sie das den Menschen gerne erklären, die davon belastet seien.

Die Diskussion unter den Nachbarn verfolgen die Karlsfelder unterdessen mit Skepsis. Der Vorwurf, in Karlsfeld wächst alles, davon müsse man sich abschirmen, das sei nicht zielführend, kritisiert Karlsfelds Bürgermeister Kolbe. Besonders wenn in der Hirmerei, also auf Münchner Boden, gerade selbst 233 Wohnungen entstünden. Die Verkehrssituation im Karlsfelder Westen und Allacher Norden sei nicht günstig, räumt Kolbe ein. Deshalb beurteilt er erst einmal alles kritisch, was an der Stadtgrenze geschieht. "Es wäre jedoch sinnvoll, sich gemeinsam Gedanken zu machen", so Kolbe. "Wir werden schauen, dass wir auf München zugehen."

Lukas Hainer, Sprecher der Bürgerinitiative "Gemeinsames Konzept für Allach und Karlsfeld" (GKAK) ist tief enttäuscht, wie er sagt. Die Anwohner der Eversbuschstraße seien auf den Stadtrat extrem wütend. "Es wird einfach nicht auf die Gesamtsituation geschaut", klagt Hainer. Seit Jahren spitze sich die Situation am Stadtrand zu. In der Corona-Krise entstünden zwar keine langen Staus an Eversbusch- und Bayernwerkstraße, aber jeder erinnere sich noch an 2019. "Den Leuten ist Angst und bange, denn sie fragen sich, wo der Verkehr noch hin soll, der oben drauf kommt."

Es sind viele Bauprojekte: Der S-Bahnhof Karlsfeld soll bis 2025 ausgebaut werden, als Ein- und Umsteigebahnhof für den Nordring; der Autobahntunnel an der A 99 ist sanierungsbedürftig und wird für einige Jahre teilweise gesperrt. In Karlsfeld wird 2022 ein Gymnasium gebaut. Das kleine Gewerbegebiet mit Hotel gegenüber vom Bahnhof, wird derzeit von Investor "Erlbau" erneut überplant. Auf dem Gelände der Diamalt-Fabrik in Allach wird bereits jetzt gebaut und dann die Hirmer-Wohnungen. "Das ist wirklich viel", fasst Hainer zusammen. Die Bürgerinitiative fordert deshalb einen Runden Tisch: An dem sollen Kommunalpolitiker aus München und Karlsfeld, Bauherren und Verkehrsplaner sowie Vertreter der Initiative und Anwohner die Probleme gemeinsam analysieren und Lösungswege ausloten. Dass der Stadtrat gerade jetzt in dieser Phase, die Entlastungsstraße pauschal ausgeschlossen hat, ist ein "fatales Signal", wie Hainer sagt. Denn der Prozess, gemeinsam ein Mobilitätskonzept zu erstellen, sei noch nicht in Gang gekommen.

Dem Karlsfelder Verkehrsreferenten Bernd Wanka (CSU) zufolge macht es für die Nachbargemeinde keinen Unterschied, ob die Entlastungsstraße nun gebaut werde oder nicht. Der Verkehr bleibe für Karlsfeld gleich, denn die beiden Routen würden ohnehin an der Stadtgrenze wieder zusammenlaufen. Doch auch er fordert ein Gesamtkonzept. "Ich verstehe, dass die Anwohner jeden Tag ungeduldiger werden. Sie haben Recht, dass wir etwas tun müssen", sagt er. Aber Wanka macht deutlich, dass Karlsfeld allein das Problem nicht lösen kann. Da gibt es noch viele offene Fragen: Etwa wie das Verkehrsaufkommen durch die Bauvorhaben steigt? Wo soll der Fahrradschnellweg verlaufen? Oder: Wenn der Nordring an den Karlsfelder Bahnhof angeschlossen wird, so Wanka, müsse man Richtung Odelzhausen weiterdenken, damit die Autobahnkommunen an diesen Knotenpunkt angeschlossen würden.

In dieser Woche wollen die Karlsfelder Kommunalpolitiker Kontakt zur Bürgerinitiative aufnehmen. "Ich finde es nicht schlecht, wenn sie konstruktiv mitarbeiten wollen, so wie sie es auf der Homepage schreiben", sagt Wanka.

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