Jahresrückblick:Die Mutmacher

Lesezeit: 3 min

Es gibt sie auch 2021: Die guten Nachrichten und Geschichten, bei denen etwas vorangegangen ist im Landkreis Dachau. Von helfenden Gemeinden, geretteten Geflüchteten und wiederbelebten Innenstädten

Von Joshua Beer und Jessica Schober, Dachau

In einem Jahr wie diesem gibt es genug Gründe, einmal inne zu halten und zurückzublicken auf all die kleinen und großen Dinge, die gut gegangen sind. Ist ja nicht alles Mist gewesen. Oft genug hat etwas geklappt. Anders als mancher meint, berichten Medien auch nicht bloß, wenn es bergab geht. Auch das Konstruktive soll seinen Platz in der Jahresrückschau finden.

Luca aus Georgien

Luca aus Georgien braucht eine OP.

(Foto: Catherina Hess)

Luca kann wieder hören

Dass ein gehörloser Einjähriger eine Chance bekommt, das Hören zu lernen, ist wohl eines der großen Wunder der Solidarität, das die Bürger des Landkreises dieses Jahr vollbracht haben. In seiner Heimat Georgien hatte der kleine Luca kaum Aussicht auf eine dringend benötigte Operation. Um hören zu können, ist er auf Cochlea-Implantate (CI) angewiesen, elektronische Hörprothesen. In Georgien beträgt die Wartezeit für solch eine Operation zwei, eher drei Jahre. Cochlea-Implantate sollten allerdings früh, möglichst vor Abschluss des ersten Lebensjahres eingesetzt werden, um Kindern eine normale Sprachentwicklung zu ermöglichen. Lucas Tante in München schaltete sich ein - und vollbrachte Erstaunliches. Sie verschaffte ihm einen OP-Termin am Ludwig-Maximilians-Universitätsklinikum. Das Geld für den Eingriff brachte sie zusammen, indem sie einen Spendenaufruf über die georgisch-orthodoxe Gemeinde in Karlsfeld startete. Mit Erfolg. Lucas Eltern sind allen Spenderinnen und Spendern dankbar, der Tante sowieso. "Ich kann es bis heute nicht so richtig glauben", sagt Mutter Lali Tsaava. Nach vielen Rückschlägen sei endlich "etwas Schönes" passiert, wie Manana Samushia, Lucas Tante, es formuliert. Nachdem die SZ Dachau über Lucas Schicksal berichtete, beobachteten seine Eltern erstaunt, wie Freunde den Artikel teilten und das Geld "Stück für Stück" eintrudelte. "Der Artikel hat viele Herzen erreicht", sagt die Tante. Vor allem viele Dachauer Herzen. Auch eine hiesige Stiftung hat sich gemeldet, die sogar die Nachsorge für den Kleinen unterstützen will. Nachdem die Operation im November geglückt war, müssen sich die Eltern so langsam um die Wartung und Instandhaltung des CI kümmern.

2021 RB Evakuierung

Nilofar Mukdad (im blauen Mantel) ist mit ihren Kindernr Tochter Sultana (rechts) und ihren zwei Söhnen Wali (links) und Sharif (Mitte) aus Kabul in Dachau angekommen dank ihrer Schwester Mayla Mukdad (Zweite von links).

(Foto: N.P.JØRGENSEN)

Anwältin aus Afghanistan gerettet

Die afghanische Frauenrechtlerin Nilofar Mukdad musste sich monatelang in Kabul vor den Taliban verstecken. Im November hat sie es nach Dachau geschafft - dank der Beharrlichkeit ihrer Schwester. Drei Monate lebte sie mit ihren drei Kindern in ständiger Gefahr, zog nachts in Kabul von Haus zu Haus, von Keller zu Keller. Drei Monate Angst. "Wir wussten nicht, was den nächsten Tag, die nächste Stunde passieren wird", erinnert sich Nilofar Mukdad (Name von der Redaktion geändert) an ihre Flucht vor den radikalislamistischen Taliban. Ihre Schwester floh bereits 1996 vor dem damaligen Taliban-Regime aus Afghanistan und leitet heute ein Kinderhaus in Dachau. Von hier aus half sie ihrer Schwester bei der Flucht. Nilofar Mukdad hatte in Kabul als Staatsanwältin gearbeitet - sie passte nicht in das Weltbild der neuen Machthaber. Als Ortskraft, also Helferin der internationalen Streitkräfte, zählte sie nicht. Auf die Liste gefährdeter Personen schaffte sie es, weil ihre Schwester in Dachau den Bundestagsabgeordneten Michael Schrodi (SPD) darauf ansprach. Beate Walter-Rosenheimer (Grüne) und Katrin Staffler (CSU) setzten sich ebenfalls politisch für Nilofar Mukdad ein. Tanja Jørgensen-Leuthner, eine Freundin der Schwester und im Dachauer Kulturamt für Städtepartnerschaften zuständig, holte den ehemaligen Bürgermeister der Partnerstadt Fondi in Italien ins Boot, wodurch die italienischen Behörden involviert wurden. Der Fall erlangte internationale Bedeutung, in Deutschland berichteten etwa das ZDF und die SZ. Schließlich gelang Mukdad die Flucht. Die Hilfsorganisation "Luftbrücke Kabul" organisierte für die Familie einen Flug ins pakistanische Islamabad, Ende November startete dann ihr Flug in Richtung Deutschland. Für ihr "zweites Leben" in Deutschland mit ihren Kindern ist die Juristin unendlich dankbar.

Jahresrückblick: Buchhändler Corinna Hegener und Sebastian von Gersdorff (links) im „Subtext“.

Buchhändler Corinna Hegener und Sebastian von Gersdorff (links) im „Subtext“.

(Foto: Toni Heigl)

Innenstädte werden lebendiger

Welch Kummer, als die traditionsreiche Buchhandlung Wittmann in der Dachauer Altstadt Ende Mai schloss. Eine Stadt wie diese ohne einen Ort für Lesende? Unvorstellbar. "Dachau ohne eine Buchhandlung, das geht nicht", dachte sich auch die ehemalige Wittmann-Mitarbeiterin Corinna Hegener und gründete gemeinsam mit Sebastian von Gersdorff den Buchladen "Subtext". Seit gut zehn Wochen läuft der Verkauf in den Räumen der ehemaligen Brunnenapotheke. Unterstützung bekamen sie von treuen Kunden, auch Oberbürgermeister Florian Hartmann rief mal an. Besonders freuen sich die beiden gelernten Buchhändler, dass auch die Philosophie- und Klassikerabteilung vom Publikum gut angenommen wird. Selbst Büchlein von Epikur oder Marc-Aurel-Bändchen fänden Interessenten, erzählt Hegener. Einen Tipp hat sie noch: Ein Buch von Florian Illies, das in Corona-Zeiten laut Hegener ebenfalls gern gelesen wird, trägt den schönen Titel "Liebe in Zeiten des Hasses".

Wer sich hingegen nicht nur von Buchstaben ernährt, sondern mehr braucht als geistige Nahrung, hat nun in der Dachauer Altstadt auch endlich wieder einen Nahversorger. Mit der Bonus gGmbH ist unter dem Modegeschäft Rübsamen ein besonderer Supermarkt eingezogen. Das Unternehmen will keine Gewinne erwirtschaften und bietet viele regionale Produkte an. "Wir möchten dieses Angebot auf jeden Fall erhalten, für unsere Kundschaft, muss man sagen, ist es ja fast ein Geschenk Gottes", sagt Vertriebsleiter Karsten Fischer. Trotz ausgefallenem Eröffnungsfest und einem umsatztechnisch eher schleppendem Start, sei er zuversichtlich, dass das Lebensmittelgeschäft vor Ort bleiben werde.

Für alle, die beim Einkaufen auf Plastikverpackungen verzichten wollen, war 2021 ebenfalls ein gutes Jahr: zwei sogenannte Unverpacktläden haben im Landkreis aufgemacht, das "Ohne Schmarrn" am Markt Indersdorfer Marktplatz sowie der Dachauer "Simpe(r)l" in der Steinkirchner Straße sind erfolgreich gestartet.

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