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Historiker Dirk Riedel:"Das war nicht irgendein Mitläufer"

Hans Loritz war einer der ranghöchsten und brutalsten KZ-Kommandanten. Biograf Riedel über Beweggründe eines Mannes, sich freiwillig in einem KZ zu bewerben.

Acht Jahre stand der Augsburger Ex-Polizist Hans Loritz an der Spitze der Konzentrationslager Esterwegen, Dachau und Sachsenhausen. Er war nicht nur einer der brutalsten, sondern auch einer der ranghöchsten KZ-Kommandanten. Der Historiker Dirk Riedel hat mit seiner Doktorarbeit am Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin die erste Loritz-Biografie verfasst. Sie erschien 2010 unter dem Titel "Ordnungshüter und Massenmörder im Dienst der 'Volksgemeinschaft': Der KZ-Kommandant Hans Loritz". Riedel arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der KZ-Gedenkstätte Dachau.

"Hans Loritz wurde immer mal wieder am Rande von Aufsätzen erwähnt. Ich wollte mehr über ihn herausfinden": der Historiker und wissenschaftliche Mitarbeiter der KZ Gedenkstätte Dachau, Dirk Riedel.

(Foto: DAH)

SZ: Herr Riedel, was bewegt einen Menschen dazu, sich aus freien Stücken um eine leitende Position in einem Konzentrationslager zu bewerben?

Riedel: Hans Loritz war Polizist und hatte eine ganz spezielle Vorstellung von seiner Rolle. Er sah sich nicht als "Freund und Helfer" wie das heute für die Polizei gilt, sondern als "Ordnungshüter", der berechtigt war, gegen all jene vorzugehen, die nicht seinen Ordnungsvorstellungen entsprachen. Loritz verfügte über das, was die Nationalsozialisten als "gesunden Menschenverstand" bezeichneten, ein Alltagsdenken, das die NS-Ideologie nicht mehr hinterfragte: "Ist doch klar, dass die Juden schuld sind. Ist doch klar, dass die Bolschewisten eine Gefahr für das Land sind."

SZ: Welche Rolle spielte Loritz als Täter im Nationalsozialismus?

Riedel: Als KZ-Kommandant, erst in Dachau und dann in Sachsenhausen, trug er die Hauptverantwortung für das, was im Lager geschah. Loritz hat aber nicht nur Befehle gegeben, sondern auch selbst Häftlinge geschlagen und getreten; gegen Juden und die so genannten Asozialen ging er besonders brutal vor. Er galt als "Erfinder" einer "Genickschussanlage", mit der unter seinem Befehl 10000 sowjetische Kriegsgefangener ermordet wurden. Das war sein größtes Verbrechen. Er war nicht irgendein Mitläufer, er war ein Haupttäter.

SZ: Ist der Ansatz, sich den Nazi-Verbrechen über die Täter zu nähern, nicht etwas gefährlich? Er verschiebt doch die Perspektive weg von den Opfern.

Riedel: Das sehe ich auch als sehr kritisch an, und in vielen Büchern zur Täterforschung kommt die Perspektive der Opfer tatsächlich etwas kurz. Das wollte ich anders machen, deswegen habe ich auch Berichte mit aufgenommen, wie die Opfer Loritz wahrnahmen. Und die Aussagen zeigen: Loritz hat die Eskalation der Gewalt systematisch vorangetrieben.

SZ: Hat er mal beschrieben, wie er seine Rolle im System selbst sah?

Riedel: Leider nein. Er hat auch nicht Tagebuch geführt. Das hätte mir die Arbeit sehr erleichtert. In Augsburg stieß ich glücklicherweise auf seine Dienst-Personalakte. Loritz war nämlich auch kommunaler Angestellter gewesen, was mir Einblicke in seine Biografie vor der NS-Zeit ermöglichte. Loritz wurde ja nicht in die NS-Zeit hineingeboren. Er kam aus einer Demokratie.

SZ: Wie konnte aus einem Demokraten ein glühender Nazi werden?

Riedel: Ich glaube nicht, dass er je ein Demokrat war. Er ist im Kaiserreich aufgewachsen, und hat sich immer in autoritären Strukturen bewegt. Sein persönliches Umfeld war stark national geprägt. Und als Polizist wollte er sicherlich auch selbst Macht ausüben.

SZ: Kann man Loritz als "typischen" KZ-Kommandanten bezeichnen?

Riedel: Ja und Nein. Sicherlich gibt es zu vielen anderen Lagerleitern Parallelen: das nationalvölkische Denken, die Härte, die Intrigen, die Korruption. Loritz' Draufgängertum war dagegen schon etwas Besonderes. Er wollte immer alles und das sofort. Jeder musste spuren. Das war vielleicht auch der Grund, warum er unter den KZ-Kommandanten der ranghöchste war. Im KZ fand er einen rechtsfreien Raum, in dem er schalten und walten konnte wie er wollte - solange es mit den Zielen der NS-Ideologie und seiner Vorgesetzten konform ging. Die Massenmorde an den sowjetischen Kriegsgefangenen hat er zu ihrer Zufriedenheit organisiert und ausgeführt. Aber als 1942 unter seiner Verantwortung auch diejenigen sowjetischen Gefangenen starben, die das Regime dringend als Arbeitskräfte brauchte, war das nicht mehr der Fall. Hat er nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes Reue gezeigt?

Überhaupt nicht. Im Gegenteil. Im britischen Internierungslager gab er damit an, ein hohes Tier im KZ-System und mit Adolf Hitler persönlich bekannt gewesen zu sein.

SZ: Das Bild vom NS-Täter wird von zwei Vorstellungen geprägt: dem eiskalten Schreibtischtäter und dem glühenden Fanatiker. War Loritz der Fanatiker?

Riedel: Es gibt einen Aufsatz von Gerhard Paul für ein Symposium in Dachau. Paul versuchte, eine Typologie aufzubauen: der Bürokrat und Schreibtischtäter; der Weltanschauungstäter, der von seiner Mission überzeugt ist; der Direkttäter, der für brutale Verbrechen an Ort und Stelle verantwortlich ist und die "Bandwagon-Nazis", also die Mitläufer. Das sind aber theoretische Idealtypen. In Wahrheit vermischen sich diese oft. Loritz war ja auch Schreibtischtäter.

SZ: Können Sie nachvollziehen, warum Loritz so wurde wie er war?

Riedel: Nein, das kann ich nicht, und ehrlich gesagt, will ich es auch gar nicht.

SZ: Und doch widmen Sie ihm ein ganzes Buch? Warum haben Sie sich ausgerechnet ihn ausgesucht?

Riedel: Das war eigentlich ein Zufall. Ich habe in Augsburg und München Geschichte studiert, danach habe ich ein Praktikum in der KZ-Gedenkstätte Dachau gemacht. Dann stellte ich fest, dass es einen Augsburger gibt, der im KZ Dachau Kommandant war: Hans Loritz. Er wurde immer mal wieder am Rande von Aufsätzen erwähnt, das war aber auch alles. Ich wollte mehr über ihn herausfinden.