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Wandel durch Wachstum:"Die Belastung für den Einzelnen hat sich vervierfacht"

Brand Ludl Scheune Stadel Karlsfeld

Beim Brand auf dem Ludl-Areal in Karlsfeld brannte im April eine Scheune komplett nieder.

(Foto: Feuerwehr Karlsfeld)

Der Landkreis Dachau wächst so schnell wie nirgendwo sonst in Bayern. Für die Ehrenamtlichen der Feuerwehren bedeutet das vor allem eines: mehr Arbeit.

1987 lebten noch rund 104 000 Menschen im Landkreis, jetzt sind es etwa 50 000 mehr. Für die Feuerwehren im Landkreis Dachau heißt das vor allem mehr Arbeit. Die Folgen liegen auf der Hand: mehr Leute, mehr Verkehr, mehr Einsätze. So fasst es jedenfalls Maximilian Reimoser von der Kreisbrandinspektion schnell zusammen. Viele Wehren rücken heute doppelt so oft aus, als noch vor zehn Jahren. Die Feldgedinger sogar drei mal so oft.

Dabei hat sich die Zahl der Brände deutlich verringert. "Früher wurde mehr mit Holz und brennbarem Material gebaut", erklärt der Kommandant von Odelzhausen Oliver Mathis. Heute setzt man dagegen in größere Gebäude Brandschutztüren und -schalter für die Elektrik ein. Rauchmelder sind Pflicht und an den Christbäumen brennen in der Regel nur noch LED-Kerzen. Die Feuerwehrler müssen also nur noch selten an die Spritzen. Ihre Hilfe ist meist eine technische: Wasser aus dem Keller pumpen, nach heftigen Unwettern die Fahrbahnen räumen, Unfälle absichern, Verletzte Personen aus den Autos schneiden, Ölspuren binden, Wohnungen öffnen, Kranke bei laufender Reanimation mit der Drehleiter sanft aus ihren Häusern befördern oder auch mal die Katze vom Baum holen. "Das Spektrum ist vielfältiger geworden", sagt Thomas Burgmair, Kommandant in Markt Indersdorf. Und das bedeutet für die Aktiven viele Fortbildungen und Übungen. Denn sie müssen immer für den Ernstfall gerüstet sein, wissen, was man am Besten tut, wenn andere Hilfe brauchen. "Es sind einige 100 Stunden Ausbildung und alle 14 Tage eine zweistündige Übung", erklärt Burgmair. Hinzu kommen die Einsätze. Nicht jeder stellt sich seine Freizeit so vor.

Personalprobleme

Eine besondere Herausforderung ist die Rufbereitschaft. In Dachau geht sie von 19 bis 5 Uhr morgens und von Freitagabend bis Montagfrüh. Sie kettet die freiwilligen Helfer an die Stadt, denn sie müssen das Feuerwehrhaus jederzeit schnell erreichen können. Der Dachauer Kommandant Thomas Hüller sagt: "Fünf bis sechs Wochen im Jahr trifft es jeden." Am unangenehmsten empfinden das die Jungen. "Freizeit hat eben einen anderen Stellenwert bekommen." Hüller hat 120 Aktive. So viele waren es eigentlich immer schon in der 150-jährigen Geschichte der Dachauer Wehr. "Aber die Belastung für den Einzelnen hat sich vervierfacht", sagt der Kommandant. Er bräuchte deutlich mehr Leute, um die etwa 600 Einsätze im Jahr meistern zu können. Von Januar an wird es deshalb eine Wache geben, die 24 Stunden besetzt ist, teils mit Hauptamtlichen.

Großbrand

Die Feuerwehrmänner sind rund um die Uhr im Einsatz.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Auch Hüllers Kollegen klagen über zu wenig Ehrenamtliche. "Die Jungen sind nur schwer zu begeistern", sagt Tobias Westenrieder, Kommandant in Feldgeding. Er hat 35 Aktive und "die Älteren ziehen sich langsam zurück". Früher gab es den Wehrersatzdienst, da seien mehr zur Feuerwehr gekommen, um nicht zum Militär zu müssen, erinnert er sich. In Odelzhausen hat die Gemeinde dem Kommandanten unter die Arme gegriffen und für ihre Bauhofangestellten die Vorgabe gemacht, dass diese tagsüber mit ausrücken müssen. Auf diese Weise ist die Truppe mit 45 Aktiven derzeit gut aufgestellt, früher waren es laut Kommandant Mathis nur 25. Die beiden Wehren fahren wegen der häufigen Unfälle auf der Autobahn zwischen Stuttgart und München inzwischen bis zu 120 Einsätze pro Jahr. Vor 20 Jahren waren gerade mal 40. Am Lautesten klagt jedoch Michael Peschke aus Karlsfeld über Personalmangel. Früher hatte der Kommandant etwa 100 engagierte Helfer, inzwischen sind es nur noch knapp 70 und es werden immer weniger. "Nächstes Jahr fallen wieder zwei weg, weil sie woanders hinziehen müssen, um Platz für ihre Familie zu haben. Eine große Wohnung oder ein Haus mit Garten können sie sich in Karlsfeld nicht leisten", weiß Peschke. Zwar kommen immer mehr Neubürger in die Gemeinde, doch für die Feuerwehr interessieren sich die wenigsten. Angesichts der hohen Mieten und Kaufpreise sind es meist Leute, die gut bezahlte Jobs haben, etwa "der Ingenieur, der ohnehin schon mehr als 40 Stunden arbeitet und danach nicht mehr bereit ist, sich bei der Feuerwehr zu engagieren". "Man müsste Anreize schaffen für das Ehrenamt", fordert Peschke. Ottobrunn baue zum Beispiel extra ein Haus, in dem nur Feuerwehrler wohnen. Auf diese Weise hoffe die Gemeinde, die Aktiven im Ort zu halten. Peschke kann sich auch andere Boni für seine Truppe vorstellen: "50 Prozent Rabatt für einen Platz im Kindergarten zum Beispiel" oder eine Aufwandsentschädigung. Die Trainer im Sportverein bekämen ja auch etwas, die Feuerwehrler dagegen nicht. Mit großer Sorge schaut Peschke in die Zukunft: Wenn es nicht gelingt neue Mitglieder zu werben, wird die Altersgrenze die Truppe reduzieren. "In zehn Jahren fallen mindestens 15 Aktive weg. Dann wird's schwer", sagt Peschke. Im vergangenen Jahr musste die Karlsfelder Feuerwehr 260 Einsätze absolvieren, 25 Prozent mehr als 2017.

Einsätze auf der Autobahn

Der Verkehr ist ein großes Thema bei den freiwilligen Helfern, bei denen an der A 8 vor allem Unfälle. "Das sind 60 Prozent unserer Einsätze", erklärt Tobias Westenrieder aus Feldgeding. Durchschnittlich eineinhalb Mal pro Woche fährt seine Truppe auf die Autobahn, um eine Unfallstelle abzusichern oder gar Menschen aus ihren Autowracks zu befreien. Dabei riskieren die Feuerwehrler manchmal ihr Leben. Immer wieder gebe es Fahrer, die die Absperrungen nicht interessierten und trotzdem mit 200 Stundenkilometern vorbeirasten, sagt Westenrieder. Zwei Kollegen hätten einmal in letzter Sekunde über die Leitplanke retten müssen, um nicht über den Haufen gefahren zu werden, erinnert sich auch Oliver Mathis aus Odelzhausen. Allerdings sei dies keine Absicht gewesen, die Fahrerin habe die Lage nicht erkannt. Doch es gibt auch absichtliche Anschläge auf Feuerwehrleute. Vor etwa zwei Jahren wurde ein Feldgedinger Helfer angefahren, weil er einen ungeduldigen Autofahrer nicht durchlassen wollte. Der Kreisverkehr am Gada war wegen eines Unfalls gesperrt.

Unfall Autobahn A8

Feuerwehrleute versuchen, die Ladung eines Getränke-LKW für die Bergung zu sichern.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Mit dem höheren Verkehrsaufkommen auf der Autobahn und den Baustellen mit Geschwindigkeitsbeschränkungen ist die Arbeit der Feuerwehrler deutlich angenehmer geworden. Einerseits müssen die Ehrenamtlichen die Raser nicht mehr so fürchten. Andererseits ist die "Unfallrate deutlich niedriger geworden", so Mathis. "Und die Unfälle sind auch nicht mehr so gravierend." Das meiste sind Auffahrunfälle oder bei Regen Aquaplaning. Nur nachts geben die Fahrer ordentlich Gas. Mathis plädiert deshalb heftig für Geschwindigkeitsbegrenzungen. Ein Verkehrsleitsystem wie auf dem südlichen Ast der A 8 sei "angeregt", sagt Reimoser von der Kreisbrandinspektion. Es soll auch kommen, unklar sei nur wann, so habe es jedenfalls die CSU-Bundestagsabgeordnete Katrin Staffler kommuniziert.

Dachauer Modell

Für die Dachauer birgt der zunehmende Verkehr jedoch ein ganz anderes Problem. Seit geraumer Zeit haben sie Schwierigkeiten ihre Hilfsfrist von zehn Minuten einzuhalten, denn die Ehrenamtlichen kommen kaum mehr schnell genug durch den dichten Stadtverkehr. Nur durch Kooperationen mit angrenzenden Feuerwehren ist dies noch möglich. Diese rücken tagsüber mit aus. Ende der Neunziger hatte die Kreisstadt etwa 38 000 Einwohner, jetzt sind es 10 000 mehr, erklärt Kommandant Hüller. Und schon bald sollen 55 000 Menschen in Dachau leben. Angesichts dieser Prognosen mussten sich die Brandschützer etwas überlegen.

Feuerwehr Aktionstag

Die Feuerwehr kommt nicht nur, wenn es brennt, sondern muss auch technische Hilfe leisten.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Von Januar an sollen nun tagsüber sechs Hauptamtliche und drei Ehrenamtliche in der Wache sitzen, um im Notfall schnell ausrücken zu können. Nachts werden drei Hauptamtliche und drei Ehrenamtliche dort übernachten. "Es ist ein einzigartiges Modell und bedeutet einen großen Einschnitt in der 150-jährigen Geschichte", sagt Hüller. Man habe diesen Weg gewählt, um das Ehrenamt anzuerkennen. Zudem seien die Bereitschaftsdienste nun für die Einzelnen besser planbar. Vor allem ist Dachau aber tagsüber künftig personell deutlich besser ausgestattet, denn nur wenige Feuerwehrler arbeiten in der Stadt. Die meisten pendeln nach München oder wo anders hin.

Folge der Anonymität

Mit der Vergrößerung der Kommunen ist im Laufe der Jahre auch die Anonymität gestiegen. Selbst auf den Dörfern ist es inzwischen nicht mehr selbstverständlich, dass jeder jeden kennt. So müssen die freiwilligen Helfer in Dachau und Karlsfeld inzwischen bis zu 70 Mal im Jahr ausrücken, um Wohnungen zu öffnen. "Die Anonymität macht die Leute hilflos", erklärt Reimoser. Oft genug entdecken die Feuerwehrler Tote, die schon länger liegen, aber sie befreien auch Verletzte und Kranke aus ihrer misslichen Lage. Früher kümmerten sich Nachbarn darum.

Fehlalarme

Sehr verärgert sind die freiwilligen Helfer in Dachau, Karlsfeld und rund um das große Gewerbegebiet Gada in Bergkirchen über die enorm vielen Fehlalarme. Auch das ist eine Folge des Wachstums in den Gewerbegebieten, aber natürlich auch des technischen Fortschritts und der Vorschriften, die Sicherheit in großen Gebäuden gewährleisten sollen. Etwa 120 Mal pro Jahr rücken allein die Dachauer aus, weil eine Brandmeldeanlage Alarm schlägt, sei es im Krankenhaus, in einem Altenheim oder einer Firma. Oft ist Sägemehl, Staub vom Bohren oder Wasserdampf die Ursache, manchmal auch einfach die tief stehende Sonne. Um die Leute zu mehr Achtsamkeit zu zwingen, hat Karlsfeld die Kosten für derartige Fehlalarme erst kürzlich hochgeschraubt.

150 Jahre FFW Dachau

"Die Belastung hat sich vervierfacht", sagt Kommandant Thomas Hüller.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Fragt man die Kommandanten, was eigentlich positiv am Wachstum ist, zucken die meisten mit den Schultern. Nur Hüller weiß eine Antwort: "Früher waren auf der B 471 mehr schwere Unfälle." Jetzt fahren die meisten über die Eschenrieder Spange - das Revier der Münchner Berufsfeuerwehr.