Demonstration in Odelzhausen:"Bei den Beschäftigten spart man"

Demonstration in Odelzhausen: Mit Lautsprechern, Sirenengeheul und Transparenten machen die Demonstranten ihre Forderungen in Odelzhausen klar. Mit ihrem Marsch unterstützen sie auch die Belegschaft der Firma Hoffmann Group, die bereits seit Ende Mai streikt.

Mit Lautsprechern, Sirenengeheul und Transparenten machen die Demonstranten ihre Forderungen in Odelzhausen klar. Mit ihrem Marsch unterstützen sie auch die Belegschaft der Firma Hoffmann Group, die bereits seit Ende Mai streikt.

(Foto: Toni Heigl)

Die Mitarbeiter von Einzel- und Großhandel, Versand- und Außenhandel zeigen in Odelzhausen ihren Unmut. In der Pandemie wurden viele beklatscht, doch finanziell soll sich das trotz hoher Umsätze nicht niederschlagen

Von Renate Zauscher, Odelzhausen

"Kein Geschäft ohne uns, kein Geschäft ohne uns": Lautstark protestieren mehr als zweihundert Männer und Frauen am Mittwoch für eine bessere Bezahlung im Bereich von Einzel- und Großhandel, Versand- und Außenhandel. Organisiert hat den Demonstrationszug in Odelzhausen die Gewerkschaft Verdi, die seit Monaten für eine Anhebung des für den Handel geltenden Tariflohns um 4,5 Prozent und eine Zuzahlung von monatlich 45 Euro kämpft.

Odelzhausen als Ort für die Demonstration ist nicht zufällig gewählt worden: Hier befindet sich seit Ende Mai etwa die Hälfte der rund 60 Beschäftigten im Logistikbereich der Firma Hoffmann Group im Streik. Der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Johannes Vogl erklärt, warum das so ist: Zwar sei er "eigentlich stolz auf die Firma", ein seit 102 Jahren existierendes Familienunternehmen mit sehr guten Sozialleistungen. Seit drei Jahren aber - seitdem die Besitzerfamilie "in den Hintergrund getreten" sei - habe sich die Situation spürbar verändert. Manager hätten jetzt "das Ruder in der Hand" - mit Folgen wie in vielen anderen Firmen auch: Übertarifliche Leistungen etwa, die früher bezahlt wurden, beispielsweise eine Weihnachtsprämie, erhielten immer weniger. "Es kann nicht sein, dass für einen Logistiker kein menschenwürdiges Leben mehr möglich ist, während Manager Gehälter und Abfindungen bekommen, die weit weg sind von dem, was moralisch vertretbar ist", sagt Vogl. "Laut Grundgesetz sind wir alle gleich - aber das sind wir schon lange nicht mehr - das ist für mich die eigentliche Katastrophe".

Aufgerufen zu der Demonstration hatte Thomas Gürlebeck, Verdi-Mitarbeiter und Verhandlungsführer für Tarifverhandlungen im Fachbereich Handel. 2020 seien die Beschäftigten im Einzelhandel noch als "systemrelevant beklatscht worden" - jetzt sei das offenbar bereits vergessen und sie sollten "mit null Euro abgespeist werden". Nach "unzähligen Tarifrunden" sei auf Seiten der Arbeitgeber "keinerlei Bewegung erkennbar". Dabei machten Firmen wie etwa Lidl "jedes Jahr immer noch mehr Umsatz - und bei den Beschäftigten spart man".

Demonstration in Odelzhausen: Eigentlich ist der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Johannes Vogl stolz auf seine Firma, aber die Situation habe sich spürbar verschlechtert.

Eigentlich ist der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Johannes Vogl stolz auf seine Firma, aber die Situation habe sich spürbar verschlechtert.

(Foto: Toni Heigl)

Mit Lautsprechern, Sirenengeheul, Sprechchören und Transparenten verleihen die Protestierenden in Odelzhausen ihren Forderungen weithin hör- und sichtbar Nachdruck. Manche von ihnen sind aus dem Ort selbst, viele andere kommen aus München, Augsburg oder auch Anzing, dem Standort eines Lidl-Lagers, angereist. Nicht nur an die Firma Hoffmann Group nämlich richtet sich der Protest der Menschen sondern durchaus auch an andere Adressaten, wie die Supermärkte an der Route des Demonstrationszugs, Lidl und Edeka. "Lidl lohnt sich", heißt es auf einem der mitgeführten Transparente - "aber nicht für uns".

Der Zug quer durchs Gewerbegebiet und zweimal rund um den Verkehrskreisel an der Autobahneinfahrt verläuft ohne Zwischenfälle und unter Einhaltung der Corona-Vorschriften. Auch für den Verkehr im Gewerbegebiet ergeben sich kaum Beeinträchtigungen, die über ein paar Minuten Wartezeit hinausgehen würden: Die Organisatoren des Demonstrationszuges achten sehr genau darauf, dass nur jeweils eine Straßenseite von den Teilnehmern der Kundgebung in Anspruch genommen wird. Wer mit genehmigten Demonstrationen "ein Problem hat", der habe offensichtlich "auch ein Problem mit dem Grundgesetz", sagt Thomas Gürlebeck mit Blick auf Kritik, die im Vorfeld aus dem Odelzhausener Rathaus gekommen war: Schließlich sei das Demonstrationsrecht im Grundgesetz verankert, erinnert er. Die Kundgebung sei vorschriftsmäßig beim Landratsamt angemeldet worden und dies habe die Gemeinde informiert.

Unterwegs bekommen die Demonstranten immer wieder Zuspruch von anderen: Kaum ein Lkw-Fahrer im Gewerbegebiet, der nicht mit erhobenem Daumen, dem Victory-Zeichen oder auch mit lautem Hupen seine Zustimmung zu den Forderungen von Verdi signalisiert hätte.

© SZ vom 23.07.2021
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