Dachau:Wenn die Pflegerin nicht mehr klingelt

Pflegebedarf

Wolfgang Jagusch ist auf die Hilfe eines Pflegedienstes angewiesen.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Das ambulante "Pflegeteam mit Herz", das vor allem im Raum Odelzhausen tätig ist, steht vor der Insolvenz. Wer sich von 1. August an um die bisher 300 Betreuten kümmern soll, ist unklar. Die Anbieter im Landkreis sind völlig ausgelastet und haben selbst zu wenig Personal

Von Eva Waltl, Dachau

Wolfgang Jagusch aus Odelzhausen verbringt seit etwa zwei Wochen viel Zeit vor seinem Telefon. Er klappert ambulante Pflegedienste aus der näheren Umgebung ab, denn seine jetzige Pflegebetreuung ist insolvent und seine Versorgung endet am 31. Juli. Die Suche nach einer Fachkraft, die dem 79-Jährigen die notwendige Pflege zukommen lässt, läuft ins Leere. Jagusch benötigt täglich Unterstützung beim An- und Ablegen der Kompressionsstrümpfe und einmal pro Woche eine Einkaufshilfe. Die Kapazitäten ambulanter Pflegedienste im Landkreis Dachau sind ausgeschöpft, und eine Lösung ist in absehbarer Zeit nicht in Sicht.

Manuela Peuker, Leiterin des ambulanten Pflegedienstes "Pflegeteam mit Herz", betreut Jagusch seit eineinhalb Jahren. Insgesamt versorgt sie gemeinsam mit ihren 18 Mitarbeitern etwa 300 Menschen im Raum Odelzhausen. Ende dieses Monats wird der Dienst eingestellt - Peukers ambulantes Pflegeunternehmen ist insolvent.

Für private ambulante Pflegedienste ist der Weg besonders steinig, die bürokratischen Anforderungen und die Zusammenarbeit mit Pflege- und Krankenkassen stellen große Hürden dar. Für das Verabreichen von Medikamenten erhält Peuker 3,58 Euro, für das Wechseln einer Windel 3,46 Euro. "Wie soll ich da überhaupt Gehälter bezahlen, wenn es mal schlechter läuft?", klagt Peuker. Die Coronapandemie hat die finanzielle Situation noch mal verschärft. Wegen quarantänebedingter Ausfälle musste die Leiterin zusätzlich noch Vertretungen bezahlen. Schon vor der Pandemie war es für sie kein leichtes Unterfangen, die finanziellen Herausforderungen zu stemmen: "Ich musste regelmäßig in Vorleistung gehen, weil sich Zahlungen der Krankenkassen für erbrachte Leistungen oft monatelang verzögern", erklärt Peuker. Wenn dann große Krankenkassen geleistete Pflege ablehnten und nicht bezahlten, was leider nicht selten der Fall sei, wie die Pflegeleiterin bestätigt, bleibt sie auf der Summe sitzen. Die Folge: Insolvenz.

Besonders schmerzhaft ist für Peuker, nicht zu wissen, was mit ihren Schützlingen nun geschehen wird. Auch für Jagusch ist diese Unwissenheit unerträglich. Seine Suche nach einer Alternative bleibt erfolglos. Reaktionen der angefragten Pflegedienste seien immerzu gleichbleibend ernüchternd: Entweder gehöre Odelzhausen nicht in das jeweilige Einzugsgebiet oder der Dienst habe schlichtweg keine Kapazitäten, erzählt er enttäuscht.

Jagusch ist nicht der einzige Betroffene. Die Nachfrage nach einem ambulanten Pflegedienst ist auch aufgrund der Insolvenzankündigung im Landkreis sehr hoch. Das bekommt auch Steffi Albrecht, stellvertretende Pflegedienstleiterin des ambulanten Alten- und Krankenpflegediensts von Heike Kühn in Markt Indersdorf, zu spüren: "Wir werden täglich überschwemmt von Anfragen." Viele der Bedürftigen können aber aufgrund der begrenzten Kapazitäten nicht aufgenommen werden: "Vergangene Woche haben wir sieben neue Patienten aufgenommen" - mehr sei nicht möglich. Albrecht weiß um die prekäre Lage vieler Betroffener: "Für die Anfragen aus Odelzhausen haben wir keinen Versorgungsvertrag mit der Pflegekasse", erklärt sie. Auch deshalb könne sie den 79-Jährigen nicht betreuen. Silvia Jilge von den Pflegeengeln in Schwabhausen erzählt ebenfalls von vielen Bedürftigen, die sich bei ihr meldeten. Sie habe ebenfalls bereits Patienten aufgenommen, aber auch sie stößt an eine Grenze: "Ich würde gerne mehr Menschen aufnehmen, aber ich habe kein Personal."

Als "klassisches gesellschaftliches Problem" bezeichnet Landrat Stefan Löwl (CSU) den Fachkräftemangel. Für Löwl tragen demografischer Wandel und eine mobiler werdende Gesellschaft dazu bei, dass der Bedarf an Pflegehilfe stetig wächst. Josef Mederer, oberbayerischer Bezirkstagspräsident, hat vielleicht eine Antwort auf den Notstand: Der Pflegeberuf müsse attraktiver werden; das sei mit einer besseren Bezahlung möglich. Für die Betreuung der Bedürftigen des insolventen Pflegedienstes sieht er die Übernahme eines neuen Betreibers als Chance, den Dienst in bisheriger Form fortzuführen und die Beschäftigungen nahtlos weiterlaufen zu lassen. Professionelle Begleitung sei dabei aber unabdingbar, ergänzt er. Damit die Versorgung also gewährleistet bleibt und keine Lücke entsteht, bedarf es sehr schnellen Handelns. Einen Plan für die Umsetzung fehlt noch. Aber den braucht es, eher heute als morgen.

Mit der Errichtung eines Pflegestützpunktes im Landkreis Dachau, dessen Ziel eine kompetente, neutrale und unterstützende Beratung rund um das Thema Pflege ist, hofft Mederer, einen ersten Schritt in diese Richtung zu gehen und Insolvenzen im ambulanten Pflegedienst vorzubeugen. An diesem Dienstag unterzeichnen Mederer, Löwl und AOK-Direktor Maximilian Georg den Vertrag zur Einrichtung eines Pflegestützpunktes in Dachau. Noch Ende des Jahres könne die Beratungsarbeit beginnen, erklärt Löwl. Doch auch nur unter der Voraussetzung, dass sich qualifiziertes Personal finde.

Der Stützpunkt soll neben seiner beratenden Tätigkeit auch Menschen ohne Angehörigen bei Antragsstellung und Vertragsangelegenheiten helfen. Allerdings stellt Löwl klar, dass der neue Pflegestützpunkt den Fachkräftemangel in der ambulanten Pflege nicht beheben werde. Ein Teil der ambulanten Pflegeinfrastruktur bricht also zusammen, und eine Lösung scheint es von Seiten der Politik in absehbarer Zeit nicht zu geben.

Bernhard Seidenath, CSU-Landtagsabgeordneter und Vorsitzender des Landtagsausschusses für Gesundheit und Pflege, zeigt sich verwundert über die Entwicklung, denn er habe bisher in Odelzhausen "kein strukturelles Versorgungsproblem" gesehen. Im Landkreis gibt es mehr als ein Dutzend ambulanter Pflegedienste. In einem gemeinsamen Gespräch mit den Diensten erhofft er sich nun, Versorgungsmöglichkeiten zu finden. Dies sollte schnell und zielorientiert geschehen, denn kein Pflegebedürftiger könne ohne Hilfe auch nur einen Tag zurück gelassen werden.

Jagusch hat bisher von den etwa 15 Pflegediensten noch keine positive Rückmeldung erhalten und noch weiß er nicht, wie er in weniger als zwei Wochen täglich versorgt wird. Es sind nur maximal zehn Minuten, die der 79-Jährige pro Tag auf Hilfe angewiesen ist. Aber diese zehn Minuten sind für seinen Alltag entscheidend.

© SZ vom 20.07.2021
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