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Verwertung von Klärschlamm:Schatz im Abwasser

Bevor Klärschlamm verbrannt werden kann, muss er trocknen.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Kommunen in den Landkreisen Dachau und Fürstenfeldbruck planen die Gründung eines Zweckverbands zur Klärschlammverwertung. Denn in der schwarzen Masse schlummert ein großes Potenzial.

Von Christiane Bracht und Thomas Radlmaier, Dachau

Wenn Kläranlagen Abwasser reinigen, bleibt Schlamm übrig. Der schwarze Batz hat zwei Seiten. Er enthält Gutes und Schlechtes. In ihm steckt wertvolles Phosphor, ein endlicher Mineralstoff, der für Menschen lebenswichtig ist und den Pflanzen zum Wachsen brauchen. Die Mineralien, die zum Beispiel in der Sahara abgebaut werden, kommen in Europa gar nicht vor. Landwirte kippten den Klärschlamm hierzulande bis vor einigen Jahren auf ihre Felder. Jetzt ist das verboten. Denn der Schlamm ist voller Schadstoffe. Rückstände von Arzneimitteln, Chemikalien oder Schwermetalle befinden sich darin, alles eben, was ins Abwasser gelangt. Sie schädigen die Gesundheit. Der Klärschlamm ist ein giftiger Dünger.

Der Staat will das große Potenzial der schwarzen Masse nutzen. Er hat die Anforderungen an die Klärschlammverwertung verschärft. Seit 2017 dürfen Bauern nur noch Klärschlamm verwenden, wenn dieser wenig Schadstoffe enthält. Zudem sind Abwasserbetriebe ab 2029 verpflichtet, Phosphor aus Klärschlamm zurückzugewinnen. Die Kommunen stellt die neue Vorgabe vor Probleme, aktuell fehlt die notwendige Technologie, um Phosphor so zurückzugewinnen, dass Pflanzen den Mineralstoff aufnehmen könnten. Zudem ist unklar, wer wie viel letztlich dafür bezahlen muss, vermutlich trägt die Hauptlast der Verbraucher.

Kommunen wollen Zweckverband zur Klärschlammverwertung gründen

Die Landkreise Dachau und Fürstenfeldbruck wollen die Herausforderung zusammen angehen. Fast alle Kommunen der beiden Landkreise haben sich inzwischen dafür ausgesprochen, einen gemeinsamen Zweckverband für die Klärschlammverwertung zu gründen und am Gemeinsamen Kommunalunternehmen für Abfallwirtschaft, kurz GfA, in Geiselbullach eine entsprechende Anlage zu bauen. Zuletzt haben alle Mitglieder des Dachauer Stadtrates dem Vorhaben zugestimmt. Auch der Gemeinderat in Karlsfeld hat in seiner jüngsten Sitzung beschlossen, Solidarität zu zeigen und sich an den Kosten einer Studie zu beteiligen. Das wird die Gemeinde etwa 6000 Euro kosten. Es sind die ersten Schritte für ein großes interkommunales Projekt, das beide Landkreise noch Jahre beschäftigen wird. Doch Thomas König, GfA-Vorstand, ist sich sicher: "Das wird ein Erfolgsmodell."

König beschäftigt sich wegen seines Berufes intensiv mit dem Thema. Er blickt vor dem Hintergrund von Nachhaltigkeit und Umweltschutz kritisch darauf, wie die Kommunen in den Landkreisen derzeit ihren Klärschlamm entsorgen. Denn dahinter steckt ein großes Logistiksystem. Viele Kommunen lassen ihren Schlamm von privaten Dienstleistern verwerten, deren Betriebe oft viele Kilometer von den kommunalen Kläranlagen entfernt sind. Die Stadtwerke Dachau lassen ihren Klärschlamm zur Zeit in den Schongau transportieren. In einem spezialisierten Unternehmen in Altenstadt wird der Klärschlamm verbrannt und dabei zumindest schon Phosphatgrundstoff rückgewonnen. Laut einer Studie, die Experten für die beiden Landkreise erstellt haben, entstehen in den Landkreisen Dachau und Fürstenfeldbruck 27 819 Tonnen Klärschlamm pro Jahr, davon entfallen jeweils 13 Prozent auf die Städte Dachau und Fürstenfeldbruck. Für die Entsorgung des Schlamms sind laut der Studie 1325 Lkw-Fahrten im Jahr nötig. Die Fahrdistanz beträgt 448 450 Kilometer pro Jahr, was einen Treibhausgas-Ausstoß von 443 Tonnen pro Jahr entspricht.

"Hoffentlich kommt bald eine Technik auf den Markt"

Die Gemeinde Karlsfeld geht einen anderen Weg. Sie transportiert ihren Klärschlamm schon lange nicht mehr in andere Gebiete. Auf dem Gelände des Klärwerks gibt es seit Langem eine Trocknungsanlage. Dort wird von Mai bis Oktober, solange die Sonne kräftig scheint, der Klärschlamm unter einem Foliendach getrocknet bis er nur noch ein kleines graues Häufchen ist. Dies wird dann zur Müllverbrennung nach Geiselbullach gebracht. Ein Leuchtturmprojekt, auf das die Karlsfelder stolz sind.

Für König liegen die Vorteile einer regionalen Klärschlammverwertung aus Gründen der Nachhaltigkeit und des Umweltschutzes auf der Hand. Zudem sagt er, würden die Kommunen die Kontrolle darüber verlieren, was mit dem Klärschlamm passiere, wenn sie externe Firmen beauftragen. In dem angedachten Modell eines Zweckverbandes hätten die Kommunen zwar die volle Verantwortung, dafür würden sie aber die Kontrolle gewinnen und könnten selbst entscheiden, sagt König.

Das große Problem ist laut König gleichwohl, dass bisher eine funktionierende Technologie fehlt. Auch Thomas Kreß (Grüne), Referent für Umwelt und Energie des Dachauer Stadtrats, sagte in der jüngsten Sitzung, dass noch überhaupt nicht klar sei, wie die technische Umsetzung ablaufen wird. "Hoffentlich kommt bald eine Technik auf den Markt."

Es gibt auch einen "Plan B"

Noch sucht man in der Fachwelt nach bezahlbaren Lösungen. Es gibt verschiedene Ansätze. Ein vielversprechender ist, den Klärschlamm zu verbrennen und den Rohstoff Phosphor aus der Asche zurückzugewinnen. Hier kommt die kommunale Abfallgesellschaft GfA in Geiselbullach bei Olching ins Spiel. Dort gebe es bereits einen Großteil der nötigen Infrastruktur, sagt König.

Die Idee ist, eine Trocknungsanlage auf dem Gelände der Müllverbrennung in Geiselbullach zu bauen. Der getrocknete Klärschlamm könnte dann in einem ersten Schritt in der bestehenden Müllverbrennung mitverbrannt werden, die entstehende Zusatzwärme könnte wiederum in der Trocknung genutzt werden, wie es in der Sitzungsvorlage des Dachauer Stadtrates heißt. In einem zweiten Schritt wären der Bau und der Betrieb einer Monoklärschlamm-Verbrennungsanlage vorgesehen, um langfristig die Möglichkeit zum Phosphorrecycling aus der Klärschlammasche zu schaffen. Nach Angaben der Stadtverwaltung würden sich die jährlichen Betriebskosten der thermischen Klärschlammbehandlung auf 2,3 Millionen Euro belaufen.

Für den Fall, dass sich in den nächsten Jahren keine funktionierende und wirtschaftliche Technik für Phosphorrecycling herauskristallisieren wird, gibt es laut König bereits einen "Plan B". Es wäre möglich, sagt König, den verbrannten Klärschlamm der Zweckverbandskommunen auf der Deponie in Jedenhofen bei Vierkirchen zwischenzulagern. Die Asche würde dann in Big Packs verpackt werden. Die Mülldeponie wäre dann eine Schatzkammer für Phosphor.

© SZ vom 03.07.2020
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