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Nachkommen von NS-Tätern:Förderverein verteidigt Veranstaltung

Das Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau.

(Foto: Toni Heigl)

Klaus Mai, Mitglied der Lagergemeinschaft Dachau, kritisiert ein Podiumsgespräch mit zwei Nachkommen von NS-Tätern. Der Holocaustüberlebende Ernst Grube und die Organisatoren widersprechen.

Das Podiumsgespräch mit zwei Nachkommen von NS-Verbrechern bei der Internationalen Jugendbegegnung in Dachau erregt weiter die Gemüter. Der Münchner SPD-Politiker und Historiker Klaus Mai hat in einem Leserbrief die beiden Referenten Katrin Himmler, Heinrich Himmlers Großnichte, und Niklas Frank, Sohn von Hans Frank, erneut heftig kritisiert. Er wirft Frank darin vor, sich als Anhänger der "Kollektivschuldthese" offenbart zu haben. Himmler dagegen habe versucht, ihre Familiengeschichte "publikumswirksam" zu präsentieren.

"Auf solche Veranstaltungen im Max-Mannheimer-Haus, die hauptsächlich wegen der immer noch klangvollen Namen Himmler und Frank ausgebucht waren, kann künftig getrost verzichtet werden", schreibt Mai, der im Vorstand der Lagergemeinschaft Dachau sitzt, einem Verbund aus KZ-Überlebenden, deren Angehörigen und Menschen, die sich dem Antifaschismus verbunden fühlen.

Ernst Grube widerspricht

Der Präsident der Lagermeinschaft, Ernst Grube, widerspricht Mai deutlich. "Aus persönlichen Gründen bin ich ganz anderer Meinung", sagt Grube, den die Nazis mit seinen Geschwistern und Mutter ins Ghetto Theresienstadt deportierten und dessen Verwandten sie ermordeten. Es sei ungeheuer wichtig, sich auch mit den Täter zu beschäftigen und Antworten auf die Frage zu suchen, wie und warum im Nationalsozialismus so viele Menschen zu Tätern wurden. Vor allem auch weil heutzutage wieder "kein geringer Teil der Bevölkerung" rechtes Gedankengut adoptiere, findet Grube. Vor diesem Hintergrund sei die Veranstaltung "sehr beeindruckend und hilfreich" gewesen.

Das Podiumsgespräch mit den Nachkommen von NS-Tätern hatte schon im Vorfeld für Aufregung in Dachau gesorgt. Nachkommen ehemaliger Dachauhäftlinge fühlten sich in Dachau wieder einmal in den Schatten öffentlicher Aufmerksamkeit gedrängt und kritisierten den Veranstalter, den Förderverein für Internationale Jugendbegegnung, die Nachfolgegenerationen der KZ-Opfer bei der Jugendbegegnung außen vor zu lassen, auch weil Biografien von Täternachkommen auf ein größeres öffentliches Interesse stoßen würden. Der Bundesverband für NS-Verfolgte solidarisierte sich mit den Mitgliedern der zweiten Generation von Opferfamilien. Der Förderverein wies die Kritik indes als falsch zurück.

Mehr als 100 Menschen besuchten die Veranstaltung im Max-Mannheimer-Haus, darunter Holocaustüberlebende, Nachkommen von ehemaligen Dachauhäftlingen und Referenten der KZ-Gedenkstätte. Die rege Diskussion zwischen Publikum und dem Podium legte hauptsächlich die Folgen einer größtenteils vermiedenen Auseinandersetzung der Deutschen mit ihrer NS-Familiengeschichte offen. Die Verstrickung der eigenen Eltern, Groß- oder Urgroßväter während der Nazizeit bleibt in vielen Familien bis heute ein blinder Fleck.

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Dagegen haben Katrin Himmler und Niklas Frank die Taten ihrer Familie erforscht und Bücher darüber geschrieben. Anders als andere Deutsche haben sie sich intensiv mit ihrer Familiengeschichte während der Nazizeit auseinandergesetzt. Während der Großteil des Publikums, darunter eine Reihe von Holocaustüberlebenden, die Veranstaltung als gelungen lobten, holte Klaus Mai in der Diskussion zum Rundumschlag aus. Er sprach von einer "netten Veranstaltung", die Himmler und Frank hauptsächlich dazu diene, ihre Bücher zu verkaufen. Diese würden einen "ungleichen Platzvorteil" genießen und die Opferperspektive in den Hintergrund drängen, ärgerte sich Mai, der Sohn eines KZ-Häftlings ist. Frank entgegnete, dass es Täter nie ohne die Opfer gebe. "Meine Wut kommt daher, dass die Opfer nicht wirklich berücksichtigt wurden."

Der Förderverein und der Kreisjugendring, welche die Internationale Jugendbegegnung in Dachau gemeinsam organisieren, verteidigen nun in Stellungnahmen die Konzeption des Podiumsgesprächs. Die vielen positiven Reaktionen auch von Holocaustüberlebenden hätten gezeigt, "dass auch die Perspektive auf die Täter und deren Familiengeschichten wichtige Einsichten liefert", so Andrea Heller, die Geschäftsführerin des Fördervereins. Sie bedauere, dass sich Nachfahren von NS-Verfolgten durch die Veranstaltung irritiert fühlten. "Im Hinblick auf die Zukunft wäre es wichtig, Spaltungen zu vermeiden, alle Seiten zu betrachten und sich gemeinsam gegen erstarkende antidemokratische und rechtsextreme Tendenzen zu engagieren." So ähnlich sieht das auch Ludwig Gasteiger, Geschäftsführer des Kreisjugendrings. Himmler und Frank seien zwei "sehr prominente Kämpfer für die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Diktatur". Gleichwohl räumt Gasteiger ein, dass der Untertitel der Veranstaltung "eventuell irreführend" gewesen sei und zu einer "unnötigen Schärfe" des Streits im Vorfeld geführt habe. Das Podiumsgespräch war überschrieben mit: "Die Nachfahren der Täter - Die Wirkung des Holocaust über Generationen."

Das Wort "Holocaust" hätte nicht in den Titel gehört

Auch der Vizepräsident der Lagergemeinschaft Dachau, Jürgen Müller-Hohagen, sagt, dass das Wort "Holocaust" nicht in den Titel gehört hätte. "Aber ansonsten hat die Veranstaltung sehr viele wichtige Themen in den Raum gestellt", sagt Müller-Hohagen, der das Podiumsgespräch als Zuhörer verfolgte. Genauso wie Ernst Grube, der eine "gelungene Veranstaltung" erlebt hat. Der Holocaustüberlebende findet es wichtig, dass die Perspektive der Opfernachkommen nicht an den Rand öffentlicher Aufmerksamkeit gedrängt werde. "Aber das schließt so eine Veranstaltung nicht aus, ganz im Gegenteil", sagt Grube.

Der 86-Jährige ärgert sich besonders über eine Falschbehauptung von Klaus Mai. Dieser hatte in seinem Leserbrief geschrieben, dass die Lagergemeinschaft den Abend im Max-Mannheimer-Haus mitfinanziert habe. Tatsächlich stimmt das nicht, auch Mai nennt das inzwischen eine "Falschmeldung". Grube findet zwar gut, dass Mai das klargestellt hat. Aber so ein Fehler dürfe ihm eigentlich nicht passieren, sagt Grube. "Wenn so etwas einmal in den Köpfen ist, ist es schwer, es wieder herauszukriegen."

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