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Jugendbegegnung:Veranstaltung mit Nachfahren von NS-Tätern sorgt für Irritationen

KZ-Gedenkstätte

Die zweite Generation will mehr Aufmerksamkeit an der Gedenkstätte.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Der Förderverein lädt Katrin Himmler und Niklas Frank, zwei Nachfahren von Nazitätern, zur Jugendbegegnung ein. Das verärgert die zweite Generation der NS-Opfer.

Als Inge Kroll zur Schule ging, erlebte sie, was es heißt, ausgegrenzt zu werden. Die anderen Kinder wurden vor ihr gewarnt. Jeder wusste, dass sie die "Tochter eines Kommunisten" ist, erzählt die 69-jährige Psychologin heute. Sie erinnert sich noch an eine Schulveranstaltung mit den Eltern. Dort setzte sich ein anderes Mädchen neben Inge Kroll. Es wollte damit seinen Vater ärgern, dem es nicht passte, dass seine Tochter neben der Tochter eines ehemaligen KZ-Häftlings saß.

Inge Kroll gehört zur zweiten Generation von Familien, die unter dem Naziregime verfolgt wurden. Die Nazis sperrten ihren Vater, Hans Kroll, als politischen Häftling ins KZ Dachau und trieben ihn 1945 kurz vor Kriegsende auf den Todesmarsch nach Bad Tölz, wo ihn amerikanische Soldaten befreiten. Diejenigen wie Hans Kroll, die Zuchthäuser und Konzentrationslager überlebten, und ihre Angehörigen wurden oft auch noch nach dem Krieg diffamiert und als "Nestbeschmutzer" beschimpft, während ehemalige führende Nationalsozialisten in der jungen Bundesrepublik Karriere machen konnten. Diese Erfahrung hat die Nachkommen der NS-Opfer geprägt. Als Kind habe sie sich für ihren Vater verantwortlich gefühlt, sagt Inge Kroll. "Er war ein teilgebrochener Mann, er rutschte immer wieder in Depressionen. Wir wollten ihn schützen und dem Überleben einen Sinn geben."

Irritationen über Veranstaltung mit Katrin Himmler und Niklas Frank

In Dachau fühlen sich nun Mitglieder der zweiten Generation von Opferfamilien wieder in den Schatten öffentlicher Aufmerksamkeit gedrängt. Auslöser ist ein Podiumsgespräch, das im Rahmen der Internationalen Jugendbegegnung am Sonntag, 4. August, im Max-Mannheimer-Studienzentrum stattfindet und unter dem Titel steht: "Die Nachfahren der Täter". Auf der Bühne sitzen Katrin Himmler, Heinrich Himmlers Großnichte, und Niklas Frank, der Sohn von Hans Frank, verantwortlich für den Massenmord an Juden und Polen. Niklas Frank und Katrin Himmler sollen in Dachau über "die Wirkung des Holocaust über Generationen" hinweg sprechen.

Darüber sind Nachkommen von Dachauüberlebenden mehr als irritiert. Sie fragen sich, warum Nachfahren der Täter ein Forum gegeben wird, während sie und ihre Perspektive außen vor gelassen werde. Josef Prölls Großvater und Onkel wurden in Dachau ermordet, weil sie als Kommunisten die Nazis bekämpften. Pröll, 1953 geboren, protestiert in einer "persönlichen Stellungnahme". Er kritisiert darin ausdrücklich nicht die beiden Referenten, sondern den Veranstalter, den Förderverein für Internationale Jugendbegegnung und Gedenkstättenarbeit. Pröll, der selbst in dessen Vorstand sitzt, schreibt, der Verein habe sich bisher "nicht einmal im Ansatz" mit der Perspektive der zweiten Generation der Opfer auseinandergesetzt. Er selbst habe immer wieder vorgeschlagen, während der Jugendbegegnung Nachkommen verschiedener Opfergruppen einzubeziehen. "Leider wurden Angehörige der zweiten Generation der deutschen Häftlinge nicht berücksichtigt."

Josef Pröll

Josef Pröll, sein Großvater wurde im KZ ermordet.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Pröll sagt, die Nachkommen der KZ-Häftlinge hätten es bisher nicht geschafft, sich in Dachau genügend Gehör zu verschaffen. "Die Schwierigkeit ist, dass man sich nicht mit der zweiten Generation auseinandersetzen will oder es nicht für nötig hält." Es sei für die Erinnerungsarbeit schon wichtig, sich mit den Tätern und deren Nachkommen zu beschäftigen. Doch die "Reihenfolge der Auseinandersetzung" ist ihm wichtig: "Gedenken ist in erster Linie eine Opfergeschichte."

Inge Kroll

"Die zweite Generation der Überlebenden des Nazi-Terrors muss die Erinnerung wach halten und erfahrbar machen, was es heißt, verfolgt zu sein"

Inge Kroll und andere Nachkommen von KZ-Häftlingen, aber auch der "Bundesverband für NS-Verfolgte haben sich mit Pröll solidarisiert. Der Kölner Verein veröffentlichte Prölls Brief auf Facebook und seiner Homepage unter der Überschrift "Unbequeme Nachkommen?". Geschäftsführer Jost Rebentisch gibt Pröll in allen Punkten recht. Auch er findet, dass zuerst den Angehörigen der Opfer und danach denen der Täter ein Forum gegeben werden sollte. Doch stattdessen beobachtet Rebentisch, dass sich in Deutschland diese Reihenfolge gerade umkehrt. "Die Perspektive der Opfer gerät aus dem Fokus, während die Perspektive der Täter dahinein rückt", sagt er. Rebentisch erklärt sich das so: "Wir sind im Land der Täter." Deshalb seien Täterbiografien für die Mehrheitsbevölkerung zugänglicher."

Von den meisten Deutschen würden Täterbiografien nicht als unbequem erlebt, sagt Pröll

Neben Katrin Himmler und Niklas Frank haben mehrere Nachkommen von NS-Tätern, beginnend schon in den Achtzigerjahren, ihre Familiengeschichte aufgeschrieben. Der Schriftsteller Ferdinand von Schirach etwa hat sich in einem Essay für den Spiegel mit seinem Großvater Baldur von Schirach befasst, dem ehemaligen Reichsstatthalter von Wien. Inge Kroll glaubt, es sei schick, Nachkommen von NS-Tätern ein Forum zu geben. Sie erklärt sich das öffentliche Interesse auch so, dass es in vielen deutschen Familiengeschichten "dunkle Flecken" gebe, aber nur wenige mit "schwarzen Flecken". Wer sich mit Täterbiografien auseinandersetze, könne Schuld von sich weisen, nach dem Motto: "So schlimm wie andere war meine Familie nicht." Auch Pröll schreibt in seinem Brief, Täterbiografien würden ein "fragliches Interesse" wecken. Sie seien "oft für Zuhörer leichter zu ertragen als die Erlebnisse von Verfolgten, die bei den meisten immer noch Schuldgefühle auslösen". Von den meisten Deutschen würden Täterbiografien nicht als unbequem erlebt. Die umstrittene Veranstaltung im Mannheimer-Haus war in kürzester Zeit ausgebucht.

Der Förderverein hat auf Prölls Kritik reagiert. Man bedauere, erklärt Andrea Heller, dass sich Angehörige der zweiten Generation durch die Veranstaltung übergangen fühlten. Weiter heißt es in der Stellungnahme des Vereins: Man bedauere aber auch, dass Pröll als Vorstandsmitglied seine Kritik "in Form einer öffentliche Kampagne" vorbringe, statt intern die Diskussion zu suchen. Prölls Vorwürfe würden nicht den Tatsachen entsprechen. Schließlich habe man in den vergangenen Jahren immer wieder Nachkommen von Opfern eingeladen, um mit den Jugendlichen über das Thema zweite Generation zu sprechen, teilt Andrea Heller mit. Grundsätzlich liege der Schwerpunkt der Vereinsarbeit seit Jahrzehnten auf der Zusammenarbeit mit Überlebenden. Es gebe Beschlüsse, den Fokus auf die Überlebenden zu richten, "so lange sie uns noch besuchen können". Deshalb stünden auch heuer die Überlebenden im Mittelpunkt der Jugendbegegnung. Das Podiumsgespräch mit Katrin Himmler und Niklas Frank sei nur ein Programmpunkt unter vielen. "Für nächstes Jahr ist das Thema zweite Generation bereits geplant."

Pressekonferenz

Andrea Heller ist Geschäftsführerin des Fördervereins.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Pröll entgegnet, dass Mitglieder der zweiten Generation zur Jugendbegegnung zwar eingeladen worden seien. "Aber da waren keine Deutschen dabei." Denn es geht ihm auch um die besondere Perspektive deutscher Opferfamilien, die nach dem Krieg zum Teil mit ihren Peinigern im gleichen Ort leben mussten und deren Kinder viele Nachteile in Kauf nehmen mussten.

Die KZ-Gedenkstätte Neuengamme bei Hamburg gilt als Vorbild für die Auseinandersetzung mit der zweiten Generation. Eine Ausstellung zeigt Video-Interviews mit Nachkommen von Opfern und Tätern. Seit zehn Jahren gibt es ein Seminarangebot, das sich im Kern um familiengeschichtliche Fragestellungen dreht. Zudem finden regelmäßig öffentliche Gespräche mit Nachkommen statt. Dabei berichten zum Beispiel Enkel und Urenkel von Verfolgten des NS-Regimes über die Weitergabe der Erinnerung in ihren Familien. Im Vergleich dazu ist das Angebot an der Gedenkstätte Dachau zum Thema zweite Generation überschaubar. Es gibt eine Veranstaltungsreihe, bei der Nachkommen von KZ-Häftlingen über ihre Erfahrungen sprechen.

Die Zeugen der Zeitzeugen

"Das Publikumsinteresse an den Veranstaltungen ist im Gegensatz zu Zeitzeugengesprächen mit KZ-Überlebenden leider noch sehr begrenzt", sagt Leiterin Gabriele Hammermann. Gleichwohl verweist sie auf das Comité International de Dachau und die Lagergemeinschaft (Vereinigung der deutschen Häftlinge und ihrer Nachkommen), die zu einem überwiegenden Teil aus Mitgliedern der zweiten und dritten Generation bestünden. Die Nachkommen seien eng mit der Gedenkstättenarbeit verbunden. "Sie sind in die Gremienarbeit involviert, sie gestalten Gedenkfeiern verschiedenster Art und mischen sich regelmäßig in die Debatten ein."

Die Kinder der Überlebenden sind Zeugen der Zeitzeugen. Ihre Erfahrungen dürften für die Erinnerungsarbeit in den nächsten Jahren bedeutender werden. Schließlich haben inzwischen die Überlebenden des Nazi-Terrors ein hohes Alter erreicht. Die zweite Generation müsse die Erinnerung wach halten und erfahrbar machen, "was es heißt, verfolgt zu sein", sagt Inge Kroll. Auch Rebentisch glaubt, dass die Nachkommen der Opfer künftig eine "ganz wichtige Rolle" spielen werden, gerade vor dem Hintergrund eines erstarkenden Rechtsextremismus. Rebentisch sagt: "Die Kindergeneration kann ihre eigene Geschichte erzählen."