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Dachauer Delegation in Jerusalem:Verteidigerin der Menschlichkeit

Delegation aus Dachau in Israel zur Feier v. Greta Fischer

Die Indersdorfer Heimatforscherin und Ausstellungsmacherin Anna Andlauer. Das Bild auf der Leinwand zeigt Greta Fischer in jungen Jahren.

(Foto: Claudia Schlemmer)

In Indersdorf kümmerte sich Greta Fischer um die Kinder von Holocaust-Opfern. Bei einem Festakt im Jerusalemer Hadassah-Krankenhaus, wo sie ebenfalls Pionierarbeit leistete, wird sie an ihrem 110. Geburtstag gebührend gefeiert

Die 40 Gäste aus dem Landkreis Dachau haben sich auf der Bühne im Saal des Hadassah Medical Centers aufgereiht, dessen Turm zwischen den Hügeln Jerusalems in den Himmel sticht. Sie singen ein Lied, das Antje Prigge, Lehrerin an der Greta-Fischer-Schule Dachau, für diesen besonderen Tag gedichtet hat, das "Greta-Fischer-Schullied". Die letzte Strophe ist auf Englisch, sodass die etwa 100 Anwesenden im Saal des Krankenhauses zusammen singen können. Im Text heißt es: "Sie knüpfen miteinander, Shalom, ein Friedensnetz ..., ein Greta-Fischer-Netz." Es ist ein Geburtstagslied.

Am Sonntag wäre Greta Fischer 110 Jahre alt geworden. Sie war Sozialarbeiterin im Kinderzentrum Indersdorf, das die Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen (UNRRA) nach dem Krieg im Kloster Indersdorf eingerichtet hatte. Sie kümmerte sich um traumatisierte Waisenkinder, deren Eltern von den Nazis in Konzentrations- und Zwangsarbeiterlagern ermordet worden waren. Später hat sie sich in Israel als "Mutter der Sozialarbeit" einen Namen gemacht. Zu ihrem 110. Geburtstag findet im Hadassah-Krankenhaus, wo Fischer in den Sechzigern eine Abteilung für Sozialarbeit gründete, ein Festakt statt. Mit dabei sind eine Delegation aus Markt Indersdorf und der Greta-Fischer-Schule Dachau, aber auch ehemalige Mitarbeiterinnen Greta Fischers sowie Vertreter des Krankenhauses und der deutschen Botschaft. Sie alle halten an diesem Tag die Erinnerung an eine bemerkenswert couragierte und energische Frau wach: Greta Fischer. 1988 starb sie in Israel.

Die Gemeinde Markt Indersdorf hat sie kürzlich posthum zur Ehrenbürgerin ernannt. Indersdorfs Bürgermeister Franz Obesser steht am Rednerpult und sagt: "Vor 75 Jahren war Greta Fischer eine Einwohnerin von Indersdorf. Als Bürgermeister und im Namen des Gemeinderates sage ich Ihnen: Wir sind sehr stolz darauf." Estelle Rubinstein ist die Direktorin der heutigen Sozialarbeitsabteilung, zu der inzwischen mehr als 65 Mitarbeiter gehören. "Greta Fischer ist nicht vergessen. Nicht in Indersdorf und nicht in Jerusalem", sagt sie.

Delegation aus Dachau in Israel zur Feier v. Greta Fischer

Estelle Rubinstein führt ihr Werk als Direktorin der Sozialarbeitsabteilung am Hadassah-Krankenhaus fort.

(Foto: Claudia Schlemmer)

Die Historikerin Anna Andlauer hat die Geschichte des ehemaligen Kinderheims von Indersdorf und damit auch von Greta Fischer erforscht. Zusammen mit dem Heimatverein Indersdorf hat sie die Ausstellung "HaChaim SheAchare"/"Das Leben danach" über die Nachkriegszeit im Kloster konzipiert. Diese wurde vor fast genau einem Jahr in der Universität in Tel Aviv eröffnet und seitdem an mehreren Orten in Israel gezeigt. Jetzt ist sie zum letzten Mal im Hadassah-Krankenhaus zu sehen, der ideale Platz, um die Ausstellung zu beenden, wie sie hier finden. Schließlich würden sich die Mitarbeiter der Sozialarbeitsabteilung in ihrer alltäglichen Arbeit mit den Patienten auch heute noch an den Werten und Prinzipien Greta Fischers orientieren, so Rubinstein. Auf einem Bild der Ausstellung ist auch Chain Rechter als kleiner Junge zu sehen. Er lebte als Kind mit seinem Bruder im Kloster. Der heute 83-Jährige erinnert sich an Greta Fischer. "Sie war sehr nett und hat uns alles gegeben, was wir brauchten", sagt er. Er ist stolz, dass die Ausstellung jetzt noch einmal im Hadassah zu sehen ist. Es sei wichtig zu zeigen, "dass wir immer noch hier sind".

Delegation aus Dachau in Israel zur Feier v. Greta Fischer

Die 74-Jährige Chaya Harel hat noch persönlich mit Greta Fischer zusammengearbeitet

(Foto: Claudia Schlemmer)

Anna Andlauer steht auf der Bühne und erzählt, wie Greta Fischer zur Pionierin in der Sozialarbeit wurde. Der hohe Stellenwert der Sozialarbeit in Israel, das sei Fischers Vermächtnis, sagt Andlauer. Sie zeigt Videoaufnahmen mit Greta Fischer und Fotos, auf denen Fischer mit ihren ehemaligen Mitarbeiterinnen zu sehen ist. Eine davon ist Chaya Harel. Die 74-Jährige sagt, für Greta Fischer seien zwei Werte besonders wichtig im Umgang gewesen: "Respekt und Würde".

Diese Werte will man Kindern auch an der Greta-Fischer-Schule in Dachau näher bringen. In dem Sonderpädagogischen Förderzentrum, das 2011 nach Greta Fischer benannt wurde, unterstützen die Lehrer die Schüler ganz individuell und helfen ihnen, ihr Selbstwertgefühl aufzubauen. Die ehemalige Konrektorin Irma Wilfurth erzählt beim Festakt, dass an der Schule jedes Jahr Greta Fischers Geburtstag gefeiert werde. Dabei würden Schüler dazu angehalten sich zu fragen, wie sie die Ideale Gerechtigkeit, Respekt, Ehrlichkeit, Toleranz und Akzeptanz, kurz "GRETA", in ihr alltägliches Leben einbinden könnten. Rektorin Viktoria Spitzauer hat ein Gastgeschenk für das Krankenhaus mitgebracht, ein Porträt von Greta Fischer, das der Dachauer Künstler Heribert Spitzauer gemalt hat. Man könne darin Greta Fischers "Power und ihren Mut" sehen, sagt sie. Bernhard Schulz von der deutschen Botschaft in Israel zeigt sich von der Schule sehr beeindruckt. Die Einrichtung halte die Erinnerung an Greta Fischer lebendig und adaptiere das, wofür sie gestanden habe, auf die heutige Zeit. So ähnlich sieht das auch Kerstin Radler, die kulturpolitische Sprecherin der Freien Wähler im Landtag. Sie sagt, es sei besonders wichtig, Schülern beizubringen, offen und tolerant zu sein für unterschiedliche Sicht- und Lebensweisen. So würden aus Schülern jungen Menschen, "die aufstehen gegen aufkommende rechtsextremistische und antisemitische Strömungen".

An diesem Nachmittag kommt auch Greta Fischer selbst zu Wort. Ein Video flimmert über die Leinwand. Greta Fischer ist dort zu sehen und sie sagt, dass sie eigentlich schon immer mit Kindern arbeiten wollte. Sie wird gefragt, ob sie der Sozialarbeit mit Kindern ihr Leben gewidmet habe. "Ja", sagt Greta Fischer. "Es ist nicht der schlechteste Lebensweg."

© SZ vom 21.01.2020
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