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Neue Markt Indersdorfer Ehrenbürgerin:Mutter der Sozialarbeit

Greta Fischer

Greta Fischer (rechts) versuchte bei ihrer Arbeit den individuellen Bedürfnissen jedes einzelnen Kindes gerecht zu werden.

(Foto: oh)

An ihrem 110. Geburtstag wird Greta Fischer posthum zur Ehrenbürgerin von Indersdorf ernannt. Zum Festakt reist eine Dachauer Delegation nach Israel

Ihr Wirken im Kloster Indersdorf ist unvergessen. Greta Fischer setzte sich nach dem Zweiten Weltkrieg für traumatisierte Kinder ein, die ihre Eltern durch den Holocaust verloren hatten. Die 1988 in Israel gestorbene Jüdin gilt bis heute als Pionierin der Sozialarbeit. Jetzt wurde ihr humanitäres Engagement posthum gewürdigt: Die Gemeinde Markt Indersdorf hat Greta Fischer zur Ehrenbürgerin ernannt. Dies beschloss der Gemeinderat in der letzten nicht öffentlichen Sitzung des vergangenen Jahres. Die offizielle Ehrung findet am 19. Januar bei einem Festakt zum 110. Geburtstag von Greta Fischer in Jerusalem statt. Aus diesem Anlass wird eine Delegation aus dem Landkreis Dachau nach Israel reisen.

Der Anstoß für die posthume Ehrung kam von der Heimatforscherin Anna Andlauer. Sie hatte an den Indersdorfer Gemeinderat den Antrag gestellt, Greta Fischer die Ehrenbürgerwürde zu verleihen. Das gab Bürgermeister Franz Obesser (CSU) auf der Weihnachtsfeier des Gemeinderats bekannt. Zu den Gästen gehörte auch Anna Andlauer. "Die Ehrung wird bei dem Festakt eine tolle Überraschung", freute sich die Heimatforscherin bei der Weihnachtsfeier. Sie hat sich intensiv mit der Arbeit Greta Fischers auseinandergesetzt. Franz Obesser berichtete über deren Leben und Wirken in Indersdorf.

Greta Fischer wurde 1910 als jüngstes von sechs Kindern einer jüdischen Familie im heutigen Tschechien geboren. Um der nationalsozialistischen Verfolgung zu entgehen, wanderte sie im Mai 1939 nach London aus. Ihre Eltern wurden 1943 Opfer des Holocaust. Während des Zweiten Weltkriegs war sie in London im Umkreis von Anna Freud, die zu jener Zeit eine Mitbegründerin der Traumatherapie für Kinder war. Im Mai 1945 meldete sich Greta Fischer bei der UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration), um am Wiederaufbau Europas mitzuwirken. In München erhielten die jüdische Sozialpädagogin und ihr Team den Auftrag der 3. US-Armee, die jungen Überlebenden der Konzentrations- und Zwangsarbeiterlager zu sammeln und eine erste beschützende Umgebung für sie einzurichten. Diesen Auftrag erfüllten Greta Fischer und ihr Team von Juli 1945 bis Juli 1946 im Kloster Indersdorf, anschließend auch in Prien am Chiemsee. 1948 wanderte sie mit hundert jungen jüdischen Überlebenden nach Kanada aus. In den 1960er Jahren setzte Greta Fischer ihr humanitäres Wirken in Israel fort. Am Hadassah-Krankenhaus in Jerusalem gründete und leitete sie die Abteilung Sozialarbeit.

"Sie hatte eine Vision und eine Mission"

Während ihrer Zeit im Kloster Indersdorf setzte sich Greta Fischer dafür ein, dass die durch den Holocaust und Krieg entwurzelten, verwaisten und traumatisierten Kinder mit dem Nötigsten versorgt wurden. "Sie hatte in Indersdorf für die Krisenintervention bei traumatisierten Kindern ein klares Konzept entwickelt", weiß Anna Andlauer aus ihrer Forschungsarbeit. Fischer war davon überzeugt, dass menschliche Zuwendung heilen kann. Ihr Prinzip bestand darin genau hinzuschauen, Menschen wahrzunehmen und so ihren individuellen Bedürfnissen gerecht zu werden. Das forderte sie auch von ihren Mitarbeitern. "Sie hat ganzheitlich und interdisziplinär gewirkt", sagt Andlauer. "Sie erkannte, dass die psychische Seite genau so wichtig wie die medizinische ist." Im Hadassah-Krankenhaus in Jerusalem bildete sie in multidisziplinären Teams Sozialarbeiterinnen für die Betreuung behinderter Menschen, Demenzkranker oder Krebspatienten aus.

Ihre Erfahrungen aus der Arbeit mit den Überlebenden im Kloster Indersdorf ließen sie ihr Leben lang nicht mehr los. Immer wieder, so Andlauer, habe Greta Fischer gefordert: "Die Geschichte der Kinder vom Kloster Indersdorf muss erzählt werden, ihr unglaublicher Überlebenswille." Greta Fischer habe wesentlich dazu beigetragen, die Nachkriegszeit im Kloster Indersdorf in aller Welt bekannt zu machen. In Israel gelte sie bis heute als "Mutter der Sozialarbeit". Dort werde sie von den vielen Menschen, die sie im humanitären Wirken inspiriert und begleitet hat, hoch verehrt. "Sie hatte eine Vision und eine Mission", so Andlauer. "Das beispiellose Wirken von Greta Fischer verdient unseren größten Respekt und Anerkennung und ist Teil unserer Geschichte", begründete Bürgermeister Obesser die Ernennung zur Ehrenbürgerin.

Die Fotos wurden 1946 im Kloster Indersdorf aufgenommen.

(Foto: Toni Heigl)

Am 18. Januar fliegt eine Dachauer Delegation nach Israel, der neben Anna Andlauer und Franz Obesser auch einige Indersdorfer Gemeinderäte angehören. Mit dabei wird auch Viktoria Spitzauer sein, Leiterin des Sonderpädagogischen Förderzentrums Dachau. 2011 wurde es in Greta-Fischer-Schule umbenannt. Am Sonntag, 19. Januar, findet der Festakt im Hadassah-Krankenhaus in Jerusalem statt. Dort wird auch in hebräischer Sprache die Ausstellung "Das Leben danach" zu sehen sein, die sich mit dem Schicksal der Kinder aus dem Indersdorfer Kloster befasst. Anna Andlauer hofft, dass die politische Entwicklung im Nahen Osten der Dachauer Reisegruppe keinen Strich durch die Rechnung macht. "Wenn das Auswärtige Amt eine Warnung rausgibt, wird die Reise wohl abgesagt."

Geschichte Verteidigerin der Menschlichkeit

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