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Dachauer KZ-Überlebender Stanislav Zámečník:"Die Erinnerung war seine Lebensaufgabe"

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Stanislav Zámečník überlebte das Konzentrationslager Dachau.

(Foto: Förderverein für internationale Jugendbegegnung)

Das Gesicht von Stanislav Zámečník wird bis Ende Mai auf Plakaten im Stadtgebiet zu sehen sein. Wie viele andere war er als KZ-Häftling ein Dachauer auf Zeit.

Stanislav Zámečník kommt am 22. Februar 1941 in Dachau an. Er ist 18, als ihn die Nazis in das Konzentrationslager sperren. Seine Häftlingsnummer: 23 947. Er arbeitet als Pfleger im Krankenrevier des Lagers. Ohne Rücksicht auf sein eigenes Leben beschafft er Medikamente für todkranke und von grausamen medizinischen Experimenten gezeichnete Häftlinge. Zudem versteckt er Menschen, welche auf Anordnung ermordet werden sollen.

Vier Jahre später erlebt er, wie in den späten Nachmittagsstunden des 29. April 1945 amerikanische Soldaten das KZ Dachau befreien. Zámečník verlässt Dachau und kehrt in seine Heimat zurück. Er schreibt sich an der Prager Karls-Universität ein. Sein Studienfach: Geschichte.

"Man konnte sie sehen, die KZler"

75 Jahre nach der Befreiung des KZ wird Stanislav Zámečník nun sichtbar werden in der Dachauer Stadtgesellschaft. Das Porträt des Historikers, der am 22. November 2011 in Prag starb, wird ab Mittwoch bis Ende Mai an Litfaßsäulen in der ganzen Stadt zu sehen sein, insgesamt werden 30 Plakate mit Zámečníks Gesicht aufgehängt. Damit startet der Förderverein für Internationale Jugendbegegnung und Gedenkstättenarbeit anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung des KZ Dachau die Plakataktion "Für eine Zeit Dachauer".

Von nun an soll jeden Monat jeweils ein Porträt eines ehemaligen KZ-Häftlings in Dachau plakatiert werden. Insgesamt sind es zwölf Porträts. "Die zwölf Menschen auf den Plakaten sollen so Teil der Dachauer Öffentlichkeit werden, für jeden sichtbar, jeden Vorbeikommenden zum Nachdenken anregen", teilt der Förderverein mit. Sie stünden stellvertretend für die mehr als 200 000 Häftlinge im KZ Dachau. Sie seien damals nicht im Einzelnen wahrgenommen worden, niemand habe ihre Namen oder ihre Geschichte gekannt. "Aber sie waren sichtbar. Sie arbeiteten auch außerhalb des Lagers, für die SS, für Firmen, für Bauern. Man konnte sie sehen, die KZler." Dies seien Menschen gewesen, "die hier nicht zu Hause waren, deren Heimat kleine italienische, polnische, ukrainische, russische oder französische Dörfer, Städte waren. Die als Jugendliche eigene Träume und Lebenspläne hatten und durch Krieg und Gewaltherrschaft der Nazis verschleppt in das Konzentrationslager Dachau kamen. So wurden sie für unterschiedlich lange Zeit Dachauer."

Diese Plakataktion hat es in Dachau schon einmal gegeben

Diese Plakataktion hat es in Dachau schon einmal gegeben: 2005 stellte der Förderverein Porträts von ehemaligen KZ-Häftlingen im öffentlichen Raum aus. Eine Initiativgruppe rund um den Grafiker Bruno Schachtner stellt nun eine Neuauflage von "Für eine Zeit Dachauer" auf die Beine. Die Fotografien stammen von Schwester Elija Boßler aus dem Karmelkloster Heilig Blut. Sie hat die Überlebenden in den vergangenen Jahrzehnten persönlich kennengelernt und fotografiert. Bruno Schachtner gestaltete die Plakate. Er hat zusammen mit Barbara Distel, der ehemaligen Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, die Porträts ausgewählt. Die Stadt Dachau bezuschusst die Aktion.

Die Plakatreihe startet mit Stanislav Zámečník. Der tschechische Historiker hat laut Förderverein mit seinem Buch "Das war Dachau" (erschienen 2002) eine der wichtigsten Zusammenfassungen über das KZ Dachau verfasst. Stanislav Zámečník wird am 12. November 1922 in der mährischen Kleinstadt von Nivnice geboren. Als 17-Jähriger schließt er sich nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht dem tschechischen Widerstand an. Ende 1939 wird er verhaftet, aber es gelingt ihm, aus dem Gefängnis zu fliehen. Bei dem Versuch, das Land zu verlassen, nehmen ihn jedoch deutsche Truppen gefangen. Nach der Inhaftierung in mehreren Gefängnissen deportieren ihn die Besatzer durch die Gestapo in Wien in das Konzentrationslager Dachau.

Nach der Befreiung geht Zámečník zurück in seine Heimat. Er heiratet und gründet eine Familie. Als Historiker forscht er ab 1960 über den tschechischen Widerstand während des Zweiten Weltkrieges sowie über die Geschichte des Konzentrationslagers Dachau. 1968 engagiert er sich gemeinsam mit Überlebenden der Konzentrationslager im Prager Frühling, wo er sich für mehr Demokratie und Freiheit und einen "Sozialismus mit menschlichem Gesicht" einsetzt, heißt es in der Mitteilung des Fördervereins, der Zámečníks biografische Daten zusammengetragen hat. Nach der Niederschlagung des Aufstandes erhält er Berufsverbot und muss im Straßenbau arbeiten. Auch seine Familienmitglieder sind betroffen: Seinem Sohn wird eine Ausbildung als Pilot untersagt, und seine Tochter muss nach Italien emigrieren. Gegen Ende der Achtziger kann er heimlich an seinen historischen Forschungen weiterarbeiten. "Das gelingt dank der Hilfe von Barbara Distel, der damaligen Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, die ihm kontinuierlich einschlägige Literatur und gedruckte Quellen zukommen lässt", berichtet der Förderverein. "Eine tiefe Freundschaft verbindet Stanislav Zámečník und Barbara Distel während mehr als 45 Jahren."

Erinnerung als Lebensaufgabe

Erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion kann Stanislav Zámečník offiziell seine geschichtlichen Forschungen wiederaufnehmen. Als Mitglied des Wissenschaftlichen Fachbeirats zur Neukonzeption der KZ-Gedenkstätte und der Dauerausstellung gibt er Impulse, beteiligt sich an der Erarbeitung des Katalogs der Dauerausstellung sowie an jahrelangen Recherchen für die Erstellung des "Gedenkbuches für die Toten des Konzentrationslagers Dachau".

1991 wird er tschechischer Delegierter bei der Generalversammlung des Internationalen Lagerkomitees Dachau (CID). Der Förderverein schreibt: "Die Erinnerung an das KZ Dachau und an die dort Ermordeten waren seine zentrale Lebensaufgabe."

© SZ vom 21.04.2020

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