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Führerschein:Schon der dritte Kaltstart

Fahrschülerin

Sofie W. und ihr silberner Fiesta. Sie wartet, bis sie ihn fahren kann. In der Coronakrise konnte sie ihren Führerschein noch nicht machen.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Ein Auto hat Sofie W. schon lange, doch in der Pandemie musste sie mehrmals ihre Fahrausbildung unterbrechen. Viele junge Menschen stecken seit Monaten in einer solchen Situation fest, die nicht nur sie selbst belastet.

Von Benjamin Emonts, Dachau

Vor Sofies Haustür wartet seit Monaten ein silberner Fiesta, den ihr die Eltern zum 18. Geburtstag geschenkt haben. Es könnte so einfach sein: Sie müsste bloß rausgehen, einsteigen und losfahren, wohin sie auch will. Das Problem jedoch ist: Die 18-Jährige hat immer noch keinen Führerschein. Seit bald eineinhalb Jahren versucht sie ihn zu bekommen, doch die Corona-Pandemie stellt sich wie ein Stoppschild in ihren Weg. Erst fiel der Unterricht im ersten Lockdown aus, dann war sie als Kontaktperson mehrfach in Quarantäne und zuletzt mussten die Fahrschulen wieder schließen. Für Sofie W. fühlt sich das alles inzwischen so beschwerlich an wie eine Weltreise zu Fuß. "Es nervt mich ziemlich", versichert sie.

Tausende andere junge Menschen in Bayern teilen dieses Gefühl, sind "genervt", seit das Coronavirus auch die Fahrschulautos zum Stehen gebracht hat. Lediglich zwischen den Lockdowns waren Theorie- und Praxisunterricht unter strengen Hygieneregeln im Freistaat erlaubt. Im Landkreis Dachau mussten die Fahrschulen das zweite Mal schließen, als Anfang Dezember der Inzidenzwert von 200 überschritten worden war. Keine zwei Wochen später verhängte die Staatsregierung den zweiten Lockdown, worauf alle Hoffnungen auf eine baldige Wiedereröffnung verpufften. Erst an diesem Montag schaltet die Ampel wieder auf grün: Unter strengen Hygieneregeln dürfen die Fahrschulen ihre Arbeit wieder aufnehmen.

Für Sofie geht dann alles wieder von vorne los - zur leisen Vorfreude gesellt sich ein mulmiges Gefühl. Es ist bereits ihr dritter Kaltstart nach Wochen des Wartens. Gleich am Dienstag hat sie ihre fünfzehnte Fahrstunde. Auch ohne Corona war die Situation für sie nicht leicht. Weil ein guter Freund als Fahranfänger tödlich verunglückt ist, musste sie lange überlegen, ob sie überhaupt einen Führerschein machen soll. "Ich hatte Angst vor dem Autofahren", sagt sie. Bereits ohne so traumatische Vorerfahrungen stellt die Fahrschule für viele Menschen eine große Herausforderung und Drucksituation dar. Es ist eine Fahrt ins Unbekannte, in der man sich manchmal vom Straßenverkehr, Fahrlehrern, Eltern und Freunden umzingelt fühlt. "Hoffentlich stelle ich mich nicht so doof an." Oder: "Was, wenn ich die Prüfung nicht schaffe?" Solche Gedanken kennt Sofie. Und viele Autofahrer gewiss auch, wenn sie an ihre Fahrschulzeit zurückdenken.

Die Pandemie lässt den Druck auf Fahrlehrer und Schüler noch deutlich wachsen. Mit zunehmender Fahrzeit sollten sie eigentlich so etwas wie Routine lernen und sich einspielen mit dem Auto und ihrer Umgebung. Um praktische Erfahrung zu sammeln, gibt es keine Alternative zu den Fahrstunden, die nun wochenlang nicht stattfinden konnten. Vor dem Neustart macht sich Sofie Sorgen, dass sie vieles verlernt haben könnte, was sie sich in den Fahrstunden und einer bereits bestandenen Theorieprüfung erarbeitet hat. "Ich brauche mit Sicherheit noch einige Übungsfahrten, um wieder reinzukommen", befürchtet sie deshalb. "Schon nach dem ersten Lockdown hat sich alles sehr ungewohnt angefühlt."

Noch dazu schwebt über allem das Problem mit den Kosten. Bereits jetzt hat Sofie von ihrem bescheidenen Azubi-Gehalt und mit Hilfe der Eltern 2000 Euro für ihren Führerschein ausgegeben, jede weitere Sonderfahrt schlägt ins Kontor. Seit diesem Jahr, das kommt noch hinzu, dauert die praktische Prüfung 55 statt 45 Minuten. Sofie erzählt dies, weil sie solche Dinge beschäftigen. Für höhere Gebühren bekommt sie nun mehr Zeit, um Fehler zu begehen. Kein guter Deal, findet sie.

Die Fahrschulen stellen sich unterdessen auf den großen Ansturm nach der Zwangspause ein - vielerorts befürchten sie einen regelrechten Stau, weil jetzt alle gleichzeitig ihren Schein machen wollen. Weil der Andrang so groß ist, wurde Sofie eine neue Fahrlehrerin zugewiesen, auf die sie sich erst einstellen muss. Auch das macht ihr Gefühl nicht besser. Ihr voriger Fahrlehrer Stefan Gschwandtner, der seit zwölf Jahren die Fahrschule Eder in Dachau betreibt, muss jedoch umplanen, um die ganze Arbeit bewältigen zu können. Mit seinen fünf Mitarbeitern muss er derzeit 150 Fahrschüler betreuen. Organisatorisch ist das eine Mammutaufgabe. Wegen der Abstandsregeln bringt er im Theorieunterricht pro Gruppe nur mehr ein Drittel der ursprünglichen Schülerzahl unter, aus einem Kurs wurden drei, statt zwei Mal gibt es sechs Mal die Woche Unterricht. Im Auto müssen FFP2-Masken getragen werden, nach jeder Stunde muss das Auto gründlich desinfiziert werden.

Fahrschulen im Südwesten fordern baldige Öffnung

Die Fahrschulautos stehen im Lockdown still. Die Schulen stehen vor enormen Problemen.

(Foto: Swen Pförtner/dpa)

All das kostet Zeit und Geld. Wirtschaftlich habe die Pandemie seinem Betrieb schwer zugesetzt, sagt Gschwandtner, die staatlichen Hilfen reichten bei weitem nicht aus. Er habe mehrere Kredite aufgenommen, um seinen Betrieb am Leben zu halten. Einige der staatlichen Vorgaben seien schwer nachvollziehbar für ihn. Doppelstunden beispielsweise seien derzeit untersagt, was den Effekt habe, dass die Lehrer deutlich mehr Schülern pro Tag begegnen. "Aus Infektionssicht macht das keinen Sinn", sagt er. Verärgert war er auch, dass der Freistaat erst vor knapp drei Wochen als letztes Bundesland Online-Theorieunterricht erlaubt habe. Die Anforderungen, um eine entsprechende Genehmigung zu erhalten, seien enorm. Gschwandtner müsste erheblich in Soft- und Hardware investieren und sich Unterrichtskonzepte überlegen. Er ließ es sein. Denn jetzt, da die Schulen wieder öffnen dürfen, sei der Online-Unterricht wieder untersagt.

Doch nicht nur Schülern und Fahrlehrern setzt die Ausnahmesituation schwer zu - anstrengend ist sie auch für Sofies Mitmenschen. Die 18-Jährige lebt noch bei ihren Eltern in einem Dorf namens Egenburg am Rande des Dachauer Landkreises - die Anbindung an den ÖPNV in dieser Region könnte besser sein, um es milde zu formulieren. Zu ihrem Ausbildungsplatz in Dachau fährt Sofie jeden Tag eine Stunde lang mit dem Bus, der Vater holt sie abends ab und nimmt einen Umweg dafür in Kauf. Für Einkäufe oder Schwesterbesuche muss sie ihren Freund jedes Mal bitten. "Alle sind schon genervt", sagt Sofie.

Umso quälender ist der Blick auf die Straße, auf ihr wartendes Auto. Sofie hat ihren Humor zum Glück nicht verloren. Obwohl der Wagen nur herumsteht, habe er auf mysteriöse Weise einen "fetten Kratzer" und eine Delle abbekommen, erzählt sie und grinst. Auch der Marder sei schon zu Besuch gewesen und habe ein paar Kabel gefrühstückt. Sofie hat ihr Auto bislang nur geputzt, sie hat Musik und das Handschuhfach eingerichtet.

Doch wenn nichts dazwischen kommt, kann sie bald den Zündschlüssel umdrehen und losfahren. Das Ziel für ihre erste Fahrt kennt sie bereits: Mit ihren Cousins soll es zu einem Fast-Food-Restaurant in der Nähe gehen.

© SZ vom 22.02.2021/sim
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