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Dachau:Mit Unternehmergeist durch die Krise

Mitten in der Pandemie hat Ina Fetsch ihr Pilates-Studio in Dachau eröffnet. Damit liegt sie im Landkreis-Trend: Die Zahl der Gewerbeanmeldungen ist 2020 deutlich gestiegen. Um riskante Start-Ups geht es dabei selten.

Von Viktoria Hausmann, Dachau

Bei Ina Fetsch sehen Pilates-Übungen ganz einfach aus. Mit leichten, fließenden Bewegungen hebt sie nur die Schultern von der Matte und zieht die Arme nach oben. Fast wie ein Motor, dessen Zylinder sich auf und ab bewegen. Der Oberkörper, der zusammen mit dem Beckenboden das sogenannte Power House bildet, bleibt vollkommen reglos, aber angespannt. Fetsch ist seit 2016 zertifizierte Pilates-Trainerin. Im vergangenen Jahr hat sie das Studio "Raum 8" in Dachau eröffnet. Die 39-Jährige ist eine von 1418 Gründerinnen und Gründern, die 2020 im Landkreis Dachau ihr eigenes Gewerbe angemeldet haben. Das sind laut Industrie- und Handelskammer 11,6 Prozent mehr als 2019. Außerdem habe es im Coronajahr 2020 mehr Betriebsübergaben gegeben. Für das laufende Jahr gibt es noch keine verlässlichen Zahlen.

"Ich war schon immer irgendwie auf der Suche und wollte was Eigenes haben", erzählt Fetsch. "Schon vor Corona dachte ich, das Leben kann nicht einfach so die nächsten zehn Jahre vor sich hinplätschern." Schon als sie mit ihrem Mann nach dem Studium durch Südamerika reiste, träumte sie vom eigenen Geschäft. Dann kamen ihre drei Kinder. Fetsch blieb daheim. Ihr Mann machte Karriere.

Anfang 2020 war die Suche vorbei: In ihrem Wohnhaus wurde ein großer Raum im Erdgeschoss frei. "Innerhalb von zwei Tagen musste ich mich entschließen, ihn zu nehmen oder nicht, und er war einfach perfekt dafür," sagt Fetsch begeistert. Eigentlich wollte sie im April "voll durchstarten". Kaum war der Vertrag unterschrieben, kam Corona. Doch Fetsch ließ sich dadurch nicht von ihrer Idee abbringen. Sie bot ihre Kurse online an.

Jetzt kann's losgehen. Ina Fetsch hat sich in der Pfarrstraße in Dachau ihren Traum vom eigenen Pilatesstudio erfüllt. Ihren treuen Kundenstamm hat sie sich schon in den Monaten davor aufgebaut.

(Foto: Toni Heigl)

Johann Liebl, Leiter der Abteilung Kreisentwicklung, Wirtschaftsförderung und Klimaschutz des Landratamtes Dachau, sieht die stabilen Arbeitsmarktzahlen als Hinweis auf sinnvolle, beständige Unternehmensgründungen: "Es ist völlig normal, dass in Krisenzeiten mehr Unternehmen gegründet werden. So etwas häuft sich, wenn die Arbeitslosigkeit steigt," sagt Liebl. "Oft wird dann auch kurzfristig etwas nicht richtig durchdacht. Dass die Zahlen in Dachau so niedrig sind, weist darauf hin, dass hier pfiffige, gutinformierte Unternehmer etwas gründen." Im vergangenen Jahr ist die Arbeitslosigkeit im Landkreis nur um ein Prozent gestiegen. Auf insgesamt drei Prozent: "Das Positive ist, dass wir dank Kurzarbeit und Neugründungen nur ganz wenig Arbeitslosigkeit haben. Sonst hätten wir vor allem im Handel, Gastronomiegewerbe und Hotelfach stark ansteigende Zahlen," sagt Liebl.

An der Wand von Fetschs Studio steht auf einem Plakat in großen Lettern "Don't quit". Gib niemals auf. Schon vor 2020 war sie selbständig. Gab zusammen mit Hebammen Rückbildungskurse. "Das hat ursprünglich als Hobby angefangen. Ich gab ein paar Müttern, die ich über die Schule und den Kindergarten kannte, Tipps, wie sie besser trainieren können," erzählt Fetsch. Dadurch konnte sie sich in den vergangenen Jahren einen Kundenstamm aufbauen, der aktuell mit ihr online trainiert. Dazu gehören etwa junge Mütter, die ihre Baby-Kilos loswerden wollen, sportbegeisterte Mädchen und ältere Menschen, die fit und beweglich bleiben möchten.

1338 Unternehmen

So viele Betriebe wurden im vergangenen Jahr erstmalig im Landkreis angemeldet. Bei der Anmeldungen von Gewerben wird zwischen Neugründungen und Betriebsübergaben unterschieden. 80 betriebe gingen an neue Inhaber über. 2019 gab es nur 55 Betriebsübergaben.

Spitzenreiter ist die Gemeinde Petershausen mit 696 neuen Gewerbeanmeldungen, gefolgt von Dachau mit 622. Aktuelle Zahlen wurden aber nicht immer an das Landratsamt und die IHK übermittelt. Es könnte also sogar noch mehr fleißige Gründer geben.

Ihr eigenes Studio soll der nächste Schritt werden. Ein gemütlicher Ort mit weichen Sesseln und Glühbirnen an bunten Kabeln. Fetsch hat ihn mit Hilfe von Nachbarn, Freunden und Familie gestaltet, als sie im Lockdown nicht wie geplant öffnen konnte. Dass er nicht wie ein Fitnessstudio aussieht, ist beabsichtigt, weil sich viele Menschen in typischen Fitnessräumen einfach nicht wohl in ihrem Körper fühlten, erklärt sie.

Der Vorsitzende des IHK-Regionalausschusses Dachau, Peter Fink, lobt die vielen Gewerbegründungen und spricht von einem "ungebrochenen Unternehmergeist" und "neuen Chancen" die in "innovative Geschäftsmodelle und -ideen umgesetzt" würden.

Dennoch bleiben innovative Unternehmensneugründungen wie Start-Ups eine Ausnahme. Wie das Gewerbeamt Karlsfeld und die IHK mitteilen, melden Gründer meistens Onlineshops jeder Art, Geräte-Leasing sowie Reinigungs-, Hausmeister- und Wachdiensttätigkeiten an. Besonders häufig sind sogenannte Nebenerwerbsgründungen, um die Einkommen während der Kurzarbeit zu ergänzen. Bereits 2019 lag der Anteil bei 70 Prozent, da vor allem Selbständige sich so ein zweites Standbein aufbauen wollen. Klassische Pandemiebeispiele für Nebenerwerbe sind die Umwandlung von Clubs in Corona-Testzentren und die Umstellung von Restaurantbetrieb auf Lieferdienst.

Test- und Impfzentren werden nach der Pandemie wieder verschwinden. Die Wachdienste vor Supermärkten wahrscheinlich auch. Genau wie alle Nebenerwerbe, die weniger Geld einbringen als der eigentliche Hauptberuf. Lieferdienste und Onlineshops könnten Corona jedoch überdauern, da Kunden sich daran gewöhnt haben.

Auch Ina Fetschs Studio wird erst einmal bleiben. Im Moment tragen die Onlinekurse die Mietkosten. Eine Idee für den Zweiterwerb hat sie auch schon. Interessierte können ihren Raum für Veranstaltungen mieten.

© SZ vom 15.05.2021
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