Kommunalpolitik für die Jungen:Was gute Jugendarbeit ausmacht

Kommunalpolitik für die Jungen: Ein Punkt, der gute Jugendarbeit laut Stadtjugendpfleger Markus Högg ausmacht: Jugendliche müssen eigene Räumlichkeiten nutzen können.

Ein Punkt, der gute Jugendarbeit laut Stadtjugendpfleger Markus Högg ausmacht: Jugendliche müssen eigene Räumlichkeiten nutzen können.

(Foto: Toni Heigl)

Bergkirchen kündigt die Zusammenarbeit mit dem Kreisjugendring auf und will dessen Aufgaben im Ort selbst übernehmen. Erfahrungen aus anderen Landkreisgemeinden zeigen, dass das funktionieren kann. Doch der Schritt birgt auch Risiken.

Von Anna Schwarz, Bergkirchen

Seit rund 15 Jahren organisiert der Kreisjugendring (KJR) Dachau die Jugendarbeit in der Gemeinde Bergkirchen, ab 2025 soll damit Schluss sein. Denn die Gemeinde hat den Kooperationsvertrag mit dem KJR gekündigt und will die Jugendarbeit in Zukunft selbst in die Hand nehmen. Der Jugendrat organisierte daraufhin die wohl erste Mahnwache vor dem Bergkirchener Rathaus. Die Jugendlichen fühlen sich bei der Entscheidung übergangen und befürchten, dass die "qualitativ hochwertige Jugendarbeit in der Gemeinde" gefährdet ist, wenn sie nicht mehr vom KJR organisiert wird. Das wirft die Frage auf: Was macht gute Jugendarbeit eigentlich aus - und wie wird sie in anderen Gemeinden koordiniert?

Im Landkreis übernimmt der KJR die Jugendarbeit neben Bergkirchen auch in folgenden Gemeinden, entweder komplett oder teilweise: Erdweg, Karlsfeld, Odelzhausen, Sulzemoos, Pfaffenhofen an der Glonn und Weichs. Mit dem Kooperationsende in Bergkirchen hat der Geschäftsführer des KJR Dachau, Ludwig Gasteiger, nicht gerechnet: "Für uns war das eine Überraschung."

Derzeit kümmern sich drei KJR-Mitarbeitende um die Bergkirchener Jugendlichen, sie betreuen nicht nur Jugendtreffs, unterstützen den Jugendrat, sondern organisieren auch ein Ferien- und Freizeitprogramm mit besonders vielen Angeboten. "Bergkirchen ist damit landkreisweit der Vorreiter", sagt Gasteiger. Allein in diesem Jahr wurden dort 121 Veranstaltungen auf die Beine gestellt, daran nahmen laut Gasteiger 200 Kinder und Jugendliche aus der Gemeinde teil. Das Angebot ist laut dem Jugendrat vielfältig: angefangen bei Faschingspartys und Ostereiersuche, über Golfkurse, Kinderyoga, dem Bauen von Solar-Handyladestationen und U-18-Wahlen bis Plätzchenbacken.

"Unsere Jugend nimmt das Angebot des KJR sehr gerne an"

Gasteiger ist überzeugt: Im Laufe des Jahres 2024 wird es zu einer "Umbruchsituation" in der Jugendarbeit Bergkirchen kommen. Schließlich hätten die langjährig aktiven Gemeindejugendarbeiterinnen zu den Jugendlichen und den Jugendleitern der Vereine enge Beziehungen aufgebaut. "Der Jugendarbeit in Bergkirchen steht eine ungewisse Zeit bevor, in der jungen Menschen Angebote und Unterstützung fehlen werden", schreibt Gasteiger auf SZ-Anfrage.

Die Gemeinde Weichs sei froh, die Jugendarbeit in professionelle Hände gegeben zu haben und arbeite bereits seit rund 14 Jahren mit dem KJR zusammen, so der Weichser Bürgermeister Harald Mundl (CSU). Zuvor kümmerte sich die Jugendreferentin im Gemeinderat Birgit Singer um die Jugendhilfe, doch das sei zu arbeitsintensiv geworden. Mittlerweile arbeitet die KJR-Jugendpflegerin Elisabeth Moor halbtags für die Gemeinde. Sie betreut etwa das Jugendzentrum und organisiert ein Ferien- und Freizeitprogramm. Mundl sagt: "Unsere Jugend nimmt das Angebot des KJR sehr gerne an." Denn: "Als kleine Gemeinde können wir nicht jeden Arbeitsauftrag erfüllen." Jährlich investiere die Gemeinde rund 50 000 Euro für die Jugendhilfe.

"Wir würden uns die Jugendarbeit nicht wieder ins Rathaus zurückholen wollen"

Auch die Marktgemeinde Indersdorf arbeite bei der Jugendarbeit mit einem Träger zusammen, so der Geschäftsleiter Klaus Mayershofer. Er ist überrascht von der Entscheidung der Gemeinde Bergkirchen, die Jugendarbeit selbst stemmen zu wollen: "Wir würden uns die Jugendarbeit nicht wieder ins Rathaus zurückholen wollen. Der Zweckverband macht es einfach besser."

Seit rund 15 Jahren kooperiert Indersdorf mit dem Zweckverband Jugendarbeit Haimhausen und gibt dafür rund 120 000 Euro im Jahr aus. Dafür betreuen die Mitarbeiter unter anderem das JUZ, organisieren das Ferienprogramm und sind beim Indersdorfer Faschingsumzug Ansprechpartner für Kinder und Jugendliche. Als Vorteile sieht Mayershofer, dass beim Verband mehrere Jugendsozialarbeiter arbeiten: "Wenn eine Person krank ist, decken das die anderen Mitarbeiter ab." Wenn nur ein Sozialpädagoge im Rathaus arbeiten würde, gäbe es wohl Probleme, das Ferienprogramm im Sommer zu organisieren, vermutet er. Denn im August wolle jeder mal Urlaub machen, so Mayershofer. Auch Bergkirchens Bürgermeister Robert Axtner (CSU) sagt: "Mit einer Person für die Jugendarbeit wird's wohl nicht getan sein."

"Wir spüren den Fachkräftemangel und denken mit dem Gemeinderat über Alternativen nach"

In Karlsfeld unterstütze der Kreisjugendring die Gemeinde unter anderem bei der Mittagsbetreuung, so Bürgermeister Stefan Kolbe (CSU): "Das funktioniert sehr gut." Den Rest der Jugendarbeit organisiere die Gemeinde selbst, das sei bisher gut gelungen: "Allerdings spüren auch wir mittlerweile den Fachkräftemangel und denken mit dem Gemeinderat über Alternativen nach", so Kolbe.

Derzeit beschäftigt die Gemeinde vier Mitarbeitende in der Jugendarbeit, die etwa als Streetworker und im Jugendhaus tätig sind - doch in diesem Jahr haben einige Mitarbeitende in kurzen Zeitabständen zueinander gekündigt. Deshalb musste das Ferienprogramm Mini-Karlsfeld heuer ausfallen, auch das Jugendhaus blieb häufiger geschlossen, was der Karlsfelder Jugendrat immer wieder kritisierte. Die jährlichen Kosten für die Jugendarbeit würden variieren, schreibt Kolbe: "Bei personeller Vollauslastung kann hier von einem mittleren sechsstelligen Betrag ausgegangen werden."

Kommunalpolitik für die Jungen: Lukas Drexler ist Sprecher des Bergkirchener Jugendrats und hat mit seinen Mitstreitern eine Mahnwache vor dem Rathaus organisiert.

Lukas Drexler ist Sprecher des Bergkirchener Jugendrats und hat mit seinen Mitstreitern eine Mahnwache vor dem Rathaus organisiert.

(Foto: Niels P. Jørgensen)
Kommunalpolitik für die Jungen: Ludwig Gasteiger ist Geschäftsführer des Kreisjugendrings und sieht die Entscheidung des Bergkirchener Gemeinderats skeptisch.

Ludwig Gasteiger ist Geschäftsführer des Kreisjugendrings und sieht die Entscheidung des Bergkirchener Gemeinderats skeptisch.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Auch die Stadt Dachau organisiert die Jugendarbeit seit Jahrzehnten selbst, dafür hat sie im Jahr 2022 rund 1,1 Millionen Euro ausgegeben und derzeit rund zehn Mitarbeiter angestellt. Sie organisieren unter anderem ein Ferienprogramm, Konzerte, ein Open-Air-Kino, betreuen die zwei Jugendzentren und sind als Streetworker unterwegs. Dabei gehe man aktiv auf Jugendliche zu und biete Hilfe an bei Problemen rund um Jobsuche, Familie oder erster Liebe, sagt Stadtjugendpfleger Markus Högg.

Ob die Jugendarbeit von einer Kommune selbst oder in Kooperation mit einem Verband organisiert wird, findet er nicht ausschlaggebend: "Das hat nichts damit zu tun, ob Jugendarbeit erfolgreich ist." Er habe beobachtet, dass vor allem kleinere Gemeinden mit einem Träger zusammenarbeiten und dessen Expertise nutzen. Größere Gemeinden, wie die Stadt Dachau, hätten die Struktur für die Jugendarbeit in der Verwaltung über Jahre selbst aufgebaut.

Ums Geld geht es der Gemeinde Bergkirchen nicht

Auf die Frage, was gute Jugendarbeit ausmache, antwortet der Sozialpädagoge: "Da sein für die Jugendlichen." Es sei wichtig, dass ihre Anliegen gehört würden, deshalb gebe es in Dachau etwa eine Jungbürgerversammlung. Die Jugendlichen müssten nicht nur eigene Räume haben, sondern diese auch nach ihren Vorstellungen nutzen dürfen, wie ein Jugendzentrum, und eine Anlaufstelle bei Problemen haben.

Wie die Jugendarbeit in Bergkirchen künftig aussehen soll, darüber wird am 8. Januar erstmals ein Arbeitskreis aus Gemeinderäten diskutieren. Zum zweiten Treffen sollen auch die Jugendräte eingeladen werden, so Bürgermeister Axtner. Auf SZ-Anfrage schreibt er, dass die Gemeinde für die Jugendarbeit des KJR im Jahr 2021 rund 82 000 Euro ausgegeben habe, 2022 seien es rund 125 000 Euro und 2023 bislang etwa 133 000 Euro. Doch um eine Einsparungsmaßnahme handle es sich bei der Idee, die Jugendarbeit künftig selbst zu organisieren, keineswegs: "Das Kostenthema war nicht der ausschlaggebende Punkt für die Trennung vom Kreisjugendring."

Auch einen expliziten Auslöser für die Kündigung habe es nicht gegeben, sagt Axtner: "Wir waren nicht unzufrieden mit dem Kreisjugendring." Erst Anfang November habe der Gemeinderat über die Jugendarbeit diskutiert und sei zu dem Ergebnis gekommen, sie noch besser machen zu wollen. In Zukunft wolle man sehr beliebte Freizeitangebote des KJR, wie Kinderyoga-Kurse oder Bastelaktionen, aber auch weiterhin anbieten.

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