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Wirtschaft in München:Welche Auswirkungen die Corona-Krise auf die Baubranche hat

Polier Lars Kopf an einer Baustelle an der Bayerstraße 77.

Bauen trotz Corona: Polier Lars Kopf an einer Baustelle an der Bayerstraße 77.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Auf den Baustellen wird weiter gearbeitet, doch natürlich macht sich auch die Baubranche Sorgen. Die internationalen Lieferketten könnten zum Problem werden.

Von Linus Freymark

Sie sind die Letzten, die noch hier sind. Vor ein paar Wochen liefen Angestellte aus den umliegenden Büros zwischen den Häuserblocks herum, Geschäftsreisende blickten von ihren Hotelbalkonen auf die Baustelle im Innenhof. Jetzt ist das Hotel so gut wie leer, die Büros verlassen. "Da siehst du keine Kerze, kein Licht mehr", sagt Lars Kopf. Der Polier und seine Männer sind geblieben. Auf der Baustelle im Innenhof wird gespachtelt, gehämmert, vermessen.

In vielen Branchen ruht die Arbeit oder ist auf ein Minimum reduziert. Auf den Münchner Baustellen aber läuft der Betrieb weiter. Das städtische Baureferat teilt mit, dass alle öffentlichen Aufträge fortgeführt werden. Alle Projekte lägen im Zeitplan. Auch das bayerische Bauministerium ließ verlauten, dass es keinen Grund gebe, laufende Baumaßnahmen einzustellen. Staatsministerin Kerstin Schreyer begründet das mit der Notwendigkeit, "die Leistungsfähigkeit der Infrastruktur für die Bevölkerung und die Wirtschaft sicherzustellen".

Den Baufirmen gibt das vor allem eines: Sicherheit in der Krise. Doch natürlich hat die Corona-Pandemie auch auf den Baustellen das Arbeiten verändert. Seit Oktober bauen Lars Kopf und seine 16 Mann starke Truppe in dem Innenhof in der Bayerstraße ein Büro- und Wohngebäude. Im Juni sollen sie fertig werden, und bis jetzt, sagt Kopf, "läuft alles noch nach Plan". Aber natürlich haben auch sie hier die Folgen der Krise zu spüren bekommen: Die meisten von Kopfs Arbeitern kommen aus Serbien, viele haben sich wegen der Grenzschließungen Sorgen gemacht. Jeden Tag sind Kopf und sein Dolmetscher nun damit beschäftigt, die Arbeiter zu informieren. Als sie ihnen sagen konnten, dass die Arbeiten weitergehen, seien die Männer erleichtert gewesen. Für die meisten wäre es eine Katastrophe, wenn der Verdienst plötzlich wegfallen würde.

Der Bayerische Bauindustrieverband befürwortet naturgemäß die Entscheidung, dass auf den Baustellen weiter gearbeitet werden darf. Neben dem wirtschaftlichen Schaden, den die Branche durch eine behördlich angeordnete Stilllegung hätte, würde eine Schließung der Baustellen auch den sowieso schon vorhandenen Facharbeitermangel verstärken, sagt Pressesprecher Josef Wallner.

Dasselbe befürchten auch Lars Kopf und seine Chefin Elisabeth Renner vom Bauunternehmen Renner. "Irgendetwas muss ja weitergehen", sagt Renner - Krise hin oder her. Und auch Lars Kopf findet: "Es ist gut, dass weiter gearbeitet wird." Auf den Baustellen sei das gut möglich - sofern man die Vorsichtsmaßnahmen beachtet, den nötigen Abstand einhält und die Hygieneregeln ernst nimmt. In seinem Bürocontainer auf der Baustelle hat er zwei Tische aneinander gestellt, sodass man sich bei Gesprächen nicht zu nah gegenübersitzt. Der Abstand zwischen Kopf und seinen Gästen beträgt jetzt exakt 1,50 Meter, er hat das nachgemessen. Und auch außerhalb des Bauzauns gelten diese Regeln natürlich. Seine älteste Tochter, die ausgezogen ist und nicht mehr bei den Eltern wohnt, hat Kopf seit Wochen nicht mehr gesehen - aus Sicherheitsgründen.

Die derzeit größte Sorge aber bereitet der Branche die durch die Krise unterbrochenen Lieferketten. Steine und Zement sind kein Problem, die werden aus Deutschland geliefert. Aber der Stahl kommt aus dem Ausland, ebenso wie das Holz. Das stammt oft aus Tirol oder Südtirol. Zur Veredelung wird es nach Tschechien oder Polen geschickt, von dort landet es dann auf deutschen Baustellen. Aber in Österreich und Italien ist die Herstellung gestoppt, und auch der Transport in den Osten und zurück ist kompliziert, jetzt, wo Europas Grenzen nicht mehr offen sind.

Kurzfristig ist das Baugewerbe kaum vom Corona-Stillstand betroffen - doch natürlich macht sich die Branche Sorgen. Auf die Krise folgt mit großer Sicherheit die Rezession, der Bayerische Bauindustrieverband rechnet damit, dass darunter langfristig auch die Baubetriebe leiden werden. Zwar haben Bund und Länder angekündigt, weiterhin Bauaufträge zu vergeben, zu zwei Dritteln kommen diese jedoch von den Kommunen. Würden Städte und Gemeinden nun wegen der Corona-Krise Baumaßnahmen stoppen oder keine neuen Vorhaben mehr beginnen, wäre das "fatal", sagt Pressesprecher Wallner. Dabei sei die Krise eigentlich ein guter Zeitpunkt, um zu bauen: Während der Verkehr zurückgegangen ist und die meisten Leute zu Hause bleiben, würden Baustellen am wenigsten stören.

Lars Kopf und seine Chefin Elisabeth Renner hoffen das Beste. "Man muss positiv denken", sagt Kopf. Auch Renner versucht, sich keine allzu großen Sorgen zu machen - und Chancen in der Krise zu sehen. Die gegenwärtige Situation könne auch dazu beitragen, "dass man sich wieder mehr auf die eigenen Kräfte besinnt", wie sie sagt. Wieder mehr auf Rohstoffe aus der Region setzt, Holz aus dem Bayerischen Wald etwa anstatt aus Italien. Wenn alle so denken würden, hätte man schließlich keinen Wettbewerbsnachteil mehr gegenüber denen, die auf das billigere Material setzen. Und vielleicht würde so ein Umdenken der ein oder anderen Branche tatsächlich guttun - allen voran dem Baugewerbe.

© SZ vom 23.04.2020/syn
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